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29.01.2022, Jamal Tuschick

Was zuvor geschah

Im späten 16. Jahrhundert stirbt die Bäuerin Astrid Hekne bei der Geburt von Siamesischen Zwillingen auf einer norwegischen Landzunge.

„Die erste erfolgreiche Trennung von siamesischen Zwillingen wurde von dem Chirurgen Johannes Fatio in Basel …1689 durchgeführt.“ Wikipedia

Halfrid und Gunhild erweben sich in vierhändiger Verbundenheit eine die kurze Lebensspanne überragende Wertschätzung. Zum Andenken an die Töchter lässt ihr Vater zwei Glocken gießen, denen bald eine schicksalhafte Bedeutung zukommt. Die Nachwelt spinnt den Erzählfaden fort, bis die Weberinnen sagenhaft erscheinen. Ein verschollenes Stück aus ihrer Werkstatt avanciert zum Paradegegenstand der lokalen, vorchristlich aufgeladenen Mythologie. 

Auf der Pirsch begegnet Jehans dem englischen Sportschützen Victor Harrison. Beide Waidmänner haben denselben Hirsch getroffen. Aus einem Streit wird Freundschaft. Und das ist erst der Anfang. © Jamal Tuschick

Unbegreifliche Zuneigung

So geht es weiter

Im frühen 20. Jahrhundert versieht der einst aufbrausende, nun vom Versteinern bedrohte Kai Schweigaard das Amt des Pfarrers im Geburtsort der Hekne-Schwestern schon fast sein Berufsleben lang. Die Legendären gehören zum Ahnenklan jener Astrid Hekne, die für Schweigaard bis zu ihrem Kindsbetttod eine über das Seelsorgerische hinausweisende Bedeutung besaß.

Lars Mytting, „Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund“, Roman, aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Insel Verlag, 26,-

Die vorläufig letzte Astrid H. starb bei der Geburt männlicher Zwillinge, von denen angeblich einer nur überlebte. Vom Erbgang ausgeschlossen, führt Jehans ein subalternes Dasein im Dunstkreis des Hekne-Hofs in Butangen. Seine Miete begleicht er mit dem Fleisch „eines großen Tiers“, das er jedes Jahr einmal dem Hofherrn Osvwald H. liefert. 

Butangen liegt in der Fylkeskommune Rogaland, dreihundert Kilometer westlich von Oslo. Im wärmsten Monat des Jahres steigt das Thermometer nicht über 14  °C. Jehans deutscher Vater translozierte die Stabkirche von Butangen nach Dresden.

Auf der Pirsch begegnet Jehans dem englischen Sportschützen Victor Harrison. Beide Waidmänner haben denselben Hirsch getroffen. Aus einem Streit wird Freundschaft. Und das ist erst der Anfang.

Victor gönnt sich Auszeiten in der norwegischen Wildnis. Bei einem Wiedertreffen ein Jahr nach der ersten Begegnung entdecken die leidenschaftlichen Waldläufer eine unbegreifliche Zuneigung füreinander.

Somnambuler Schub

Bevor sie auseinandergehen, rät der Ortskundige dem Gast, in der Gegend von Øverlihøgda nach Rentieren Ausschau zu halten. Dann zieht ein Unwetter auf, die Landschaft macht sich im Nebel davon. Auf seinem Heimweg kommt Jehans gegen seine Sorge um Victor nicht an. Er nimmt Abstand von seinem Kurs und spürt den Vulnerablen auf.

Und siehe, der gute Hirte findet Victor verletzt. Jehans verausgabt sich als Helfer in der Not. In einem phantasmagorischen Schlusstableau kreuzen die bis zur Hinfälligkeit Erschöpften, zusammengeschnürt mit ihren Gewehrriemen, in Butangen auf. Der Anblick löst bei Pfarrer Schweigaard einen somnambulen Schub aus.

„Haargenau erinnerte er sich an Astrids Erzählung von ihrer Vision … Dass sie zwei Männer gesehen hatte, Seite an Seite, humpelnd, die dann plötzlich umstürzten.“

Morgen mehr.

Norwegische Thermopylen - Was zuvor geschah

1595 kommen auf der norwegischen Landzunge Butangen Zwillinge zur Welt, die an der Hüfte zusammengewachsen sind.

Ihre Geburt tötet die Gebärende.

1611 werden die Töchter des Witwers Eirik Hekne sechzehnjährig einer bäurisch-großfamiliären Inklusion entzogen und in einem abgeschiedenen Haus im Gudbrandsdal nahe Dovre separiert. Mit Geheimwissen beschlagene Weberinnen unterweisen die Abgesonderten. Die Meisterinnen lassen ihre Schülerinnen „im Zwielicht (Blicke) auf Webstücke aus vorchristlichen Zeiten werfen, auf Bilder, die uralte nordische Sagen erzählten, mit nicht mehr deutbaren Symbolen von Gestaltwandlern“.

Halfrid und Gunhild knüpfen vierhändig. Die Debütantinnen sind auch im Geist vereint. Ihre Synchronisation ist fabelhaft; es sei denn, sie streiten. Dann misslingt alles. Die besonders Begabten lassen die Alten munkeln.    

*

Das Fußvolk eines schottischen Heerhaufens erschrickt beim Anblick der Zwillinge. Sind das Nornen? Das fragen sich lumpige Söldner bei einer Quartiervisite im Exil der Schwestern. Die Gemeinen und die Feinen verstehen einander. Diese Schotten stammen von den Orkneys. Sie sind Nachfahren seefahrender und landnehmender Norweger:innen. Bei ihnen sitzt das Christentum nicht richtig. Als Krypto-Odinisten strotzen sie vor Aberglauben.

„Die Söldner … kamen von den Orkneys und von Hjaltland - so hatten die Wikinger die Shetlandinseln genannt.“

Ein Missverständnis beschleunigt das Geschehen. Die Schotten halten sich in Norwegen nicht als Usurpatoren auf. Vielmehr haben sie es eilig, nach Schweden zu gelangen, wo sie sich dem dänischen König als Streitmacht anbieten wollen.

Der Durchmarsch ist historisch verbürgt als eine Episode des Kalmarkriget (1611 – 1613). Der Anführer, ein Festlandschotte namens George Sinclair, schaffte es dann nicht mehr außer Landes. Man begrub ihn neunzig Kilometer nördlich von Lillehammer. Sein Grabstein wurde zum Denkmal. Die Niederlage der vermeintlichen Usurpatoren avancierte zu einem heroisch aufgemotzten, Identität stiftenden Momentum.

„Auf norwegischer Seite haben sich aber im Laufe der Jahrhunderte Sagen und Legenden gebildet, die bis heute unkritisch überliefert werden, aber einer quellenkritischen Untersuchung nicht standhalten.“ Dirk Levsen

Die wahren Absichten der überwiegend militärisch kaum vorgebildeten, rüde ausgehobenen Landsknechte bleiben der Bevölkerung verborgen. Für die Bauern tritt der Ernstfall nach Schema F ein. Sie gehorchen einem königlichen Befehl, wenn sie sich gegen den Feind formieren.

Die Norweger folgen dem Leidang, in dem sie das Aufgebot - almenningr – stellen. Bis zur vollständigen Versammlung informieren sich die Wehrpflichtigen mit dem Heerpfeil.

„Die Rechtsformel, den Heerpfeil schneiden, (ist) in mittelalterlichen norwegischen Gesetzen erwähnt.“ Wikipedia

Das Aufgebot ergibt sich aus der Vorgabe: Jeder Hof stellt einen Mann und ein Gewehr. Die forsvarsstyrke nutzt den Heimvorteil. Sie erwarten ihre Gegner an einer alpinen Engstelle. Die norwegischen Thermopylen erweisen sich als gute Wahl. Siehe Grabsteininschrift.  

„Hier ruht der Herr Oberst Georg Jörgen Sinkler (George Sinclair), der im Jahre 1612 bei Kringelen (heute: Kringen) fiel. Mit 900 Schotten, die wie Tontöpfe von weniger als 300 Bauern aus Laesj0 (heute: Lesja), Waage (heute: Vágá) und Froen (heute: Fron) vernichtet wurden. Und ihr Anführer war Berdon Sejelstad aus dem Kirchspiel Ringebu.“ Quelle 

*

Dem Kampf folgt ein Massaker an den Gefangenen. Ein zwangsrekrutierter Jugendlicher entkommt. Er schlägt sich durch zu den Schwestern, hat aber nur eine im Sinn. Das führt zu grauenhaften Ereignissen, schon bald sind Halfrid und Gunhild tot. Die sofort Sagenhaften hinterlassen den Hekne-Teppich. Wegen ihnen werden zwei Glocken gegossen und in den Turm der Stabkirche von Ringebu gehängt.

Auch an dieser Stelle spielt Lars Mytting die Melodie von der christlicher Überformung antiker Kulte an. Die Kirche steht auf dem Platz des vorchristlichen Gemeindezentrums. Der Autor verknüpft seine Geschichte mit der Geschichte seines Landes. Die durch die Bank eher unfrommen, dem Animismus aufgeschlossenen und für Aberglauben empfänglichen Protagonist:innen erfüllen ihre Rollen durch die Jahrhunderte in einer schwer zu erweichenden Gegend. Im 19. Jahrhundert verliert die Gemeinde von Butangen ihre Glocken. Die Halfrid-Glocke verschwindet in der Dresdener Diaspora. Die Gunhild-Glocke landet auf dem Grund des Løsnesvatns. Heben und mit der Schwester vereinen könne sie, so sagt es der Volksmund, nur ein Bruderpaar mit Saga-Potential.

Aus der Ankündigung

Ein norwegisches Tal im Jahr 1880: Der junge Pfarrer Kai Schweigaard will in Butangen eine neue Kirche bauen. Dafür muss die 700 Jahre alte Stabkirche weichen. Mit ihr die beiden Glocken, denen übernatürliche Kräfte zugeschrieben werden. Und die auf Gedeih und Verderb zusammenbleiben müssen – wie die beiden Hekne-Schwestern, siamesische Zwillinge, zu deren Gedenken sie vor langer Zeit gestiftet wurden. »Eines Tages wirst du dafür bluten«, prophezeit die Hekne-Nachkommin Astrid, die sich vergeblich für den Erhalt des Glockenpaars einsetzt. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Astrid stirbt im Kindbett nach der Geburt von Zwillingen, von denen angeblich nur einer überlebt, Jehan. Den Pfarrer plagen Schuldgefühle. Wie lässt sich das Glockenpaar zurückgewinnen? Die Legende sagt, dass nur zwei »Folgebrüder«, also Zwillinge, die Glocken wiedervereinen können.

Butangen im Jahr 1903: Jehan lebt als Bauer in bescheidenen Verhältnissen. Ihn zieht es in die Freiheit, zu Fischerei und Rentierjagd. Eines Morgens im August erlegt er einen gewaltigen Rentierbock – und begegnet in diesem Moment einem rätselhaften Fremden.

Ein Roman über den Weg in eine neue Zeit, über Erleuchtung und Mühsal und das Ringen um Liebe, über die Zähmung von Wasserfällen und den ersten elektrischen Lichtstrahl im nächtlichen Dunkel des Tals.

Lars Mytting, geboren 1969, stammt aus Fåvang im norwegischen Gudbrandsdalen. Seine Bücher wurden in zwanzig Sprachen übersetzt und weltweit mehr als zwei Millionen Mal verkauft. Im Insel Verlag erschien sein Bestseller Der Mann und das Holz. Vom Fällen, Hacken und Feuermachen und zuletzt der Roman Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund, der zweite Teil der Schwesternglocken-Trilogie.