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03.02.2022, Jamal Tuschick

Angemessen selbstsüchtig

„Wenn man etwas erfolgreich umgestalten will, muss man so weit gehen, dass die (Nachfolger:innen) nicht mehr umkehren können.“ Deng Xiaoping

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„In den wichtigen Beziehungen in unserem Leben muss man mal über den eigenen Schatten springen, dann wieder angemessen selbstsüchtig vorgehen.“  Desmond Shum

Anti-Aging-Exzesse

„‚Noch vor wenigen Jahren‘, sagte ich, ‚waren wir froh, wenn wir ein Fahrrad besaßen. Jetzt sitzen wir in Privatjets. Von dort hierher in weniger als einem Leben – das ist unbegreiflich‘.“

Meine Mitreisenden nickten.

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„Diesmal steuerte Tante Zhang tatsächlich etwas Kapital bei, nämlich 45 Millionen Dollar.“

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Mit einem internationalen All Star Team entwickelt Desmond Shum in Peking einen Gebäudekomplex mit einem Hotel Bulgari als besonderer Attraktion. Er und seine Frau sichern sich ein Penthouse in der Sphäre über dem Gästetrakt: neunhundert Quadratmeter plus Schwimmbad. Die Kontaktdaten: Building 2 Courtyard No. 8 Xinyuan South Road, Chaoyang District, Beijing 100027 +86 10 8555 8555.

Die Neureichen in der Beletage des chinesischen Wirtschaftswunders liefern sich transkontinental ausufernde Verschwendungsschlachten. Sie konkurrieren in Arenen wahnsinniger Ausgaben. In diesem Überbietungswettbewerb muss alles gigantische Dimensionen annehmen: Wetteinsätze, Zechen, Kaufräusche, Anti-Aging-Exzesse … man jettet in die Schweiz, um sich da ein „aus Schafplazenta gewonnenes Elixier“ spritzen zu lassen.  

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Bei der Entwicklung einer Immobilie kommt es zu einer Ausschreibung, an der sich die „berühmtesten Architekten der Welt beteiligten. Norman Foster reichte einen Entwurf für einen 380 Meter hohen Wolkenkratzer ein. Aber die Vorschriften besagten, dass die Wohnhäuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite am kürzesten Tag des Jahres mindestens zwei Stunden lang direktem Sonnenlicht ausgesetzt sein mussten.“

Geschäft und Familie sind wie ein Räderwerk verzahnt. Desmond Shum agiert in einem Netzwerk, das mit der Regierungsspitze verbunden ist. Ministerpräsident Wēn Jiābǎo ist der Ehemann seiner Chefin. Mit Kind und Kegel klappert der Klan „die argentinische Pampa, neuseeländische Fjorde und das australische Outback“ ab.

„Wir besichtigten die Loire-Schlösser in Frankreich und machten Ausflüge … (zu) exklusiven Heilbädern, wo (sich Tante Zhang) Behandlungen unterzog, die ihr Langlebigkeit* verhießen.“

*Langlebigkeit ist das Maß aller Dinge. Man dehnt die persönliche Spanne. Darüber hinaus überlebt man in seinen Nachkommen. Deshalb zählt für die greise Avantgarde „Blutsverwandtschaft mehr als Ideologie“. Quelle 

„Ihr Vermächtnis (erfüllt) sich nur dann, wenn die nächste Führungsgeneration aus ihren eigenen Kindern besteht“. Quelle

Beseelter Konformismus

Heute ist er ein Mann von gestern. Doch im Jetzt des Aufbruchs, der Desmond Shum in der Keimzeit seiner Karriere mobilisiert, erscheint der Entrepreneur Xu Jiayin als chinesischer Elon Musk der Startphase, die den bleiernen Jahren der abklingenden Kulturrevolution (1966–76) folgt. Als Deng Xiaoping (1904-1997) zur Harmonisierung von kapitalistischem Wettbewerb und kommunistischer Ideologie aufruft, schießt Xu wie eine Rakete aus seinem Startloch. Er beginnt als Stahlwerker, bevor er in der Sonderwirtschaftszone Shenzhen einen Immobilienentwickler aus sich macht.

„Aufgrund der Nähe zu Hongkong und dem dadurch erhofften wirtschaftlichen Wachstum wurde im Mai 1980 die erste Sonderwirtschaftszone … in Shenzhen eingerichtet.“ Quelle

Desmond Shum, „Chinesisches Roulette. Ein Ex-Mitglied der roten Milliardärskaste packt aus“, auf Deutsch von Stephan Gebauer, Droemer, 22,-

Das Regime zimmert den Rahmen für massenhaften Wohlstand. Über Nacht entsteht eine Klasse ohne historisches Vorbild. Für die aus ewigen Elendskreisläufen Herauskatapultierten baut Xu Wohnungen, die ins Bild vom neuen China passen. Patriotismus und Pflichterfüllung ist für die vom Glück Erfassten selbstverständlich. Jüngere Chinesinnen und Chinesen stehen viel loyaler zu ihrem Staat als ihre Eltern es taten/tun. 

Status erzeugt Stolz. Eine rasend schnell breiter werdende Mittelschicht bedankt sich mit beseeltem Konformismus für eine gedeihliche Gegenwart und die guten Aussichten als künftige Nummer Eins auf allen Weltspielfeldern.  

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Shum erlebt den Paradeaufsteiger Xu in den Nullerjahren. Bei einer gemeinsamen Europareise inspiziert der Grandmaster of Money eine Hundert-Millionen-Dollar-Yacht, auf der er die chinesische Elite mit Alkohol und Frauen, vor allem jedoch ohne Zeug:innen korrumpieren will.

„Xu wollte sich eine 100 Millionen Dollar teure Luxusjacht ansehen, die vor der Côte d’Azur vor Anker lag. Das Schiff gehörte einem Milliardär aus Hongkong. Xu wollte wie David Li einen eigenen Privatklub eröffnen und war der Meinung …“

Er findet das Boot dann zu popelig für seine Pläne, die von der Entourage offen diskutiert werden.

Shum komprimiert die Devisen des Augenblicks:

„Wagemut wurde belohnt, Haftstrafen waren ein Berufsrisiko. Bildung war keine Voraussetzung für den Aufstieg.“   

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Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Am 26. Oktober 2012 erscheint auf der ersten Seite der New York Times ein Artikel über das sagenhafte Vermögen von Chinas führender Familie. 

Die interessierte Öffentlichkeit erfährt von hundert Millionen Dollar auf dem Konto von Wen Jiabaos Mutter, „einer pensionierten Lehrerin, die außer einer staatlichen Rente keinerlei Einkommen bezog“. 

Die Erde bebt. Die Klan-Wölfe opfern Schafe der eigenen Herde, darunter Whitney, für die Loyalität eine Religion ist. Interessanterweise bleibt eine ähnliche publizistische Bloßstellung im Fall des Vizepräsidenten Xi Jinping folgenlos.

Roter Uradel - Auf dem Vorfeld der ersten Bewährung ging der Debütant durch die Hölle

Xi Jinpings Aufstieg wurde vom Westen beschleunigt. 

Im Referatspräsens

Der Dynast Xi Jinping (Jahrgang 1953) ist ein Produkt der Kaderschmieden des roten Uradels. Führungspersönlichkeiten des Langen Marsches residieren fern des Volkes in einem abgesperrten Bereich des Palastbezirks in (der im Übrigen allgemein zugänglichen) Verbotenen Stadt

Xi Jinping Vater „kämpfte als Guerillaführer ... an der Seite Maos“. Auch mit Xi Zhongxun verbindet sich „der Gründungsmythos des sozialistischen Chinas“. Auch die Mutter reklamiert den Veteraninnenstatus für sich. Sie war bereits als maobibelfeste Kindersoldatin im Einsatz. Später engagierte sie sich in der linientreuen Bildungsarbeit.

Seine Bilderbuchkarriere bewahrt Xi Zhongxun nicht davor, vorübergehend in Ungnade zu fallen. Um zu überleben, überbietet er alle Konkurrent:innen auf dem Feld des vorauseilenden Gehorsams.  

„Sobald er den Mund öffnet, spricht Mao.“

Xi Jinping entgeht dem Terror der Roten Garden trotzdem nicht. Man sperrt ihn ein. Mit fünfzehn landet der vormalige Eliteschüler in der landwirtschaftlichen Produktion von Shaanxi, weit weg von seiner Heimatstadt Peking.   

„Häuser stehen hier keine. Er zieht in eine Höhle ein.“

Morgen mehr.

Das Kleingeld der Reichen - Was zuvor geschah

Knapp verpasst er die Olympianorm über fünfzig Meter Freistil. Keine Sekunde trennen den Athleten 1988 von einem Ticket nach Seoul. Die Niederlage steckt Desmond Shum locker weg. Als Schwimmlehrer von Kindern reicher Leute verdient er gut. Das Geld nutzt der Debütant, um gut auszusehen. 

In China würden, das behauptet Shum, körperliche Vorzüglichkeit und andere Exzellenzfaktoren breit vorgetragen und kommentiert. Zurückhaltung kenne man nicht als Tugend.

Sich zu zieren sei keine Zierde in China, behauptet Desmond Shum.

Shum überragt die meisten, das rückt ihn überall in den Mittelpunkt. Routiniert strahlt er einen juvenilen Willen zum Erfolg aus. 

Mit Hongkongs Nationalmannschaft der Schwimmer:innen war er schon einmal in Japan, doch Sushi isst Shum zum ersten Mal in Milwaukee. Im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten besucht er Verwandte.

Die Kinder der Parteigranden studieren durch die Bank in Amerika. Sie verfügen über Wochenendunterkünfte im Trump Tower, „dem Luxusapartmentturm am Hudson River in Manhattan“.

Shum zählt aber nicht zur Elite; seine Eltern sind nach Hongkong migrierte Festlandchinesen. Ihre ursprünglichen Bindungen bestehen fort. Die Familie gehört zu einer von Peking dezent dirigierten Expatriierten-Kohorte und funktioniert auf der Geschäftsanbahnungsebene wie ein verdeckt operierendes Brückenkopfkommando. Vorderhand gehorchen sie den Verkehrsformen des westlich gefärbten Hongkonger Alltags. Ihre Mimikry ist vollkommen. Doch hinter der kosmopolitisch-privatkapitalistischen Fassade verbergen sich Akteure, die besser als andere den ungeheuren Expansionsflow antizipieren, der einen Wimpernschlag später die Koordinaten der Weltordnung verändern sollte.

So dicht am Puls der Zukunft, vibriert Shum in seiner Erwartungsspannung. Bei ihm verbindet sich der richtige Stallgeruch mit internationalem Radius. Sein Credo lautet:

„Man muss das Blatt spielen, das man auf der Hand hat.“

Shum steigt in die Familiengeschäfte ein. Er gerät in den Sog von Tante Zhang. Die umtriebige Gattin eines Spitzenpolitikers steuert der „Jagdtrieb“ wie eine Sucht.  

„Wir gelangten zu dem Schluss, dass es Jagdfieber war, was Tante Zhang antrieb.“

„Als für Wēn Jiābǎo dem Amt des Ministerpräsidenten in Reichweite kam, wollte sich Tante Zhang ihren eigenen Einflussbereich sichern, anstatt ein irrelevantes Dasein als Anhängsel ihres Mannes zu führen.“

„Weder Wen noch Tante Zhang stammten von den Gründern des kommunistischen China ab.“ Deshalb bleibt ihnen der lukrativste Markt verschlossen.

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Die Altgenoss:innen der Kommunistischen Partei kümmern sich kaum um Verschleierungen dynastischer und feudaler Aspekte ihrer Herrlichkeit. Die Veteranen der Gründer:innengeneration um Mao, Deng Xiaoping und Xi Zhongxun, deren Schwur in der Partisanenhochburg Yan‘an* auf ewig Gültigkeit besitzen soll, betrachteten die Jiang Zemins und Hu Jintaos als Figuren des Übergangs und der Vorläufigkeit.

*Im Norden der Provinz Shaanxi auf dem Löß-Plateau liegt Yan‘an am Gelben Fluss. Die Stadt ist ein revolutionärer Hotspot seit den Tagen des Zweiten Sino-Japanischen Krieges. Siehe ferner: Quelle

Wie ihre aristokratischen Vorgänger:innen sind die Repräsentant:innen der Gerontokratie aus der Steinzeit des chinesischen Kommunismus besessen von Langlebigkeit. 

Longävität ist das Maß aller Dinge. Man dehnt die persönliche Spanne. Darüber hinaus überlebt man in seinen Nachkommen. Deshalb zählt für die greise Avantgarde „Blutsverwandtschaft mehr als Ideologie“ Quelle

„Ihr Vermächtnis (erfüllt) sich nur dann, wenn die nächste Führungsgeneration aus ihren eigenen Kindern besteht“. Quelle

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Shum übernimmt „Laufarbeit, (er) besucht Produktionsstandorte und studiert die Details“. Er berechnet auch politische Kosten. Er erfüllt die Funktionen „weißer Handschuhe“. Sie verbergen den Dreck an den Händen der skrupellosen Chefin.

Shum verkörpert den Aufsteiger im Boom-Fieber. Einen betrügerischen Manager blufft er aus dem Büro. Shum resümiert:

„Es muss der Schwimmer in mir gewesen sein: Ich kraulte einfach weiter.“  

Aus der Ankündigung

„Bitte veröffentliche dieses Buch nicht!“ Der brisante Insiderbericht aus Chinas Wirtschaftselite

Desmond Shum: Ein Ex-Mitglied der roten Milliardärsklasse packt aus

Wann ist man wirklich mächtig? Wenn auf dem Konto eine Milliarde liegt? Wenn die Ehefrau mit der Frau des Premiers beim Shoppen große Geschäfte macht?

Desmond Shum wächst in Shanghai und Hongkong auf. Nach dem Studium in den USA stürzt er sich ins Beijinger Businessleben mit dem Blickwinkel eines Outsiders und den richtigen Connections. Er scheffelt mit Immobilientransaktionen Geld. Ehefrau Whitney pflegt Beziehungen zu Ehefrauen wichtiger politischer Akteure.

Dass in China Menschen verschwinden, wissen sie. Aber dass das ihnen passieren könnte? Niemals! Dann ändert sich alles, als Desmond Shum auf Geschäftsreise in England einen Anruf erhält: Whitney ist nicht auffindbar. Wem war Whitney Duan gefährlich geworden? Kann es sein, dass Desmond und Whitney zu viel wissen? Darüber, wie in China Politik auf allen Ebenen gemacht wird? Wie die Ehefrau und Kinder von hohen Parteiführern sich hemmungslos bereichern? Wer sich wie am besten schmieren lässt?

Vier lange Jahre kein Lebenszeichen von ihr. Desmond und ihr gemeinsamer Sohn leben im Londoner Exil und wissen nicht, ob sie noch lebt. Bis zu dem Tag, als dieses Buch erscheint und er ihre Stimme hört am Telefon. Sie fleht ihn an: Bitte veröffentliche dein Buch nicht. Denn: Desmond Shum nennt Namen, Orte, Firmen, konkrete Personen auch aus der Kommunistischen Partei. Er hat in dieser Welt gelebt, er hat mit seiner netzwerkenden Frau die Strippen gezogen – und wusste doch, dass er nur eine Marionette war in den Händen der Parteiführung – und dass sein Leben nur ein einziges Spiel war: chinesisches Roulette.

Selten hat es jemand gewagt, so offen über das zu schreiben, was in China Macht bedeutet. Der New-York-Times-Bestseller ist ein brisanter Augenzeugenbericht aus der neureichen Wirtschaftselite Chinas. Er legt die Hintergründe der "Explosion" des chinesischen Kapitalismus in den 2000er Jahren offen, erzählt von einem, der mit verstrickt war und mitverdient hat.

Desmond Shum, geboren 1968, wuchs auf in Shanghai und Hongkong. Nach dem Bachelor in Finanzmanagement an der Universität Wisconsin-Madison, startete er durch als Finanzinvestor in Beijing. Heute lebt er mit seinem Sohn in England.