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19.01.2022, Jamal Tuschick

„Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei.“ Walter Benjamin

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„Die Nachwelt ist eine Fata Morgana.“ Hans Magnus Enzensberger

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„Mein Ich, eine ewig debattierende Menge. Manchmal möchte ich die Glocke schwingen, den Hut aufsetzen und die Sitzung verlassen.“ André Gide

Symbolfoto © Jamal Tuschick

Rationalistische Verschandelungen

Adorno sagt

In der Kunst hat die Geschichte rückwirkende Kraft. Deshalb reiße jeder Deutungsumsturz bereits kanonisierte Werke „in sich hinein“. Zeug:innen von Bilderstürmen verstehen mit Adorno besser: wie preiswert das Repertoire der Stimmungskanonen ist, die dem Auditorium gerade die Fragwürdigkeit von Rembrandt und Picasso erklären. Dem einen fehle der de-kolonialisierende Horizont, den anderen stigmatisiere ein exploitierender Umgang mit Frauen.

„Man versteht ein Kunstwerk nicht, wenn man es in Begriffe übersetzt.“

Interessant seien vielmehr „sedimentierte Spannungen“, denen man nachgehen kann, bis zu einem Vorsprung des Begreifens.

Adorno kritisiert „rationalistische Verschandelungen“. Gleichzeitig bestreitet er einem „vulgären ästhetischen Irrationalismus“ das Recht, Kunst zur Gefühlssache zu erklären. 

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Brecht sagt

Das Exil machte Brecht nicht demütig. Er zählte zu den Stars der Emigration. Andere erlitten das Schicksal, dem er treffende Worte gab. Reden wir kurz über die Flüchtlingsgespräche - „Der Pass“, so heißt es in dem fragmentarischen Ertrag des Brecht’schen Nachlasses, „ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“

 „Man kann sagen, der Mensch ist nur der mechanische Halter eines Passes. Der Pass wird ihm in die Brusttasche gesteckt wie die Aktienpakete in das Safe gesteckt werden, das an und für sich keinen Wert hat, aber Wertgegenstände enthält.“

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Gracián sagt

„Es ist eine feste Maxime der Weisen, sich nicht mit der Feder zu vertheidigen: denn solche Vertheidigung läßt eine Spur nach und schlägt mehr in Verherrlichung der Widersacher als in Züchtigung ihrer Verwegenheit aus. Von Vielen würden wir nie Kunde erhalten haben, hätten ihre ausgezeichneten Gegner sich nicht um sie gekümmert.“ Baltasar Gracián

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Capa sagt

Er sprach sieben Sprachen ohne jede Wertschätzung für die Besonderheiten des Satzbaus. Hemingway nannte den schöpferischen Prozess der reduktiven Verbreiung „Capanesisch“.

Robert Capa sichert Filme und andere empfindliche Sachen in Präservativen. Die eigenwillige Nutzung macht Schule und avanciert zu einem Stammesmerkmal anglo-amerikanischer Schlachtenbummler mit dem Renommee von Premiumweltmännern.

Neurotisch klappert Capa Kriegsschauplätze ab. Verschlägt es ihn in die Etappe, pusht er sich mit allen Mitteln, die zur Verfügung stehen. Er säuft, qualmt, zockt und schläft bei wie im Fieber. In London organisiert er „ausgedehnte (und illuster besetzte) Pokerpartien, bei denen es als Verstoß gegen die Sitten bewertet (wird), wenn man während der … Bombardements … vor einem Einsatz (zögert) oder gar zusammenzuckt“, obwohl Granatsplitter das Blatt auf der Hand zerfetzen. 

Endlich ist es so weit. Capa schließt sich mit 62,5 Kilogramm Gepäck und einem Bündel „schäbiger Franc-Scheine“ der 116. Infanteriedivision an. Mit den Männern des ersten Sturms im Rahmen der Operation Overlord schifft er sich in Weymouth auf der Samuel Chase ein. 

„Wir haben nur eine Chance, den Feind aufzuhalten, und zwar, während er im Wasser ist.“ Erwin Rommel

Morgens um drei gibt es die letzte Mahlzeit vor dem Kampf. Serviert werden Würste und Pfannkuchen. In der nächsten Szene versammeln sich zweitausend Männer an Deck. Mit dreißig Soldaten klettert Capa in einen Kahn. Keiner der Ausgeschifften ist auch nur annähernd so alt wie der dreißigjährige Journalist.