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06.02.2022, Jamal Tuschick

Sie waren einmal verheiratet. Jetzt sind Lucy und William beste Freunde, die sich beinah lustvoll Schwächen gestehen. Die Erotik der Verflossenen moussiert in schrägen Nischen der Vertraulichkeit.

Expansiv eigensinnig

Lucy Burton steckt in der Herkunftsfalle. Zwar lebt sie schon lange in New York und führt da das angenehme Leben einer arrivierten Schriftstellerin mit zwei liebevollen Töchtern und einem anhänglichen Ex-Mann. Eine dramatisch trostlose Ursprungsumgebung wirkt sich aber weiter zum Nachteil der Erzählerin aus.

Lucy stammt aus Amgash im Bundesstaat Illinois. Strout-Leser:innen kennen das (fiktive) Kaff.  

Die Tochter einer bis zur Rotzigkeit lieblosen Mutter und eines unwirsch-prekären, posttraumatisch verstörten Weltkriegsveteran erlebt ihrer Unterschichtsozialisation als penetrante Anhaftung. Dem leistungsbasierten Überbau ihrer Existenz fehlt ein biografischer Sockel aus positiven Kindheitserfahrungen. Die Vernachlässigte verdankt ihre Karriere einer Lehrerin, die ihr auf die diskreteste Weise mütterlich begegnete. Als Studierende begegnete sie ihrem ersten Ehemann, dem Mikrobiologen William Gerhardt.

Elizabeth Strout, „Oh, William!“, Roman, aus dem Amerikanischen von Sabine Roth, Luchterhand, 20,-

Lucy und William überleben eher gemeinsam als getrennt Ehen und Gatten, bis sie die Gruft ihrer Verbundenheit noch einmal bis zur Sohle vermessen.

Die von zig Katastrophen Gestreiften feiern eine klandestine Kontinuität; so wie dann auch die Wiederauferstehung ihrer Liebe als egoistisches Paar.

In Rückblenden erzählt Elizabeth Strout zwei Aufstiegsgeschichten, in deren Zenit der Tod am Horizont auftaucht. William ist ein legalisierter Seitensprungspross. Seine Mutter, die expansiv eigensinnige Catherine, war mit einem Farmer verheiratet, als sie sich in einen deutschen Kriegsgefangenen verliebte, der in einer verschlafenen Gegend von Maine zur Kartoffelernte herangezogen worden war. Catherine setzte sich über die Konventionen hinweg und konsolidierte Wilhelms Verhältnisse. Der Deutsche gliederte sich ein, während Catherine sich von den Normalverläufen ihres Milieus absonderte.

Catherine fiel aus dem Rahmen.

Wilhelm machte etwas aus sich in der Neuen Welt. Er gehorchte dabei viel mehr Klischees als seine Frau, die wegen ihm nicht nur einen Mann, sondern auch eine Tochter verließ.

Wilhelms Sohn fällt aus allen Wolken, als er Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg und beinah schon als Erloschener von der Halbschwester erfährt.

Lucy nimmt die Angelegenheit in die Hand. Sie klappert mit dem emeritierten Wissenschaftler Stationen der Schattenseite seiner Biografie ab. Sie begeht mit ihm die Blackbox des ahnungslos Ungelebten.

Lucy begleitet William zu einem Archiv in Houlton, im Aroostook County von Maine. Eine freundliche Hobby-Archivarin gewährt den aufdringlich urbanen Halbgreisen Einblick in ein ländliches Geschehen aus der Keimzeit des Kalten Krieges.

Hors de combat nennt man außer Gefecht Gesetzte: gefangen oder verletzt spielt in diesem Begriffsbild keine Rolle. Die in der Landwirtschaft des Pine Tree State eingesetzten Prisoners of War traten eine markante Spur ins kollektive County-Gedächtnis. Dass Catherine für einen Feind ihre amerikanische Familie aufzugeben bereit gewesen war, löste einen Schock aus, dessen Spätwellen eine der interessantesten Romanstellen schwingen lässt. Williams in Fort Fairfield lebende Halbschwester besteht darauf, dass größere Stück vom Heile-Welt-Kuchen bekommen zu haben. Sie beschwört ihr Glück und verdammt ihre lediglich leibliche Mutter, die von „Habenichtsen“ abstamme. Die Verwandte verwendet auch das Wort „Gesocks“. Lucy selbst wurde von Catherine als „Gesocks“ beschimpft. Sinnlos spät erkennt sie einen Schwachpunkt jener Frau, die ihr stets ungemein stark und mitfühlend erschienen war.

Das macht den Roman interessant. Strout erzählt ihn zunächst so, dass Catherine als Mutter eines hochbegabten Einzelkindes mustergültig fürsorglich erscheint, bevor der ganze Aufbau eines traditionell gelungenen Lebens einstürzt und eine vollkommen andere Catherine zum Vorschein kommt.

Catherine ging hinter ihrem Sohn in Deckung. Er verhalf ihr zu einer passablen Fassade. Was für eine irre Geschichte! 

In der Abspannphase des Lebens

Ein Forscher, der die Lehre fürchtet. Erst nach seiner akademischen Demission begreift William Gerhardt das Ausmaß seiner Aversion. Der Anpassungsdruck verstellte dem Dozenten für Mikrobiologie den Blick auf die eigene Not. Er tat, was von ihm verlangt wurde. Doch in der Abspannphase seiner Laufbahn kriechen die ein Berufsleben lang in Schach gehaltenen Ängste aus allen Ritzen. Am meisten belastet den Sohn einer in zwei Ehen zu Wohlstand gelangten Tochter prekärer Eltern und eines nach Amerika deportierten Wehrmachtssoldaten, die gespenstischen Traumauftritte seiner Mutter Catherine; einer einst expansiv eigensinnigen Frau.    

Dem emeritierten Parasitologe William G. steht immer noch ein Labor und eine wissenschaftliche Hilfskraft zur Verfügung. Jetzt planscht er da, wo er früher geschwommen ist.

Über seine seelische Hinfälligkeit redet er am liebsten mit seiner ersten Ehefrau, der von seinem Nachfolger verwitweten Lucy Barton. Zwei Töchter gehören zu ihrer gemeinsamen, in New York angesiedelten Geschichte. Die genetische Fülle bewahrt den Eltern eine klandestine Intimität.

Elizabeth Strout, „Oh, William!“, Roman, aus dem Amerikanischen von Sabine Roth, Luchterhand, 20,-

Lucy schildert Williams phobisches Programm. Sie spricht von „Zuständen“.

Lucys zweiter, in der Handlungsgegenwart verstorbener Mann, ein Cellist mit armen Eltern, hieß David, Williams aktuelle Frau, eine Schauspielerin mit reichen Eltern, heißt Estelle.

Lucy geht Williams Frauen durch. Sie selbst trieb als Studierende (mit einem furchtbar trostlosen Familienhintergrund) gegen den Lehrkörper. Ihr folgte Joanne. Estelle ersetzte Joanne. In einem den grauen Gatten gleichermaßen einnehmenden und ausschließenden Vorgang wurde Williams Dritte schwanger. Beinah genauso gut hätte Estelle von einem Liebhaber das Kind bekommen können.

Für William fand das Erscheinen der späten Tochter auf einer abgeräumten Bühne statt. Erschrocken ließ er sich nach dem Überfall sterilisieren. Der überrumpelte Altvater suchte nach einem Verhältnis, dass den beiden Töchtern aus der Ehe mit Lucy Gerechtigkeit verhieß.    

Estelle ist eine zugängliche, zur Mühelosigkeit begabte Person. Nennt William sie aus Versehen Lucy, zeigt sie sich amüsiert. Sie lädt die erste Frau ihres Mannes bei jeder Gelegenheit ein, bis sie sich sang- und klanglos von William trennt.   

Aus der Ankündigung

Elizabeth Strout ist eine scharfsinnige und mitfühlende Chronistin des Alltags, all der kleinen und großen Dramen, die man Leben nennt. In ihrem neuen Roman erzählt Lucy Barton (die Heldin aus den Romanen »Die Unvollkommenheit der Liebe« und »Alles ist möglich«) von der komplexen und innigen Beziehung zu ihrem ersten Mann William, von den Anfängen, als sie noch studierten, von ihren beiden Töchtern und vom schmerzvollen Ende ihrer Ehe. Doch obwohl sie neue Partner, neue Liebe finden, bleiben sie einander jahrzehntelang verbunden. Und als William Hilfe braucht, ist es Lucy, an die er sich wendet …

Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Für ihren Roman »Mit Blick aufs Meer« bekam sie 2009 den Pulitzerpreis. »Die Unvollkommenheit der Liebe« wurde für den Man Booker Prize 2016 nominiert. »Alles ist möglich« wurde 2018 mit dem Story Prize ausgezeichnet, erhielt ein überwältigendes Presseecho in den USA und stand in allen großen Medien auf den Empfehlungslisten. Die Übersetzungsrechte ihres neuen Romans wurden in bisher 17 Länder verkauft. Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City.