MenuMENU

zurück zu Main Labor

10.02.2022, Jamal Tuschick

Konsistenz und Persistenz am Wasserloch

Während bei „einfacheren Lebewesen … nur ein unbewusster Wettbewerb unkoordinierter sensomotorischer Systeme stattfindet“, beweist jeder Elefant auf der Suche nach einem Wasserloch Konsistenz und Persistenz. Das verweist auf zwei konstitutive Merkmale menschlichen Bewusstseins: „Globale Verfügbarkeit (C1) und Selbstüberwachung (C2)“. 

Werkzeugintelligenz und Metakognition

Offenbar sind manche Säugetiere Herausforderungen, die dem präfrontalen Kortex zugeordnet werden, bis zur Metakognition aka korrekten Selbsteinschätzung, gewachsen. Trotzdem fällt es Ludwig Huber nicht ein, allein deshalb Bewusstsein bei nichtmenschlichen Tieren anzunehmen. Seinen Skrupeln genügen schließlich folgende Kriterien:

„Wahrnehmungsreichtum, Bewertungsreichtum, Integration zu einer Zeit, Integration über die Zeit hinweg und Selbstbewusstsein.“ Nach Alexandra Schnell und Nicola Clayton (University of Cambridge) und Jonathan Birch (London School of Economics).

Ludwig Huber, „Das rationale Tier. Eine kognitionsbiologische Spurensuche“, Suhrkamp, 34,-

„Schimpansen, Bonobos, Orang-Utans und Gorillas ... bestätigen die Vermutung, dass Tierarten in der phylogenetischen Nähe des Menschen auch zu eindrucksvollen Gedächtnisleistungen fähig sind.“

Zwischenschritte

Huber analysiert das Antizipationsvermögen von Kapuzineraffen. Mit Steinen schlagen sie Brocken aus Blöcken, um Fruchtwände mit jenem Equipment aufzuschlagen, dessen Verfügbarkeit einen „Zwischenschritt“ voraussetzt.

Der Wissenschaftler fragt sich, ob der Zwischenschritt an eine im Bewusstsein des Primaten repräsentierte Entscheidung gebunden ist. Er spekuliert:

„Hatten (die Affen) zunächst das Ziel, die begehrte Nuss, vor Augen und dachten danach zurück an das Aufschlagen mit einem Stein, und, um diesen zu bekommen, an das Herausschlagen aus dem Konglomeratfelsen.“

Entspricht das einer Planung in menschlichen Dimensionen?

„(Wir) sind fähig, aktuelle Bedürfnisse zu unterdrücken, um spätere Bedürfnisse zu stillen. Wir sprechen dabei von Selbstkontrolle oder Hemmungskontrolle. Und (wir) können sich mögliche oder zukünftige Ereignisse vorstellen.“  

Haben nichtmenschliche Tiere Selbstkontrolle und Vorstellungskraft?

Jedenfalls lässt sich beobachten, dass Hunde einer umgehenden Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu Gunsten einer besseren Option widerstehen können, wenn auch nur in kurzen Zeiträumen.

Die menschliche Kognition dreht sich um die Spindel der Vorstellung. Unsere antizipierenden Zeitreisen hängen von unserem Vorstellungsvermögen und von unserem Gedächtnis ab.

Werkzeugintelligenz

Javaneraffen auf Ko Yao Yai verwenden Steine zum Aufschlagen eingeschlossener Nahrung. Es lassen sich komplexe Routinen in einem vielschichtigen Geschehen beobachten. Eine Population von Strandbewohner:innen zeigt besondere Fertigkeiten beim Knacken von Muscheln. Zum Streifgebiet der Gruppe gehört eine aufgegebene Palmölplantage. Die Affen öffnen die olivenartige Frucht der Palmen nach dem Schema, mit dem sie an den Inhalt von Muscheln gelangen.   

Huber bezeichnet die Universalisierung als „junge Verhaltensanpassung“. Er spricht von einer „technologischen Antwort der Affen auf eine anthropogene Veränderung ihrer Umwelt“ und insofern von einer „echten Verhaltensinnovation“. 

Keine Einsicht

„Neurophysiologische Untersuchungen von Makaken und Menschen legen nahe, dass der Einsatz von Werkzeugen die interne Repräsentation der Extremitäten des Akteurs (Hand, Fuß, Schnabel usw.) erweitert.“

Ein Forscherteam um Christian Rutz erforscht an der schottischen University of St. Andrews das handwerkliche Geschick von Geradschnabel- aka Neukaledonienkrähen. Die Vögel zeichnet eine serielle Hakenproduktion aus. Sie verausgaben sich nicht mit Experimenten, sondern agieren wie Spezialist:innen, die ihre Sache im Schlaf beherrschen.

„Haken waren eine Schlüsselerfindung von Steinzeitmenschen vor circa neunzigtausend Jahren, denn mit ihnen konnten sie deutlich effizienter fischen und damit ihr Beutespektrum beträchtlich erweitern konnte.“

Rutz ordnet die Hakentechnologie der Geradschnabelkrähe lediglich artspezifischem Verhalten zu. Keine Rede sein könne von „Einsicht und Innovationskraft“.

Immer wieder kommt Huber auf den Unterschied „zwischen einem intelligenten Ergebnis und einer intelligenten Handlung“ zurück.

Was alles keine Intelligenz ist und folglich unter „angeborener Spezialanpassung ohne besondere kognitive Höherentwicklung“ rubriziert wird. 

Die Vielfältigkeit des verwandten Materials deutet auf die Fähigkeit zur Abstraktion von „der spezifischen Handlung“ hin. Huber geht von einem zumindest „basalen Verständnis“ der physikalischen Eigenschaften von Gegenständen aus.

„Neurophysiologische Untersuchungen von Makaken und Menschen legen nahe, dass der Einsatz von Werkzeugen die interne Repräsentation der Extremitäten des Akteurs (Hand, Fuß, Schnabel usw.) erweitert.“

Ein Forscherteam um Christian Rutz erforscht an der schottischen University of St. Andrews das handwerkliche Geschick von Geradschnabel- aka Neukaledonienkrähen. Die Vögel zeichnet eine serielle Hakenproduktion aus. Sie verausgaben sich nicht mit Experimenten, sondern agieren wie Spezialist:innen, die ihre Sache im Schlaf beherrschen.

„Haken waren eine Schlüsselerfindung von Steinzeitmenschen vor circa neunzigtausend Jahren, denn mit ihnen konnten sie deutlich effizienter fischen und damit ihr Beutespektrum beträchtlich erweitern konnte.“

Rutz ordnet die Hakentechnologie der Geradschnabelkrähe lediglich artspezifischem Verhalten zu. Keine Rede sein könne von „Einsicht und Innovationskraft“.

Immer wieder kommt Huber auf den Unterschied „zwischen einem intelligenten Ergebnis und einer intelligenten Handlung“ zurück.

Was alles keine Intelligenz ist und folglich unter „angeborener Spezialanpassung ohne besondere kognitive Höherentwicklung“ rubriziert wird. 

Die Vielfältigkeit des verwandten Materials deutet auf die Fähigkeit zur Abstraktion von „der spezifischen Handlung“ hin. Huber geht von einem zumindest „basalen Verständnis“ der physikalischen Eigenschaften von Gegenständen aus.

Die paläolithische Revolution der Affen

Papageientaucher kratzen sich mit Holzstäben. Mangrovenreiher legen Köder aus. Große Tümmler krönen ihre Schnauzen mit Schwämmen, die sie am Meeresboden ernten. Visayan-Warzenschweine nutzen Rinde und Stöcke für ihre Untergrabungen. Elefanten schwenken Palmwedel mit ihren Rüsseln. Schimpansen nehmen Wasser in Blätterkelchen auf. Sie schützen sich mit Handschuhen und Schirmen aus Blättern. Manche Verbände jagen mit Holzspießen nicht anders als unsere direkten Vorfahren. Rückenstreifen-Kapuzineraffen im Serra Da-Capivara-National Park schießen den Vogel ab, sobald es um den Einsatz von Werkzeug geht. Vereinzelt kombinieren sie Steine mit Stöcken.

„Nach archäologischen Untersuchungen an Schlagplätzen im Nationalpark Serra da Capivara in Brasilien reicht das Verhalten, Nüsse … (mit Steinen) aufzubrechen, in der Region rund 3000 Jahre zurück.“ Wikipedia

Die Koryphäen agieren wie Menschen im Paläolithikum. Sie hämmern und haken und modifizieren die Instrumente ihrer Wahl. Sie graben Wurzeln und Knollen aus, zertrümmern Holz und legen Larven frei. Sie schlagen Splitter aus Blöcken, pulverisieren Quarzeinschlüsse in Zubereitungs- und Darbietungsakten. Vermutlich spekulieren sie auf mineralische Prisen im Quarzpulver.  

Mineralische Prisen

Bei der Analyse des kognitiven Potentials ergab die Massenspektrometrie, das technische Informationen über „hundert Generationen“ weitergegeben wurden.

Primaten transferieren steinaltes Wissen aus der Vergangenheit in die Zukunft.

Die Geradschnabelkrähe stellt „Stocherwerkzeuge mit Widerhaken“ her. Sie bastelt „aus den Zweigen des Lichtnussbaumes … Hakenangeln“, die multifunktional einsetzbar sind. 

„Werkzeuggebrauch ist eine zielgerichtete Handlung mit einem geeigneten Mittel.“ 

Der schlichten Definition flankieren hochkomplexe Begriffsbildungen. Was dem Laien selbstverständlich erscheint, bleibt unter Expert:innen umstritten. Die Frage, ob Werkzeugbau und -gebrauch Intelligenz indiziert, lässt sich so einfach nicht beantworten.

Das erklärt Ludwig Huber.

Zustimmend zitiert er Malcolm McCullough, der ein Werkzeug als „angewandte Intelligenz“ bezeichnet. Folglich muss geklärt werden, ob ein zum Ameisenangeln eingesetzter Zweig dieser Bedingung genügt. In jedem anspruchsvollen Deutungsschema reicht das Gesetz der Wirkung (nach Edward Lee Thorndike) nicht aus. Daraus ergibt sich die Unterscheidung „zwischen einem intelligenten Ergebnis und einer intelligenten Handlung“.

Aus der Ankündigung

Kann man nichtmenschlichen Lebewesen Rationalität und Bewusstsein in einem anspruchsvollen Sinn zugestehen? Der international führende Kognitionsbiologe Ludwig Huber zieht in diesem grundlegenden Buch die Bilanz des gegenwärtigen Forschungsstands zum tierischen Denken. Mittels zahlreicher, eigens für dieses Buch angefertigter Abbildungen erklärt er anschaulich die wichtigsten Experimente und Beobachtungen und vermittelt so, was Affen, Hunde, Bienen, Krähen, Keas, Pfeilgiftfrösche, Schildkröten oder Kraken alles können: Werkzeuge gebrauchen und herstellen, kommunizieren, planen, Gedanken lesen und vieles mehr. Eine faszinierende Reise durch die Kognitionsforschung.

Huber will aber nicht nur zeigen, was wir heute über den Geist der Tiere wissen und wie wir es herausgefunden haben, sondern auch, wozu das gut ist. Neben der zweckfreien Befriedigung unserer Neugierde treibt ihn auch ein moralischer Imperativ: »Um sie zu retten, müssen wir uns kümmern, und kümmern können wir uns nur, wenn wir sie verstehen.« Die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse verlangen eine entschiedene Revision unserer irrationalen und ethisch fragwürdigen Einstellungen gegenüber Tieren.

Ludwig Huber, geboren 1964, ist Professor und Leiter des interdisziplinären Messerli Forschungsinstituts für Mensch-Tier-Beziehungen an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Er leitet dort die von ihm gegründete Abteilung für Vergleichende Kognitionsforschung, deren Schwerpunkt auf der Erforschung der kognitiven und emotionalen Fähigkeiten von Tieren liegt.