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22.01.2022, Jamal Tuschick

„Ein Pessimist könnte die Geschichte von Paris zusammenfassen in eine ununterbrochene Folge von Katastrophen: Kriegen, Feuersbrünsten, Massakern, Hinrichtungen, Überschwemmungen, Epidemien, Hungersnöten.“ Ré Soupault

Martialische Heimsuchung

Am 2.3.1982 sendet der Hessische Rundfunk einen Beitrag mit dem Titel „Die Welt der Kelten. Eine Zivilisation und ihr Ende“. Darin trifft Ré Soupault eine fabelhafte Unterscheidung. Im Gegensatz zu ihren Vernichtern, den materialistischen, von einer festgefügten staatlichen Struktur ausgehenden Römern, seien die Kelten „Spiritualisten“ mit einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung gewesen. Demnach überwand das hermetisch Totalitäre die organische Ordnung eines frei atmenden Gemeinwesens. 

Ausgangspunkt der idealistischen, einen glücklichen Naturzustand imaginierenden Geschichtsbetrachtung ist ein Kriegsführungsdetail.

„Als Julius Cäsar, im Kampf gegen seinen Rivalen Gnaeus Pompeius Magnus, Marseille belagerte“, da befahl er den bereits seinen martialischen Heimsuchungen erlegenen Kelten, Eichen zum Bau von Schiffen zu schlagen. Die Geschlagenen weigerten sich aus religiösen Gründen. Sie fürchteten ihre Götter mehr als den Tod. Cäsar erkannte, dass mit der militärischen Überwindung des archaischen Feindes dessen Schicksal nicht besiegelt war. Er musste ihm noch das Mark aus den Knochen ziehen.

Die Autorin perpetuiert das Narrativ vom seligen Wilden und dessen super achtsamen Seelenführer:innen:

„Die Druiden sahen den Staat als eine freiwillige, moralische Ordnung, deren Idealismus mythisch war. Ihre Wissenschaft, ihre Philosophie, ihr Glaube lenkten die keltische Gesellschaft. Zu dem römischen Konformismus standen sie in flagrantem Widerspruch. Der Geist der Kelten war also eine Bedrohung.“

Die restriktiven Römer gingen vom Besitz des Einzelnen aus. Die pluralistischen Gallier vergnügten sich im Kollektiv auf der unveräußerlichen Mutter Erde. Frauen waren für den Römer „Gebär- und Vergnügungsobjekte“.

„Die Kelten hingegen beteiligten ihre Frauen am politischen und religiösen Leben des Volkes.“

Ré Soupault, „Geistige Brücken. Essays“, herausgegeben von Manfred Metzner, Verlag Das Wunderhorn, 24,-

Ich erinnere mich an mein Vergnügen an solchen Radiosendungen. Ich saß versteckt beinah in der Essecke. Beim Zuhören liefen komplette Sandalenfilme in meinem Kopfkino, während meine Eltern im Wohnzimmer fernsahen. Natürlich war ich Kelte, ein „Indianer“ Europas. Ich wehrte die römische Invasion mehr oder weniger im Alleingang ab. Später schrieb ich dann selbst Funk-Märchen.

Ré Soupault verfasste „zwischen 1951 und 1986 (zunächst in Basel) mehr als fünfzig Essays, die von deutschen und schweizerischen Rundfunkanstalten produziert und gesendet wurden“.

Keltische Keimzelle

Zurück zu den Kelten. Ré Soupault betont die Freiheitsliebe der Besungenen. Sie hebt die Ungebundenen hoch über die ollen Römer. Von den in Kleinasien ansässigen und in der Bibel erwähnten Galater kommt Ré Soupault auf Galiläa. Die Ähnlichkeit der Wörter veranlasst sie zu einer Spekulation über den keltischen Ursprung der Leute von Galiläa.

In einem Feature von 1972 befasst sich die Autorin mit Paris. Die Keimzelle der Kapitale ist eine Insel in der Seine. Wieder treten die Kelten auf, diesmal als die ersten Bürger:innen von Paris.  

„Wenn es wahr ist, dass glückliche Völker keine Geschichte haben, dann müsste die Urbevölkerung von Paris ein glückliches Volk gewesen sein; denn die Kelten besaßen keine Schrift.“

Das hielt sie nicht von „grausamen Opferungen“ in den Auen an der Seine ab. Ré Soupault zitiert den Dichter Marcus Annaeus Lucanus

„Die Altäre und Bäume tropften von Menschenblut. Die Vögel wagten nicht, sich auf die Zweige niederzulassen. Selbst wilde Tiere suchten hier keine Zuflucht.“   

Wieder marschiert Cäsar auf. Im Frühjahr Zweiundfünfzig vor unserer positiven Zeitrechnung schickt er den Offizier Titus Labienus mit vier Legionen gegen Lutetia (der antike Name von Paris). Labienus' Gegenspieler, der mit allen Wassern gewaschene Camulogenus, lockt die Römer in die Sümpfe.

Ré Soupault bewährt sich als bildmächtige Fabuliererin. Es fällt mir schwer, nicht in ihr Horn zu stoßen und einfach das Garn weiterzuspinnen; zumal mir die häuslichen Stimmungen jener Ära so deutlich vor Augen stehen. Die Amerikaner waren zwar schon auf dem Mond, aber wir leben immer noch dahinter. Ein Radiosinfoniekonzert war eine geistige Mahlzeit. Die Funkgewaltigen erachtet man allgemein als Bürgen der Wahrheit; so als hätte es die Propagandaerfolge der Volksempfängerzeit gar nicht gegeben.

Ré Soupault schreibt die Skripte in ihrer Muttersprache Deutsch. Vieles entsteht in mansardenhafter Enge. Länger als andere hängt Ré Soupault in den Nachkriegsnotseilen.

Die keltische Partisanenschläue im Morast der noch lange nicht begradigt und amazonasbreit ihre Überquerung zum Abenteuer machenden Seine, bilden eine verbürgte historische Marke. Eine andere ist die Trockenlegung der Sümpfe.

„Die letzten Sumpfgebiete – heute noch Le Marais genannt – wurden von Mönchen kolonisiert.“

Bald mehr.

Aus dem Pressetext

Ré Soupault kehrte 1948 aus den USA nach Europa zurück und lebte bis 1958 in Basel. Dort begann sie neben ihrer Arbeit als Übersetzerin mit dem Schreiben von Radio-Essays … Sie beschäftigte sich mit historischen und aktuellen Themen: westliche und östliche Philosophien, die Emanzipation der Frau, Freiheitsideen, Portraits von Schriftstellern aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die Folgen des Ersten Weltkriegs. Ihre Essays zeichnen sich durch fundierte Recherchen, inhaltliche Klarheit, Esprit und einen Stil aus, der das Lesen auch heute noch – aufgrund der Auswahl ihrer Themen – kurzweilig und zu einem Leseerlebnis macht.

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Ré Soupault, geboren 1901 als Erna Niemeyer in Pommern, arbeitete bereits während ihres Studiums 1921-1925 am Bauhaus in Weimar. Über ihren Mann, dem Dadaisten und Filmkünstler Hans Richter lernte sie u.a. Man Ray und Sergeij Eisenstein kennen. 1931 gründete sie in Paris ihr erstes eigenes Modestudio »Ré Sport«. Im Kreis der Pariser künstlerischen Avantgarde traf sie ihren späteren Ehemann Phillipe Soupault. Mit ihm unternahm sie ab Mitte der dreißiger Jahre zahlreiche Reisen durch Europa und Amerika, wo sie seine Reportagen fotografisch begleitete. Seit 1948 wieder in Europa, arbeitete sie als Übersetzerin und Rundfunkautorin. Sie starb 1996 in Paris.

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Manfred Metzner lebt als Verleger und Rechtsanwalt in Heidelberg. Er ist Herausgeber der Philippe-Soupault-Werkausgabe und des Werks von Ré Soupault.