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28.01.2022, Jamal Tuschick

Exklusive Absonderung

1595 kommen auf der norwegischen Landzunge Butangen Zwillinge zur Welt, die an der Hüfte zusammengewachsen sind.

Ihre Geburt tötet die Gebärende.

1611 werden die Töchter des Witwers Eirik Hekne sechzehnjährig einer bäurisch-großfamiliären Inklusion entzogen und in einem abgeschiedenen Haus im Gudbrandsdal nahe Dovre separiert. Mit Geheimwissen beschlagene Weberinnen unterweisen die Abgesonderten.  

Rechts sehen sie die Kate der Schwestern. Links ein Blick vor die Tür. Halfrid und Gunhild dient das Gewässer* als Badewanne.  

*„Der Gudbrandsdalen-Lågen … ist einer der beiden Abflüsse des Lesjaskogsvatnet. Er durchströmt das Gudbrandstal und bildet den Losna.“  Wikipedia

© Jamal Tuschick

„In der Erinnerung blühen die Bilder mit der Macht ihrer Abwesenheit.“ Heiner Müller

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“Find the right tone and then, don‘t play it.” Miles Davis

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„Alles war so gut gelaufen, bis es schiefging.“ Lars Mytting

Norwegische Thermopylen

1595 kommen auf der norwegischen Landzunge Butangen Zwillinge zur Welt, die an der Hüfte zusammengewachsen sind.

Ihre Geburt tötet die Gebärende.

1611 werden die Töchter des Witwers Eirik Hekne sechzehnjährig einer bäurisch-großfamiliären Inklusion entzogen und in einem abgeschiedenen Haus im Gudbrandsdal nahe Dovre separiert. Mit Geheimwissen beschlagene Weberinnen unterweisen die Abgesonderten. Die Meisterinnen lassen ihre Schülerinnen „im Zwielicht (Blicke) auf Webstücke aus vorchristlichen Zeiten werfen, auf Bilder, die uralte nordische Sagen erzählten, mit nicht mehr deutbaren Symbolen von Gestaltwandlern“.

Lars Mytting, „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“, Roman, aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Insel Verlag, 26,-

Halfrid und Gunhild knüpfen vierhändig. Die Debütantinnen sind auch im Geist vereint. Ihre Synchronisation ist fabelhaft; es sei denn, sie streiten. Dann misslingt alles. Die besonders Begabten lassen die Alten munkeln.    

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Das Fußvolk eines schottischen Heerhaufens erschrickt beim Anblick der Zwillinge. Sind das Nornen? Das fragen sich lumpige Söldner bei einer Quartiervisite im Exil der Schwestern. Die Gemeinen und die Feinen verstehen einander. Diese Schotten stammen von den Orkneys. Sie sind Nachfahren seefahrender und landnehmender Norweger:innen. Bei ihnen sitzt das Christentum nicht richtig. Als Krypto-Odinisten strotzen sie vor Aberglauben.

„Die Söldner … kamen von den Orkneys und von Hjaltland - so hatten die Wikinger die Shetlandinseln genannt.“

Ein Missverständnis beschleunigt das Geschehen. Die Schotten halten sich in Norwegen nicht als Usurpatoren auf. Vielmehr haben sie es eilig, nach Schweden zu gelangen, wo sie sich dem dänischen König als Streitmacht anbieten wollen.

Der Durchmarsch ist historisch verbürgt als eine Episode des Kalmarkriget (1611 – 1613). Der Anführer, ein Festlandschotte namens George Sinclair, schaffte es dann nicht mehr außer Landes. Man begrub ihn neunzig Kilometer nördlich von Lillehammer. Sein Grabstein wurde zum Denkmal. Die Niederlage der vermeintlichen Usurpatoren avancierte zu einem heroisch aufgemotzten, Identität stiftenden Momentum.

„Auf norwegischer Seite haben sich aber im Laufe der Jahrhunderte Sagen und Legenden gebildet, die bis heute unkritisch überliefert werden, aber einer quellenkritischen Untersuchung nicht standhalten.“ Dirk Levsen

Die wahren Absichten der überwiegend militärisch kaum vorgebildeten, rüde ausgehobenen Landsknechte bleiben der Bevölkerung verborgen. Für die Bauern tritt der Ernstfall nach Schema F ein. Sie gehorchen einem königlichen Befehl, wenn sie sich gegen den Feind formieren.

Die Norweger folgen dem Leidang, in dem sie das Aufgebot - almenningr – stellen. Bis zur vollständigen Versammlung informieren sich die Wehrpflichtigen mit dem Heerpfeil.

„Die Rechtsformel, den Heerpfeil schneiden, (ist) in mittelalterlichen norwegischen Gesetzen erwähnt.“ Wikipedia

Das Aufgebot ergibt sich aus der Vorgabe: Jeder Hof stellt einen Mann und ein Gewehr. Die forsvarsstyrke nutzt den Heimvorteil. Sie erwarten ihre Gegner an einer alpinen Engstelle. Die norwegischen Thermopylen erweisen sich als gute Wahl. Siehe Grabsteininschrift.  

„Hier ruht der Herr Oberst Georg Jörgen Sinkler (George Sinclair), der im Jahre 1612 bei Kringelen (heute: Kringen) fiel. Mit 900 Schotten, die wie Tontöpfe von weniger als 300 Bauern aus Laesj0 (heute: Lesja), Waage (heute: Vágá) und Froen (heute: Fron) vernichtet wurden. Und ihr Anführer war Berdon Sejelstad aus dem Kirchspiel Ringebu.“ Quelle 

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Dem Kampf folgt ein Massaker an den Gefangenen. Ein zwangsrekrutierter Jugendlicher entkommt. Er schlägt sich durch zu den Schwestern, hat aber nur eine im Sinn. Das führt zu grauenhaften Ereignissen, schon bald sind Halfrid und Gunhild tot. Die sofort Sagenhaften hinterlassen den Hekne-Teppich. Wegen ihnen werden zwei Glocken gegossen und in den Turm der Stabkirche von Ringebu gehängt.

Auch an dieser Stelle spielt Lars Mytting die Melodie von der christlicher Überformung antiker Kulte an. Die Kirche steht auf dem Platz des vorchristlichen Gemeindezentrums. Der Autor verknüpft seine Geschichte mit der Geschichte seines Landes. Die durch die Bank eher unfrommen, dem Animismus aufgeschlossenen und für Aberglauben empfänglichen Protagonist:innen erfüllen ihre Rollen durch die Jahrhunderte in einer schwer zu erweichenden Gegend. Im 19. Jahrhundert verliert die Gemeinde von Butangen ihre Glocken. Die Halfrid-Glocke verschwindet in der Dresdener Diaspora. Die Gunhild-Glocke landet auf dem Grund des Løsnesvatns. Heben und mit der Schwester vereinen könne sie, so sagt es der Volksmund, nur ein Bruderpaar mit Saga-Potential.

Butangen liegt in der Fylkeskommune Rogaland, dreihundert Kilometer westlich von Oslo. Im wärmsten Monat des Jahres steigt das Thermometer nicht über 14  °C. 

Morgen mehr.

Aus der Ankündigung

Ein norwegisches Tal im Jahr 1880: Der junge Pfarrer Kai Schweigaard will in Butangen eine neue Kirche bauen. Dafür muss die 700 Jahre alte Stabkirche weichen. Mit ihr die beiden Glocken, denen übernatürliche Kräfte zugeschrieben werden. Und die auf Gedeih und Verderb zusammenbleiben müssen – wie die beiden Hekne-Schwestern, siamesische Zwillinge, zu deren Gedenken sie vor langer Zeit gestiftet wurden. »Eines Tages wirst du dafür bluten«, prophezeit die Hekne-Nachkommin Astrid, die sich vergeblich für den Erhalt des Glockenpaars einsetzt. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Astrid stirbt im Kindbett nach der Geburt von Zwillingen, von denen angeblich nur einer überlebt, Jehan. Den Pfarrer plagen Schuldgefühle. Wie lässt sich das Glockenpaar zurückgewinnen? Die Legende sagt, dass nur zwei »Folgebrüder«, also Zwillinge, die Glocken wiedervereinen können.

Butangen im Jahr 1903: Jehan lebt als Bauer in bescheidenen Verhältnissen. Ihn zieht es in die Freiheit, zu Fischerei und Rentierjagd. Eines Morgens im August erlegt er einen gewaltigen Rentierbock – und begegnet in diesem Moment einem rätselhaften Fremden.

Ein Roman über den Weg in eine neue Zeit, über Erleuchtung und Mühsal und das Ringen um Liebe, über die Zähmung von Wasserfällen und den ersten elektrischen Lichtstrahl im nächtlichen Dunkel des Tals.

Lars Mytting, geboren 1969, stammt aus Fåvang im norwegischen Gudbrandsdalen. Seine Bücher wurden in zwanzig Sprachen übersetzt und weltweit mehr als zwei Millionen Mal verkauft. Im Insel Verlag erschien sein Bestseller Der Mann und das Holz. Vom Fällen, Hacken und Feuermachen und zuletzt der Roman Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund, der zweite Teil der Schwesternglocken-Trilogie.