MenuMENU

zurück zu Main Labor

01.02.2022, Jamal Tuschick

Symbolfoto © Jamal Tuschick

Verlust der Erzählkompetenz

„Die Apsáalooke ... sind ein Volksstamm der ... (First Nation of America), deren Vorfahren zusammen mit den sprachlich und kulturell verwandten Hidatsa einst im Gebiet der westlichen Großen Seen lebten, bevor sie Mitte des 15. Jahrhunderts westwärts zogen; zwischen 1600 und 1700 ließen sich die späteren Hidatsa als halbsesshafte (Landbesteller:innen) in North Dakota nieder, während die späteren Apsáalooke ... westwärts auf die Nördlichen Plains im Gebiet des Yellowstone Rivers, Powder Rivers sowie des Upper Missouri Rivers im heutigen Wyoming, Montana sowie North Dakota zogen.“ Wikipedia

*

Jonathan Lear erkennt: „Wir begreifen die Zerstörung nicht, die die (Apsáalooke) durchlitten haben“, solange wir die Frage priorisieren, „wer die Geschichte erzählen darf“. Vielmehr dreht sich das Begreifen um die Feststellung, „dass die (Apsáalooke) diejenigen Begriffe verloren haben, mit denen sie ein Narrativ aufbauen könnten“.

Der Geronimo-Effekt

„Irgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich wohnen kann in meiner Scheiße. ... Es wissen die Herrschenden: der Blutende/Sieht nicht mehr das Unrecht.“ Heiner Müller

*

„Ich werde nie verstehen, was sich Geronimo* von seiner Kapitulation versprochen hat. Doch wohl kaum ein Ende des Elends.“ Antigone Teichmann

*„Ein Fotograf hielt das Ereignis fest: Der (Apachenpräsident) Geronimo sitzt mit General Nelson Miles und dessen Soldaten im Kreis. Geronimo hat kapituliert. Vom 4. September 1886 an bleibt ... (er bis zu seinem Tod) Kriegsgefangener der USA.“ Quelle

Grasland-Gemeinschaft

Jonathan Lear denkt über die Verteidigung einer Lebensweise am Beispiel der Apsáalooke nach.

Im 17. Jahrhundert formiert sich irgendwo auf den Great Plains eine Grasland-Gemeinschaft aus der Vision eines Einzelnen. Leute aus verschiedenen Verbänden markieren sich in der Verfolgung eines gemeinsamen Zieles als Einheit. Keine ethnische Homogenitätsbehauptung begleitet den Prozess. Dass die Apsáalooke schließlich als Volk wahrgenommen werden, verbindet sich mit keiner Größe, die über einen somnambulen Aufbruch weiter nach Westen hinausgeht. Bereits in der nächsten und übernächsten Generation sichert sich die Geschlossenheit der Gruppe mit Standardbegründungen ab.

Anders gesagt, als Apsáalooke ist man kein Sioux; vielmehr hat man die Sioux (so wie je Menge andere Repräsentant:innen des Anderen) gegen sich. Antigone ‚Texas‘ Teichmann liest Jonathan Lear, „Radikale Hoffnung: Ethik im Angesicht kultureller Zerstörung“, aus dem Amerikanischen von Jens Pier, Suhrkamp, 28,-

Lear macht nicht den Fehler, die Gemeinschaft aus ihren Feindschaften zu erklären. Trotzdem konzentriert er sich auf die Eigentümlichkeiten der Kriegsführung als einem ökonomischen Hauptfaktor. Generiert wird auf diesem Weg neben der Beute der Status. Die Möglichkeiten, sich auszuzeichnen, sind komplex. Es geht darum, möglichst viele Coups zu landen. Den Feind einfach zu töten, zählt beinah gar nicht.   

Seuchen als Killer

Das geht solange gut, bis sich die Apsáalooke nicht mehr ausreichend verteidigen können. Zu ihrer Schwächung tragen eingeschleppte Krankheiten bei. Schließlich ergeben sich die Versprengten. Ihre Geschichte ist aber so sehr an eine Lebensweise gebunden, dass das Volk in der Entfremdung des Reservats den Weltlauf ignoriert.

Ein Oberhaupt erklärt:

„Als die Büffelherden verschwanden, fielen die Herzen meiner Leute zu Boden und sie konnten sie nicht mehr aufheben. Danach ist nichts mehr geschehen.“

In ihrer finalen Existenzkrise setzen die Apsáalooke auf Zusagen der US-amerikanischen Regierung, ohne deren kolonial-rassistisches Muster bis zu den automatisch vernichtenden Details zu durchschauen. Sie liefern sich einem Feind aus, den sie nicht so gut kennen wie die angestammte Konkurrenz.

Lear erkennt: „Wir begreifen die Zerstörung nicht, die die (Apsáalooke) durchlitten haben“, solange wir die Frage priorisieren, „wer die Geschichte erzählen darf“. Vielmehr dreht sich das Begreifen um die Feststellung, „dass die (Apsáalooke) diejenigen Begriffe verloren haben, mit denen sie ein Narrativ aufbauen könnten“.

*

Antigone bedenkt Lears illuminierte Ansicht bei einer Tasse Kakao. Eskapistisch denkt sie, dass jedes Leben an dem seidenen Faden seiner Erzählung hängt. Den Ursprung der Behauptungskompetenz vermutet sie im Lustzentrum. Sie führt aus:

Lear beschreibt die Verödung des Lebensnervs in einem Korral für Menschen. Im Reservat pubertierende Jugendliche berauschen sich an der Heldensaga ihres Volkes. Eines Tages findet eine Gang unter der Führung von Wraps His Tail einen Grund, gegen die Sioux zu reiten. Die Aspiranten gewinnen ihren Kampf und kehren, um ein paar Pferde reicher, triumphierend zurück. Man verwehrt ihnen die Anerkennung, da der Streifzug Reservatregeln verletzte. Anstatt die Heißblütigen zu ehren, bezichtigt man sie des Diebstahls.

Für alle Apsáalooke ist die Bezichtigung bloß Bigotterie. Die europäischen Landräuber:innen denunzieren eine ehrenhafte Inbesitznahme von Pferden des Feindes als verwerfliche Handlung. Das Schicksal der Unterlegenen vollzieht sich, indem sich die weiße Perspektive als Maßstab durchsetzt. Wer sich dagegen erhebt, geht drauf.  

*

Aufgewühlt von jenen Einsichten, die sie Lear verdankt, läuft Antigone ihre neue Strecke an der Trave ab. Die Historikerin lebt noch nicht lange in Lübeck. Offiziell befasst sie sich da mit der Kunstgeschichte der Hanse. Doch wir, die wir besser informiert sind als der Rest, wissen natürlich, dass Antigone wieder einmal eine gefährliche Mission erfüllt. Sie härtet ihre Hände und Arme an Laternenmasten. Sie palmstrikt jeden Vollpfosten.