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02.02.2022, Jamal Tuschick

Brechts Verhängnis war das Schweigen über Stalin. Was politisch völlig zu rechtfertigen war, denn Hitler war der Hauptfeind. Heiner Müller

Rolling Thunder

Nach der Lesung bespielte die DJ Gaya Neruda einen Korridor. Verlagsassistentinnen suchten ihre Partylaune. Sie waren beinah noch Hochschülerinnen und widersetzten sich dem Büroschick mit Kleinigkeiten. Sie wippten in Erwartung eines größeren Engagements. Jemand sollte vor ihnen in die Vollen gehen.

Niemand spielte die Vorturnerin.

Rasch gaben die Debütantinnen auf. Zu Recht wähnten sie sich unter Aufsicht. Antigone unterschied sich kaum von den Protagonistinnen ihrer Generationskohorte, obwohl ihr Leben so anders verlaufen war als das Leben der Anderen. Sie hatte ihre Muttersprache erst mit vierzehn gelernt als Vollwaise in einem ostwestfälischen Verwandtenhaushalt.

Antigone sprach Tahitisch.

Ich halte mich heute mit den Einzelheiten nicht auf. Antigone studierte noch. Sie war als Schwangerschaftsvertretung am Start und im Spiel. Sie wusste sich hochgeschätzt. Ihre Chefin, Doktor Prisā'irana Hāraṭa, fürchtete den Tag, an dem sie die reizvolle Aushilfe verlieren würde. Das Saugrohr der grauen Gier zog Antigone in eingedeckte Gebiete. Für sie waren Nudeln manchmal schon das Beste, was ein Abend bieten konnte. Sie langweilte sich dann in der Gesellschaft älterer Schwadroneur:innen weiter und merkte wohl, wie verschwenderisch sie ihr Leben ausgab. Als hätte sie noch eins in Reserve, um noch einmal von vorn anfangen zu können, wenn sie endlich aus allem klug geworden sein würde.

Nur unter anderem und fast nebenbei nur war Antigone eine diskret an Moden vorbei produzierende, innerlich wunderbar gefasste Dichterin. Ihre frühe Vollendung rief Epigon:innen auf den Plan. Unter den Bewunderinnen stach die Urenkelin eines Schwarzen GI's aus Alabama hervor, der in den 1970er Jahren nach Deutschland gekommen war. Hier seine Geschichte in groben Zügen. 

© Jamal Tuschick

Der Zwischenfall von Tongking (Tonkin)

„To take action in reply.”

Das sagte Lyndon B. Johnson, als er den Kongress anlog. Der Präsident hatte endlich einen Vorwand gefunden, den kommunistischen Vormarsch in Südvietnam mit seinen Truppen rasch zu stoppen, wie er glaubte. Die ganze Welt war ein amerikanischer Hinterhof. In den Dienst seiner Absichten stellte Johnson die Lüge von nordvietnamesischen Schnellbootattacken auf den Zerstörer USS Maddox im Golf von Tongking Anfang August 1964. Als Teilnehmer der Operation Flaming Dart landete Jesse James im Februar 1965 zum ersten Mal in einer heißen Zone. Der Einsatz mündete in der Operation Rolling Thunder, die sich vierundvierzig Monate hinzog. Die Demoralisierung des Gegners war amerikanisches Staatsziel. In der ersten Verlängerung landete Jesse James in Laos, wo der Krieg entkleidet von allen Abschwächungen stattfand, ohne erklärt worden zu sein. Die Hmong, eine ethnische Minderheit mit starkem Unabhängigkeitsdrang, kämpfte am Boden in der Regie von Beratern und unterstützt von Piloten, die offiziell keinen militärischen Rang in regulären Streitkräften hatten. Die Berater und Piloten traten wie Freischärler auf und lebten in einer Dschungelstadt, die auf keiner zivilen Landkarte eingezeichnet war. Sie hausten hinter dem Mond. Ihre Verbrechen verübten sie aber auf der Erde. Sie griffen die Laos streifende nordvietnamesische Versorgungslinie an – den Hồ-Chí-Minh-Pfad.

Irreguläre gewinnen, indem sie nicht verlieren. Reguläre verlieren, indem sie nicht gewinnen. Alle großen Armeen wurden von Partisan:innen geschlagen.

Der letzten Rückkehr in den Krieg 1970 war eine Scheidung und die Beobachtung vorausgegangen, dass ein Freund, der Vietnam als Freiwilliger erlebt hatte, sich nur noch im Austausch mit seinen Goldfischen verstanden fühlte.

Jesse James wollte nicht als Kauz im Moonshinerausch auf einer Veranda enden.

Lieber gehörte er zu den beinah fünfhunderttausend Verdammten, die im Einsatz gegen die Einsicht antraten, dass der Krieg verloren war. Drei Jahre später dienten nur noch siebenundzwanzigtausend Amerikaner in Vietnam. Das entsprach ungefähr dem Stand von 1965. Jesse James führte der Abzug nach Hanau. Der Veteran fühlte sich in Hessen auf Anhieb wohl. Seine Nation fing gerade an, den Krieg im Kino doch noch zu gewinnen. Als ich ihn zum ersten Mal sah, robbte Jesse James bei Vollmond über den Parkplatz einer Diskothek, die in einem Industriegebiet nachts den einzigen irdischen Lichtblick bot. Er befand sich auf einer LSD-Mission, die Lage war heikel, aber er würde es schaffen. Seiner Geliebten hatte er geraten, sich im Auto nicht vom Fleck zu rühren. Aluna, eine aus dem unterfränkischen Schöllkrippen gebürtige, in Alzenau lebende und in Hanau beschäftigte Anwaltsgehilfin, war umgehend in die Diskothek zurückgekehrt. Sie tanzte noch, als ich den verwirrten Liebhaber ihrer Obhut anheimzustellen versuchte. Aluna verweigerte (vorübergehend) die Annahme eines armen Irren. Sie war selbst so breit wie eine Wand und gefangen in ihrem eigenen Film. Ich nahm Jesse James mit. Wir wurden sofort Freunde. Vierzig Jahre später sitzt er neben mir im Merkantil (vormals Barockschenke) und kämpft mit einem Schneegestöber, das er sich um halbneun abends nicht mehr zumuten sollte.

Heute kann uns eine Mahlzeit umbringen.

Aluna sucht die Aufmerksamkeit meiner Frau. Lore und sie stecken seit Jahrzehnten in einem komplizierten Verhältnis. Ihre größten Lebenslügen verbinden sich mit den Männern, die sie geheiratet haben. Ich bin ein Klotz an Lores Bein. Sie schleppt mich mit nach der Devise: Niemand wird zurückgelassen. Der Mann, der ihr Kraft gibt und sie nach vorn bringt, ist ein syrischer Kurde namens Ayat. Zu ihm später mehr. 

Jesse James' hat die Prinzipien der „Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams” (National Liberation Front - NLF) zur Grundlage seines Handelns gemacht. Das derogative Vietcong verwendet Jesse James nicht. Er sagt auch nicht Charlie oder die Roten oder Gooks.

„Die amerikanische Feuerkraft ging über die Partisan:innen wie eine Dampfwalze über Ameisen hinweg. Die US-Streitkräfte hatten keinen Zugriff auf die in die Steinzeit zurückgebombten neuen Höhlenmenschen.”  Jesse James 

„Als wir 1964 militärisch einen Zahn zulegten, war Hồ ein alter Mann und längst nicht mehr unangefochten. Man darf nicht vergessen, dass Hồ Chí Minh ursprünglich ein Bewunderer Amerikas gewesen war und von 1944 bis 1954 amerikanische Unterstützung erfahren hatte. Mit allem, was dazu gehört und was dann in Südvietnam bildbestimmend wurde. Die CIA und der OSS tummelten sich in Hồs Geltungsbereich wie in jeder Bananenrepublik. Auch die Chinesen, die in Vietnam so verdeckt Krieg führten wie wir in Laos und Kambodscha, trugen zu Hồs Destabilisierung bei. Unser bester Gegenspieler war der Oberbefehlshaber der Nordvietnamesischen Volksarmee (NVA) Võ Nguyên Giáp.

Giáp sagte: „Ihr habt Uhren, und wir haben Zeit.”

Die von Giáp auf die Spitze getriebene Asymmetrie wurde von der amerikanischen Administration überhaupt nicht begriffen. In der NVA wusste man, dass Nordvietnam und der Việt Minh keine Schlachten gewinnen mussten, um den Krieg nicht zu verlieren.

Nordvietnam und die NLF würden unterlegen siegen.

Die Leute durften bis dahin nur nicht aufgeben. Um den nötigen Opfermut kümmerte sich rührend der Feind.”

Jesse James bestellt Bier bei Hanne Marlow, die am Tisch thront und die Bestellung launisch an ihren Mann Hans weitergibt. Die Rostockerin trägt Dirndl und verbreitet Musikantenstadlgemütlichkeit. Sie unterscheidet nicht groß zwischen Hess:innen, Frank:innen und Bayer:innen. Wenigstens vermeidet Hanne die mundartliche Anpassung. Sie hat einen DDR-Beruf gelernt, den es nicht mehr gibt, und ist erst 1991 auf Arbeitssuche nach ... gekommen. Da erbarmte sie sich des Wirtshauserben Hans. Sie pflückte ihn aus beschaulichen Verhältnissen und übernahm die Geschäftsführung.

Hans bringt das Bier mit nassen Händen, ein tropfender Mensch mit einem Handtuch auf der Schulter.