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23.01.2022, Jamal Tuschick

Strategische Desorientierung

Eines Morgens kommt ein Wächter in die Zelle und fesselt Gulbahar Haitiwaji „wortlos an die Bettstange“. So verbringt sie auch noch die kommende Nacht „im Neonlicht“. Der Vorgang versickert im administrativen Schweigen.

Der Unterschied zwischen Tag und Nacht wird für die Gefangene allein im Rhythmus der Verrichtungen zum Erlebnis. Die strategische Desorientierung gehört zu einem ausgefeilten Bearbeitungsprogramm im Spektrum zwischen subtilen und brachialen Demütigungen.

Administratives Schweigen

Gulbahar Haitiwaji rechnet sich in einen „Aufmarsch von Zombies mit ausgehöhlten Gesichtern“. Die Insassen ertrinken in Anstaltsoveralls, die hier so orange sind wie anderswo auch. Orange Jumpsuits signalisieren in Amerika medium risk auf einer Skala, die the worst of the worst als prisoner in black anführt. 

Tödliche Monotonie

Vermutlich stellen in China Gefangene keine Gefahr für ihre Umgebung dar. Ihr Alltag vollzieht sich in einem Regelwerk tödlicher Monotonie. Der Verhörbereich liegt am Ende eines Linoleumschlauchs. Die Delinquentinnen passieren einen Tunnel der Tränen.

Gulbahar Haitiwaji, Rozenn Morgat, „Wie ich das chinesische Lager überlebt habe. Der erste Bericht einer Uigurin“, auf Deutsch von Claudia Steinitz und Uta Rüenauver, Aufbau Verlag, 20,-

Gulbahar Haitiwajis Vernehmer aka Peiniger mimt den verträglichen Landsmann und Zeitgenossen. Doch erkennt die Vernommene sein lauerndes Wesen.   

„Wenn ich Ablajan auch nur die kleinste Bresche (in das Bollwerk meiner versteckten Abwehr) schlagen lassen, bin ich erledigt.“

Ablajan gibt sich große Mühe, Gulbahar Haitiwaji nachzuweisen oder eher noch weiszumachen, dass sie in Paris mit Terrorist:innen freundschaftlichen Umgang pflegt. Sie lässt ihn nach Kräften leerlaufen; zermürbt zwar, aber noch lange nicht widerstandslos.

Was zuvor geschah

„Systematisch wurden über Jahrzehnte Han-Chinesen in der autonomen Region Xinjiang angesiedelt. Die Uiguren sind zur Minderheit in ihrer eigenen Heimat geworden.“ Quelle

*

Nach zehn Jahren im französischen Exil läuft Gulbahar Haitiwaji in eine Falle. Unter dem Vorwand, rentenrechtliche Fragen persönlich klären zu müssen, lockt man die Ingenieurin in ihre erste Heimat Xinjiang. Am 25. November 2016 fliegt sie in Paris ab. Sie landet in Karamay, dem Schauplatz ihres Familienlebens über viele Jahre. Ein paar Tage später erfolgt die Verhaftung. Der erste Vorwurf lautet:

„Deine Tochter ist eine Terroristin.“

Der Beweis: Ein Foto, „das Gulhumar mit einem Fähnchen von Ostturkestan in der Hand“ auf einer Demo zeigt.

Einem scharfen Verhör folgt die flüchtige Erleichterung. Noch einmal erhält Gulbahar Haitiwaji Freigang in einer überwachten Gesellschaft. Doch gibt man ihr deutlich zu verstehen, dass sie an einer Leine läuft. 

Gulbahar Haitiwaji muss sich zur Verfügung halten. 

„Die Wochen vergingen, mein Rückflug war längst verfallen.“

Gleichzeitig bearbeitet der chinesische Geheimdienst Gulbahar Haitiwajis Gatten in Paris. Kerim windet sich. Aus Angst um seine Familie zeigt er sich kooperativ, während auch die Beziehungen zwischen den Vernehmer:innen und Gulbahar Haitiwaji in Karamay allmählich ins „Ambivalente“ übergehen. Angst stiftet die Fata Morgana einer positiven Verbundenheit.

Der Trug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.

Eines Tages erfolgt die zweite Verhaftung. 

Aus der Ankündigung

»Ein Aufsehen erregendes Zeugnis.« Der Tagespiegel

Seit Jahren lebt Gulbahar Haitiwaji mit ihrem Mann und ihren Töchtern in Frankreich. Bis die chinesische Regierung sie auffordert, aus administrativen Gründen nach Xinjiang zu kommen. Gulbahar Haitiwaji bucht eine zweiwöchige Reise und kehrt drei Jahre später zurück. Sie ertrug Verhöre, Folter, Hunger und kafkaeske Zersetzungsmethoden. Weil eine der Töchter an einer uigurischen Versammlung in Paris teilgenommen hatte. Seit 2017 wurden mehr als eine Million Uigurinnen und Uiguren in Umerziehungslager gesperrt. Gulbahar Haitiwaji ist die Erste, die darüber berichten kann, weil sie wieder in Frankreich lebt. Ihr Buch ist ein mutiger Appell an die internationale Gemeinschaft, diesen Völkermord nicht mehr zu dulden.

»Dieser Bericht der Uigurin Gulbahar Haitiwaji ist ein zu Herzen gehendes, ein kostbares und ein aufschlussreiches Dokument, dem eine breite Aufmerksamkeit zu wünschen ist.« Gesine Schwan 

Gulbahar Haitiwaji wurde 1966 in Nordchina geboren und arbeitete mit ihrem Mann als Ingenieurin in Xinjiang. Als sich die Lage für die Uiguren dort zuspitze emigrierte die Familie 2006 nach Frankreich. 2016 wurde Gulbahar Haitiwaji von den chinesischen Behörden nach Xinjiang zitiert und verbrachte drei Jahre in den Umerziehungslagern. Mit der „Figaro“-Journalistin Rozenn Morgat hat sie über ihre Haft gesprochen. Daraus ist dieses Buch entstanden, das sofort zum internationalen Bestseller wurde.