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02.02.2022, Jamal Tuschick

Show of Force

Unter dem Titel „Die verlotterten Brücken von Amerika“ erschien im Mai 2013 im Tagesspiegel ein Artikel mit dem Fazit:

„Von den 607.000 Brücken in den USA gelten 151.497 - also jede vierte - als strukturell mangelhaft oder funktionell obsolet.“ Quelle

Stellen Sie sich vor, auf einer der Brücken kreuzen „Beamte des Verkehrsministeriums für eine Routineinspektion auf. Sie finden bröckelnden Beton, Wasserschäden … und dünn gewordene Knotenbleche“. Sie weisen die zuständige Bezirksbehörde an, „die Brücke als Gefahr für die öffentliche Sicherheit zu schließen“. Nun beginnt ein administratives Ringen, das sich hinzieht.

„Die Umweltschutzbehörde fordert eine Umweltprüfung, bevor die Reparaturen durchgeführt werden.“ Die nötigen Mittel fehlen. Der „Rückstand für Brückensanierungen beläuft sich auf 171 Milliarden Dollar“. Die temporäre Stilllegung erhält mit seinen Betonbarrieren einen Denkmal- und Menetekel-Charakter. Zu Umwegen gezwungene Autofahrer:innen verfluchen eine weitere kommunale Dysfunktionalität. Vom Unmut der Bürger:innen aufgestachelt, nimmt ein Sheriff das Gesetz in seine Hände und macht Faustrecht daraus. Er profiliert sich als Baggerführer ohne den passenden Führerschein. In kürzester Zeit wandelt er sich vom Gesetzeshüter zum Gesetzesbrecher.

Gleichsam breitbeinig räumt Sheriff die Sperren von der Straße. Er poltert gegen Poller. Die Show-of-Force-Performance bringt ihn ins TV-Hauptprogramm. 

Evaluierte Szenarien

Folgt man Stephen Marche, dann stehen die USA vor einem Bürgerkrieg. Bis 2008 inklinierten lediglich sozial abgesprengte Hardliner:innen zu einer Sezession. „Inzwischen (sei) die Bereitschaft zur gewaltsamen Rebellion gegen die Bundesbehörden im Mainstream angelangt.“ 

Stephen Marche, „Aufstand in AmerikaDer nächste Bürgerkrieg - ein Szenario“, auf Deutsch von Christiane Bernhardt, Droemer, 18,-

Der Autor schildert evaluierte Szenarien. Er lässt keinen Zweifel daran, dass die westlichen Demokratien von einem paramilitärisch forcierten Zerfall der politischen Leitwährung bis auf die Grundmauern erschüttert würden.

Die Zeiten von Amerika, du hast es besser sind vorbei

„Amerika, du hast es besser
Als unser Kontinent, das alte,
Hast keine verfallene Schlösser
Und keine Basalte.
Dich stört nicht im Innern
Zu lebendiger Zeit
Unnützes Erinnern
Und vergeblicher Streit.“  Goethe

*

„Es liegt eine Häme in dieser Bruderschaft …“

Marche berichtet von Trailerpark-Bruderschaften der Geächteten, die in dystopischer Unwirtlichkeit auf den Untergang des Abendlandes Wetten abschließen. Die Subkulturen rekrutieren sich aus sämtlichen Studienkreisen der Verschwörungstheorien.

„Bevor das Töten beginnt, sieht der Aufstand aus wie eine Party.“

Der Autor malt sein Sittengemälde in den düsteren Farben des Prepperkultur und ähnlich rustikaler Campingformate. Eine Spielart des Wahnsinns ist der „regierungsfeindliche Patriotismus“.

Der Glaube des liberalen Amerikas an die großen Institutionen der Demokratie, grenze, das behauptet Marche, „an Verblendung“.

Zurück zum Establishment Shot

Bewaffnete Querulanten mit närrischen Ansichten, vereint allein in der Ablehnung des Establishments, rollen in ihren Pick-ups an und illustrieren so routiniert wie medienversiert die außerparlamentarische Opposition in der Mad-Max-Apokalypse-Ästhetik. Sie inszenieren den Brückenprotest als Riot-Woodstock. Der Sheriff ignoriert seine Funktionen, indem er sich ostentativ auf die Seite der Aufständischen stellt. Seinen Job interpretiert er so, dass es an ihm sei, „der Bundesregierung Zügel anzulegen“.

Marche bezieht sich auf einen verbürgten Fall.

„Bis zum heutigen Tage ist Richard Mack stolz darauf“, dem Staat die Stirn geboten zu haben. Der Sheriff im Graham County, Arizona erlangte landesweite Berühmtheit, indem er seine Rolle im gesellschaftlichen Gefüge als Bollwerk gegen administrative Interventionen interpretierte.

Der Sheriff (in seiner von Marche betriebenen Verallgemeinerung) erlebt sich als Garant des Widerstands gegen staatliche Einlassungen. Der schwache Staat gehört für ihn zum Gesellschaftsvertrag.

Morgen mehr.

Aus dem Pressetext

Die brisante Reportage über die gespaltenen USA

Der Sturm auf das Kapitol war nur der Anfang. Denn die Amerikanische Demokratie ist dabei zu scheitern.


Das packende und erschreckend realistische Zukunfts-Szenario über den direkt bevorstehenden nächsten Bürgerkrieg in den USA

In fünf so verstörenden wie absolut realistischen Szenarien über das, was den USA politisch und gesellschaftlich unmittelbar bevorsteht, zeichnet Stephen Marche das Bild eines zutiefst gespaltenen Landes am Abgrund: Das Land erscheint kaum noch wie die größte westliche Demokratie und stabile Weltmacht. Die aktuellen Anzeichen wären in jedem anderen Land Grund zur Sorge vor einem direkt bevorstehenden Staatsversagen. Wie Marche eindringlich zeigt, braucht es dafür nicht mehr, als einen Funken, der das Land zum brennen bringt.

Stephen Marches fünf Szenarien sind so schockierend, weil sie so realistisch sind und so nah erscheinen:

  • Ein aufständischer Südstaaten-Bürgermeister widersetzt sich Washington, wird zum Idol der schwerbewaffneten Allianz aus Anti-Regierungs-Patrioten und es kommt zum ersten Bürgerkrieg seit 150 Jahren mit verheerenden Folgen.
  • Eine Naturkatastrophe zeigt, wie marode die Infrastruktur amerikanischer Städte ist und zwingt die Verantwortlichen zu entscheiden, wer leben darf und wer nicht.
  • Ein Attentat auf oberster Ebene beweist, wie schnell das Land mit der höchsten Waffendichte weltweit in den Strudel der Gewalt herabsinken kann.
  • Ein Anschlag auf das Herz der US-Demokratie bringt das soziale Gleichgewicht aus den Fugen und teilt den Staat in zwei erbittert verfeindete Lager.
  • Eine Koalition aus diversen, separatistischen Lobbyisten-Gruppen bringt die Föderation zu Fall und teilt sie in mehrere neue Staaten, um ein Blutbad in den USA zu verhindern.


Ob gewaltsam oder nicht - die USA sehen ihrem Ende entgegen und Stephen Marches beeindruckendes Buch ist der längst fällige Warnruf. Denn auch den ersten Bürgerkrieg wollte niemand wahr haben, bis ihn niemand mehr ignorieren konnte.

Längst folgt das Leben in den demokratischen "blue states" und den republikanischen "red states" jeweils völlig anderen Regeln, sind die Differenzen in den tiefsten Überzeugungen ihrer Bürger unüberbrückbar geworden. Die Vorstellung von einem wieder geeinten Land unter Biden ist ein Wunschtraum, der schon jetzt nichts mehr mit der Realität zu tun hat, in der mindestens zwei Versionen von Amerika mehr schlecht als recht nebeneinander existieren. Das Vertrauen in die staatlichen Organe und ihre Vertreter ist so niedrig, wie seit Generationen nicht mehr. Die Gewalt im Innern ist auf dem Höchststand seit der Bürgerrechtsbewegung und von rechts-radikalen Nationalisten verübte Verbrechen sind seit 2018 offiziell die größte Gefahr für die Zivilgesellschaft. Kommunalpolitiker und selbst Gouverneure und Senatoren proben den immer offeneren Aufstand gegen Washington. Der Kulturkampf zwischen Rechts und Links kennt nur noch Sieger und Besiegte - wer regiert, muss mit erbittertem Widerstand der Gegenseite rechnen.

Stephen Marche ist ein kanadischer Journalist, der in den USA lebt. Neben seinen bisherigen Büchern, darunter “The Unmade Bed: The Messy Truth about Men and Women in the twenty-first Century” (2016) und “The Hunger of the Wolf” (2015), erschienen Texte von ihm u.a. in The New Yorker, The New York Times, The Atlantic und Esquire.