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18.01.2022, Jamal Tuschick

In jeder Hinsicht abgeschmackt – Nachtrag zu meiner Besprechung von Hans Magnus Enzensbergers „Fallobst. Nur ein Notizbuch“, siehe Werke von seltsamer Gründlichkeit.

Abgestandener Charakter

Anita Albus erkannte in den Brüdern Goncourt greise Kinder, die mit ihrem Vergnügen an der Verstörung des Publikums prahlten

„Die Fülle der Arbeit verführt nur zu leicht, die vitale Mechanik einzusetzen.“ Peter Suhrkamp über Siegfried Unseld zu Hermann Hesse

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Dienstag, 8. Februar 1876 - Nach den Wortbeiträgen über das Papsttum, die Gedankenlosigkeit deutscher Philosophen, die impulsiven Aktionen von Irrenärzten, die Ursachen der Syphilis ist das letzte Wort des Dinergesprächs bei Brébant das folgende:

Die Filzlaus ist also vom Schöpfer entschieden weniger gut ausgerüstet als die Laus?

Nie spüre ich meine Einsamkeit, die Vereinsamung meines Herzens mehr als im Umgang mit herzlichen Bekannten und im Kreis meiner Freunde.

Aus dem Tagebuch der Brüder Goncourt

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Weder erfahren noch unschuldig findet im Ulysses Stephen Dedalus seine Schüler. Als Hilfslehrer unterrichtet das Alter Ego seines Schöpfers James Joyce in der unseligen Knabenanstalt des Mr. Daisy. Eines Tages fragt der prätentiöse Unternehmer seinen überspannten Angestellten nach dem Stolz der Engländer:innen. Der bekennende Anti-Held Stephen gibt lauter falsche Antworten. Mr. Daisy klärt den Ratlosen schließlich auf. Mit Stolz erfülle die Engländer:innen, können sie denn posaunen:

„Ich habe alles bezahlt.“

Für den fadenscheinig ausgestatteten Edelschnorrer und hochfahrenden Schuldenschneider Stephen klingt das wie Hohn. Bald wird ihn das eigene Urteil treffen. Er verpilzt nahezu anschlusslos in dem Gewohnheitspelz jenes Leopold Bloom, der den unzulänglich saturierten Joyce vertritt, als einen in jeder Hinsicht abgeschmackten Charakter.

Mir kam das in den Sinn, als ich in Hans Magnus Enzensbergers unter dem Titel „Fallobst. Nur ein Notizbuch“ (mit Zeichnungen von Bernd Bexte, Suhrkamp, 15,-) eben erschienene, vermischte Prosa auf folgende Bemerkung stieß:

„Die schauderhafte Belle Époque, wie sie von Edmond und Jules de Goncourt in ihrem heimtückischen Journal beobachtet wird. Kunst und Pornographie, ein unflätiges Vokabular bei den teuersten Diners, ein trautes Einverständnis zwischen Hurerei und Heuchelei.“

Mit Enzensberger frage ich mich, was geschieht, wenn die Kritiker:innen bigotter Verhältnisse mit den Akteuren der Verworfenheit jedes Laster teilen und einfach nur sehr viel weniger Geld zur Verfügung haben als die Kritisierten? Enzensberger führt aus: Es gibt genug „Schriftsteller, Drehbuchautoren und Regisseure, die diese makabre Gesellschaft, wie einst die Goncourts, darzustellen suchen, wiewohl sie Habitus, Gewohnheiten, Obszönitäten und Flüche mit ihr teilen. Als Stellvertreter Baudelaires und Rimbauds werden sie hochgeschätzt …“ 

1989 erschien in der von Enzensberger emphatisch edierten „Anderen Bibliothek“ im Eichborn Verlag als 52. Band „Edmond und Jules de Goncourt. Blitzlichter. Portraits aus dem neunzehnten Jahrhundert.“

Ausgewählt, übersetzt und mit einem Nachwort versehen wurde das Journalextrakt von Anita Albus.  

Die Frankfurter Rundschau schrieb: „Die Tagebücher der Brüder Goncourt sind eine kultur-, zeit-, sozial- und sittengeschichtliche Fundgrube ersten Ranges.”

Damals bewachten hedonistisch rauchende und schwadronierende Feinschmecker:innen und Weinbeißer:innen die Aufgänge zur Hochkultur. Ihr Typus ist aus der Welt verschwunden. Ihre Exzentrik hat sich in Luft aufgelöst. In einem von hochmütiger Bequemlichkeit bestimmten Betriebsklima seziert Albus die Brüder. Sie stellt dem Nachwort ein Wort von Flaubert voran, dass allerdings zu dem passt, was Enzensberger zur Belle Époque (und ihrer Vorzeichnung) einfällt.  

Europa ist die Weltsonne, seine Reiche und Regierungen kennen keine anderen schwerwiegenden Gegner:innen als ihre Nachbar:innen. Ein halbes Dutzend Mutterländer unterhält auf allen Kontinenten Marionettenregimes. Die Kolonialmächte setzen Potentaten ein und ab. Den stärksten Motor aller Entscheidungen liefert das wirtschaftliche Interesse. Ausgerechnet der selbstermächtigte Putschist Napoleon III. (1808 - 1873), bürgerlich Charles Louis Napoleon Bonaparte, trägt die Entschlossenheit zur Schau, sich an die Spitze des Kartells zu stellen. Verdiente Spötter der Nation verstummen angesichts des landesherrschaftlichen Selbstdarstellungsgenies. Sie staunen mit dem ungelenken Rest um die Wette, ob der theatralischen Einfälle von oben.

Der Kaiser belohnt schlecht dichtende Lobhudler:innen und lässt Balzacs Schinken unter den Tisch des Freiverkäuflichen fallen. Flaubert und Baudelaire kriegen Ärger. Sie verkörpern die Moderne gegen eine kapriolende Restauration.

Man ist vorsätzlich antiquiert. Flaubert bezeichnet den Nationaldichter Pierre-Jean de Béranger als „dreckigen Bourgeois“. Diana Céline, eine Urgroßnichte des Ungeheuers, unterstellt Flaubert auch einen Vorsprung in der Kunst des Obszönen, von der „in Zeiten von „Fifty Shades“ und „Feuchtgebiete“ kein Mensch mehr etwas verstünde. Die Literaturwissenschaftlerin entdeckt „raffinierte Anzüglichkeit“. 

Wir wissen es alle, Flaubert selbst charakterisiert seine Heldin Emma Bovery als „Perverse“, die sich von einem schön gemalten Jesus herausfordern lässt, aber sehr wohl auch auf Geld begeistert reagiert. Ein Prozess wegen des Verstoßes gegen die öffentliche Moral etc. wird am 29. Januar 1857 eröffnet. Madame B. erscheint der Strafkamarilla „als Gefahr für junge Mädchen und Frauen“. Die in gerichtlichen Streit geratene Romanfigur habe „schon als Kind im Beichtstuhl … sinnliche Lust empfunden“. Der himmlische Bräutigam löste den Wunsch aus, vollständig erkannt zu werden.

Susanne Stemmler bemerkt bei Flaubert eine „Obszönität des Sehens“, die sich in marodierenden Indiskretionen gegenüber Krankheitsbildern zum Beispiel beweist. Flaubert ignoriert Schranken, Zutrittsverbote, Burka-Botschaften. Ostentativ, wenn nicht wütend, setzt er sich über Beschränkungen hinweg, um seiner Beschreibungsmonomanie zu frönen.

„Und das war alles. Sie existierte nicht mehr.“ Flauberts Fazit.

Die Anklage findet Flauberts unpersönlichen Ton „lasziv“. Baudelaires Gesellschaftsdiagnosen etablieren neue Krankheitsbegriffe, die der Psychoanalyse voraneilen. Geniale Mediziner wie Jean-Martin Charcot werden sich bald auf Flaubert & Baudelaire stützen, während das politische Frankreich der Regression Monumente baut.

Kurz und gut, Albus zählt all das auf, was Enzensberger jetzt mit einem Strich bilanziert. Nur, wir lasen es einst ganz anders. Die Brüder erschienen nicht hinterhältig, sondern als Max und Moritz einer unverdorbenen Boshaftigkeit. Greise Kinder prahlten mit ihrem Vergnügen an der Verstörung des Publikums. Lange vor Heiner Müller wussten sie: Was du den Leuten nicht antust, das tun sie dir an. Das Programm zwischen Ranküne und intellektueller Feme war deutlich zu sehen. Es unterlag Ende der 1980er Jahre aber einer völlig anderen Kritik.