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12.02.2022, Jamal Tuschick

Elitäre Kaltblütigkeit

Eine(n) gute(n) Erzählerin/Erzähler erkennt man auch daran, dass sie/er, ohne eine Jonglage zu versemmeln, die Pferde im Galopp wechselt. Colson Whitehead liefert für die athletische Geschmeidigkeit imposante Beispiele. Er baut einen Gangster aus dem US-Süden zur unangefochtenen Größe in der Unterwelt von Harlem auf. Miami Joe dirigiert das örtliche Ganovenorchester.

Keiner übertrifft den Binnenmigranten an elitärer Kaltblütigkeit, Schlag- & Schussfertigkeit und jenem, jedem Laien bizarr überzuckert anmutenden Schneid, mit dem Schurken unter sich ihre Hackordnung filetieren.

Wegen Miami Joe dürfen sich Leute fürs Schlangestehen nicht zu schade sein, die früher zur Exzellenzkohorte zählten. Kurz gesagt, Miami Joe funktioniert geraume Zeit als Controller des systematisierten Verbrechens. Er optimiert die New Yorker Kriminalität.  

Brain Bouncer

Jahrelang bejagt Miami Joe ein Revier, ohne feindliche Übernahmen fürchten zu müssen. Er hält Hof in den Kaschemmen, die gleichermaßen als Häfen der Gestrandeten und als Hotspots der Gunslinger:innen dienen. Seine Diskursvorgaben sind verbindlich; seine Ansprachen legendär.  

Miami Joe ist der Brain Bouncer.  

Colson Whitehead, „Harlem Shuffle“, Roman, übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Hanser, 25,-

Doch kommt es einmal wieder anders als man dämlich denkt. Pepper, ein eingesessener Verbrecher mit Weitsicht und Überblick, schließt Miami Joe von weiteren Vorhaben aus. Der Finisher besteht auf Arbeitsteilung. Deshalb obliegt es Whiteheads ständigem Heldin Ray Carney, den gefällten Giganten beiseite zu schaffen. 

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Die einen sagen so, die anderen so. Den Marcus Garvey Park nennt Ray Mount Morris Park. Da legt er Miami Joes Leiche ab. Die narrative Strecke bis zu der Stelle im Unterholz liest sich wie eine Moritat von Mackie Messer.

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Meilenstein der Schwarzen Emanzipation

“The Theresa Job” - Der Originaltitel exponiert den wichtigsten Romanschauplatz. Das Hotel schwebte als das „Waldorf von Harlem“ über den Dingen. Das Theresa, so genannt nach der Gründergattin, avancierte zu einem Denkmal und Meilenstein der Schwarzen Emanzipation. Bevor es ein New Yorker Magnet für internationale Größen der Castro-Klasse* wurde, war es schlechthin der Schauplatz für Schwarze Trendleader:innen; für Leute, die sich das Luxusmaximum leisten konnten, ohne weiß zu sein. Angeblich lebte Dinah Washington im Hotel. 

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*“In 1960, Fidel Castro came to New York for the opening session of the United Nations … he and his entourage stayed at the Theresa, where they rented 80 rooms for $800 per day. Malcolm X and other civil rights leaders arranged for their stay. According to the New York Times, Castro felt that ‘N… would be more sympathetic’ … while Castro was there, he was visited by Khrushchev, Ginsberg, Nasser and Nehru.” Wikipedia

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Im Handlungsjetzt erleidet der Prachtkasten einen grobmotorischen Angriff wie aus dem Bilderbuch für Idiot:innenkriminalität. Ein Akteur bringt es auf den Punkt: Das Sakrileg wäre nicht gravierender gewesen, wenn man der Freiheitsstatue auf die Füße gepinkelt hätte.  

Der Überfall auf die Legende findet am Juneteenth des Jahres 1959 statt. 

Ray Carney hat nichts verbrochen. Das nutzt ihm nichts. Er ist zwar nicht mitgegangen, aber trotzdem mitgefangen. Dieses Licht geht dem kleinen Licht bei einer Tasse Kaffee auf. Serviert wird sie in einem besseren Café von der heruntergekommenen Ex-Startänzerin Sandra, die ihre große Zeit im Apollo Theater hatte.

Es ist die Zeit von Dave 'Baby' Cortez. Ständig läuft überall The Happy Organ.

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Harlem Shuffle - Was zuvor geschah

The Rolling Stones - Harlem Shuffle 

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Ray Carney zählt nicht zu den großen Leuchten seines Milieus. Er übersteigt nie ein Niveau, das sein Schöpfer Colson Whitehead so ausschildert: „Harlem ... ist einfach nur ein weiterer Ort, wo Leute leben, ihre kleinen Träume verfolgen, sich anstrengen, scheitern, sich gegenseitig mies behandeln und dann sterben.“ 

Ja, Carney kennt sich aus mit dem Herumgestoßenwerden. Er wundert sich, wenn ihn jemand Mister nennt. Nach seinen Wünschen gefragt zu werden, löst bei Carney basales Erstaunen aus. Seine Kalenderspruchweisheiten rahmt ein Trauerrand. Ihm fehlt der Optimismus der Einwanderer, deren Ambitionen im Augenblick des Romangeschehens mit dem „Elektronikboom“ flirten.

Carney verscherbelt Radios und Fernseher, ohne einen blassen Technikschimmer. Für seine Schwiegereltern ist er „dieser Teppichhändler“. Seine Frau Elisabeth hat sich mit ihm „zufriedengegeben“.

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Aus der Ankündigung

Harlem in den 1960er Jahren: die Geschichte eines einfachen Mannes, der so ehrlich wie möglich versucht aufzusteigen. Der neue Roman des zweifachen Pulitzerpreisträgers und Bestsellerautors Colson Whitehead

Ray Carney würde am liebsten ohne Betrügereien auskommen, doch die Einkünfte aus seinem Laden reichen nicht aus für den Standard, den die Schwiegereltern erwarten. Cousin Freddy bringt gelegentlich eine Goldkette vorbei, die Ray bei einem Juwelier versetzt. Doch was tun mit dem Raubgut aus dem Coup im legendären „Hotel Theresa“ im Herzen Harlems, nachdem Freddy sich verdünnisiert hat? Als Polizei und Gangster Ray in seinem Laden aufsuchen, steht sein waghalsiges Doppelleben auf der Kippe. Der mitreißende Roman des zweifachen Pulitzer-Preisträgers Colson Whitehead ist Familiensaga, Soziographie und Ganovenstück, vor allem aber eine Liebeserklärung an New Yorks berühmtestes Viertel.

Colson Whitehead, 1969 in New York geboren, studierte an der Harvard University und arbeitete für die New York Times, Harper's und Granta. Whitehead erhielt den Whiting Writers Award (2000) und den Young Lion’s Fiction Award (2002) und war Stipendiat der MacArthur „Genius“ Fellowship. Für seinen Roman Underground Railroad wurde er mit dem National Book Award 2016 und dem Pulitzer-Preis 2017 ausgezeichnet. Für seinen Roman Die Nickel Boys erhielt er 2020 erneut den Pulitzer-Preis. Bei Hanser erschienen bisher John Henry Days (Roman, 2004), Der Koloß von New York (2005), Apex (Roman, 2007), Der letzte Sommer auf Long Island (Roman, 2011), Zone One (Roman, 2014), Underground Railroad (Roman, 2017), Die Nickel Boys (Roman, 2019) und Harlem Shuffle (Roman, 2021). Der Autor lebt in Brooklyn.