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20.01.2022, Jamal Tuschick

Skandinavisches Outback

„Die Unterordnung der Eroberung unter die Moral“.

Darin erkennt Georges Bataille das Wesen des Islams. Er beschreibt die Religion „als völligen Bruch mit der Gesellschaft“, die sie ursprünglich konstituiert. Gewiss ist diese Einsicht niemals islamisch kanonisiert worden.   

Ich dachte an das Wort von Bataille, als ich Rosa Liksoms Roman „Die Frau des Obersts“ las und nun wieder während der Lektüre von Petra Rautiainens Samen-Saga, „Land aus Schnee und Asche“, siehe Skandinavisches Outback.

1944 tritt der Militärbeamte und Dolmetscher Väinö Remes seinen Dienst in einem geheimen, der Gestapo unterstellten, von der Wehrmacht geführten Gefangenenlager nahe Inari an. Die Gemeinde am Inarijärvi fungiert als Dreh- und Angelpunkt samischer Belange in Lapplands finnischem Zipfel. Im Übrigen sagen sich da Elch und Ren gute Nacht.

Petra Rautiainen, „Land aus Schnee und Asche“, Roman, auf Deutsch von Tanja Küddelsmann, Insel Verlag, 22,-

Rosa Liksom, „Die Frau des Obersts“, Roman, aus dem Finnischen von Stefan Moster, Penguin Verlag, 217 Seiten, 217 Seiten, 20,-

Zwischen medizinischer Versorgung und Hinrichtung

Kommt ein Trupp verletzter Gefangener an, erhalten manche eine Heilbehandlung ihrer Schusswunden, während andere kurzerhand erschossen werden.   

Väinö ist restlos infiziert von der Pest des nationalsozialistischen Gedankenguts. Seine arglose Grausamkeit schließt vor ihm jeden humanitären Spielraum. Fromm beteiligt er sich an mörderischen Verheerungen.

Väinö träumt von einem groß-finnischen Reich nach deutsch-faschistischem Vorbild. Gleichzeitig begegnet er den übermächtigen Waffenbrüdern (und verkappten Usurpatoren) mit allergischer Abneigung.

Berliner Versager

Rosa Liksom schildert ein faschistisches Finnland, das Deutschland als Mutterimperium adoptiert, wenn auch in einer einseitigen Beziehung. Die deutschen Rassefetischisten zweifeln an der „nordischen Reinheit“ der Finnen und Samen.

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Petra Rautiainen erzählt von den Nöten einer ethnischen Minorität in ihrem angestammten Verbreitungsgebiet. Auch nach Fünfundvierzig kursieren in der finnischen Mehrheitsgesellschaft diskriminierende Vorstellungen und Begriffe über die angeblich „degenerierten“ Samen.

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Die Deutschen lassen sich die Begeisterung für den finnischen Nationalsozialismus lediglich gefallen, bis es eng wird und Hitler 1942 in Finnlands Nationalhelden Carl Mannerheim, einem französisch erzogenen Russen, des Finnischen kaum mächtig, einen entschlossenen Gegner der Roten Armee zu erkennen lernt. Der weltgewandte Marschall will sich aber nicht länger mit dem Berliner Versager gemein machen. Mannerheim findet den sich anwanzenden Reichskanzler peinlich und ignoriert ihn nach Kräften. Liksom erzählt von dem verrutschten Gipfeltreffen aus der Perspektive der geborenen Offiziersfrau Lotta, die sich im hohen Alter an weltgeschichtliche Berührungen erinnert.

Lotta teilt Väinös Perspektive. Der Nationalismus ist ihre Religion, ein Zwang ohne versüßende Garnitur; eine kalte Sache, an der Frauen teilhaben dürfen, sofern sie sich nicht zurückhalten in ihrer Unterwerfung. Zum Mannsein, das lernt die Erzählerin als „kleine Lotta“ im Pfadfinderinnen-Sommerlager, gehört Tyrannei. Liksoms Heldin stammt aus einer Dynastie reicher Bauernfinnen, finnlandschwedischer Aristokraten und samischer Hirten. Ihre Ahnen vereinten den Stolz hervorragender gesellschaftlicher Stellungen mit Langlebigkeit. Sie kombinierten den Gegensatz von Bodenständigkeit und Kosmopolitismus. Sie waren nach und nach so wie gleichzeitig alles Mögliche bis hin zu Kommunisten und Geheimräten. Doch dann fährt Lottas Vater Juho nach Deutschland und kommt als Faschist zurück. Er indoktriniert seine Tochter. Der Nationalsozialismus hält als ungeprüfte Idee Einzug in die Sphäre der Erzählerin. Sie wird erwachsen im Hass gegen die Russen. Aus dem russischen Bären macht die Propaganda einen wahnsinnigen Hund. Lotta bekennt sich zu Niedertracht und Größenwahn. Sie fiebert an der geografischen Peripherie dem „Lied der Geschosse“ entgegen. Als Bettgenossin eines Berufssoldaten erklärt man ihr die Lage an der Ostfront. Hitler hat gerade Polen überfallen, der Titelheld inspiziert die jüngsten Schlachtfelder in Begleitung seiner „Sekretärin“.

Die Erzählerin bewundert die Fortschreibung der Erzählung von einer Überlegenheit wie aus den Wolken. Sie fliegt „durch Rußregen und blutigen Nebel“.

Ich empfehle beide Titel wie auf einer langen Eisenbahnfahrt nacheinander zu lesen. Die Erzählflüsse strömen zusammen, als triebe sie ein Wille an.