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31.01.2022, Jamal Tuschick

Angries 2.0

„Wir wissen alle, was eine Emotion ist, bis wir gebeten werden, sie zu definieren.“ Jan Plamper

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Jahrelang redeten sie über Gefühle, Gerda und Cornel. Gefühle waren ihr Gold. Sie spekulierten auf die Gefühle von Leuten, die sich aus ihren Ressentiments seelische Bretterbuden gezimmert hatten, und dazu verurteilt waren, in den Trailer Parks ihrer Ohnmacht dahinzuvegetieren. Cornel kam aus der Depression einer nordenglischen Bergarbeiterstadt, die in der Keimzeit des britischen Neoliberalismus gegen die Wand gefahren worden war. Er war in einer sterbenden Gemeinschaft aufgewachsen. Die proletarische Kultur betrunkener Altvorderer gehörte zum Hörensagen. Wettbüros, Spielhallen und Telefonläden okkupierten traditionelle Schauplätze einer im Verschwinden begriffenen Lebensform.

Cornel kokettierte mit dem Elend. Angeblich hatte alles, was gut war, vor seiner Geburt stattgefunden. In seiner Jugend grassierte ungebremst das Böse illegaler Hundekämpfe. Süchtige starben unbeachtet im öffentlichen Raum. Der Gesellschaft fehlte die zentralisierende Kraft, sich eine neue Ordnung zu geben.

*

Für Gerda war Cornel eine Galionsfigur der Angries 2.0. So präsentierte er sich, als Aktivist und Autor in der Tradition von Shelagh Delaney*, John Osborne und Alan Sillitoe.

*Shelagh Delaney führte ein exemplarisch-epizentrales Leben zur Hochzeit des Kitchen Sink Realism – dem Bonjour Tristesse des britischen Non-Establishment der konkreten Nachkriegszeit.

Rust Belt Romantik

Jeder kennt Ewan MacColls Evergreen „Dirty Old Town“. Die Wenigsten wissen, dass das Lied als Hommage an MacColls und eben auch Shelagh Delaneys Geburtsstadt Salford entstanden ist. MacColl ehrte das Gemeinwesen in der Munizipalität von Manchester ursprünglich nur, um mit der Leiernummer einen Szenenwechsel in seiner Show glatt über die Bühne gehen zu lassen. Die Rede ist buchstäblich von einer Übergangslösung. MacColl half sich so aus einer Verlegenheit. Daraus wurde ein Klassiker.  

© Jamal Tuschick

Eine von uns

Mainweiler füllt auf Sand und Lehm einen rheinhessischen Winkel zwischen Flüssen. Mainweiler:innen könnten jeder Dahergelaufenen Artifakte aus der fränkischen Zeit vorlegen und sie unter Eschen und Eichen auf einen vorchristlichen Versammlungsplatz führen, nur, warum sollte sie das tun? Sie überblicken tausend Jahre Stadt- und zweitausend Jahre Siedlungsgeschichte. Erst im 19. Jahrhundert ließ man sich dazu herab, gemeinsam mit einer Nachbargemeinde größer zu werden. Dazu muss gesagt werden, dass die Bürgermeisterin stets eine von uns war. Mainweiler verblutet nun schleppend als Riss der Bestien Gebietsreform und kommunale Neuordnung.

So liegen die Verhältnisse idyllisch herb, in der Gerda und Cornel Freyschmidt mit entzündeten Existenzzahnhälsen aufgeschlagen sind, als wäre in Berlin kein Platz mehr.

Das Paar hat nichts mitgebracht, was vor Ort zählt. Die Neuen fühlen sich trotzdem großstädtisch überlegen, während die Rohrzange Anpassung sie kleinstädtisch kneift. Davon erzählt Gerda ihrer Freundin Amelie in Episoden, die wie gemalte Erfahrungsberichte in einem Klassenzimmer aneinandergereiht sind. Mal geht Gerda total in die Genauigkeit, dann schmiert sie wieder den Senf prospektiv zusammengetragener Kümmernisse ihrer Zeugin aufs Zuckerbrot.

Nachbar:innen nehmen für die Neuen die Post an und besprechen die Absender:innen mit den Alten. Eingeladen fühlen dürfen sich die Freyschmidts trotzdem nicht. Es wurde noch kein Werkzeug über den Zaun gereicht, obwohl alle wissen, was fehlt. In den Schuppen der Eingesessenen stehen Boote. Der lokale Snobismus lässt sich am Hafen begreifen. Nicht einmal mehr dörflich erscheint die Stadt da, wo die Konfluenz an der Landzunge leckt und im Herbst Stimmungen wie auf einer vernebelten Nehrung aufkommen.

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Während eines geschwätzigen Nachmittagsschläfchens erscheint Gerda der Englisch sprechende Geist ihrer Großmutter Waldhaus-Emma. Geweckt von Cornel, findet sie sich bald in einem Gespräch im Garten wieder.  

„Weißt du, was ein Gefühl in seiner biochemischen Zusammensetzung ist”, fragt Cornel. Er will sein ungenaues Zeitungswissen verbreiten.  

Gerda ignoriert ihn noch nicht einmal ostentativ. Cornel übergeht den unkorrekten Gleichmut der Gattin.    

Am Zaun bekundet ein Nachbar bodenständiges Interesse. Er grunzt Rauchzeichen, für die er einen Stumpen unter Feuer hält. Er steht da wie ein Eigentümer, oder eher noch wie der allwissende Klempner. Seine Legitimation steht so oder so außer Frage.