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14.02.2022, Jamal Tuschick

„Die Welt ist nicht schlecht, sie ist nur zu voll.“

„Optimismus ist nur ein Mangel an Information.“ Heiner Müller

„Es ist kein Land in Europa, das nicht in irgendeinem Winkel eine oder mehrere Völkerruinen besitzt, Überbleibsel einer früheren Bewohnerschaft, zurückgedrängt und unterjocht von der Nation, welche später Trägerin der geschichtlichen Entwicklung wurde.“ Friedrich Engels

„Was für die Elite Geschichte ist, ist für die Massen noch immer Arbeit gewesen“, sagte Heiner Müller. Er vergaß hinzufügen: Und Krieg. Arbeit und Krieg. Deshalb bilanzierte James Joyce: “History is a nightmare from which I am trying to awake.” © Jamal Tuschick

Im infernalischen Kern des Geschehens

Typische Paarbildung. Sie quirlig, er quallig. Beide birnenförmig. Er erschöpft sich im Notwendigen, sie sich in der Verschwendung. Das alte Spiel von Pflicht und Kür. Ich rede von Karin und Heinz Strauß. Die Eheleute bewirtschaften das MfS-Gästehaus am Friedrichshain. Heinz versorgt gerade seine Hasen, die Ställe stehen an der Hauswand. Die Geräusche spielender Kinder überwinden die Mauer. Oberst Horst Senger rückt auf, schon nicht mehr nüchtern. Horst und ich begehen traut die blaue Stunde. Eine lemurenhafte Erscheinung flutscht vorbei; angeblich eine große Nummer unter westdeutschen Terroristen. Es fällt mir schwer, die Genossen von der Roten Armee ernstzunehmen. Unsere palästinensischen Freunde berichten nichts Gutes von der BRD-Stadtguerilla.

Karin serviert Schnittchen zum Schnaps. Sie stammt aus Limbach-Oberfrohna, das hört man. Muldensächsisch sagen manche. 

„Was für Elite Geschichte ist, ist für die Massen noch immer Arbeit gewesen“, sagt Heiner Müller.

Horst instruiert mich. Er spricht eine Warnung aus. Zum Schluss heißt es: 

„Behalt die Milada Křesomysl eng im Auge. Du weiß, welcher Geist in den Böhminnen haust.“  

Vermutlich kennen alle die Geschichte der Böhmen und Tschechen, wie sie in der Chronik von Břevnov niedergelegt wurde. Ein Geschlecht von Pflügern setzte Böhmen auf die europäische Landkarte. Unter der Herrschaft der Fürstin Libuše ergab sich eine matriarchale Regierungspraxis. Die Untertaninnen bildeten ein Amazonenheer, das dann aber uns doch unterlag. Friedrich Engels rechnete die Tschechen infolge einer Verstimmung zu den - nach Hegel - notwendigerweise „unbarmherzig zertretenen Nation, diese Völkerabfälle werden jedesmal und bleiben bis zu ihrer gänzlichen Vertilgung oder Entnationalisierung die fanatischen Träger der Kontrerevolution, wie ihre ganze Existenz überhaupt schon ein Protest gegen eine große geschichtliche Revolution ist“. 

Für Hegel waren nur solche Völker  geschichsmächtig, die sich „ein kräftiges Staatswesen“ garantieren können. Die anderen fand er „geschichtslos“.

Darauf spielt Horst an. Er sieht die Tschechen, verfolgt von einer zweifelhaften Vergangenheit, im deutsch-sowjetischen Schwitzkasten. 

*

Offiziell dient Miladas Aufenthalt in der Hauptstadt einem germanistischen Forschungsvorhaben. Als akademischer Gastgeber und als Romeo unternehme ich mit dem Gast einen Ausflug nach Bad Brambach, wo Milada Verwandtschaft hat. Im Vogtland findet man immer noch Spuren sowjetischer Panzermärsche.

1968 rollten die Panzer durch das Vogtland in die Tschechoslowakei. 

Milada stemmt die Füße gegen die Ablage. Wir reden über Fühmann und Bobrowski. Fühmann kam aus dem Riesengebirge, war beim SA-Reitersturm und blieb in der DDR „Böhme unter Preußen“. Er wandte sich gegen Operetten falschen Erinnerns. Bobrowski konnte mit Fühmann nicht viel anfangen, er hat sich seine Verluste auch nicht schön geschrieben. Für Bobrowski war die Mark Brandenburg eine Spielzeuglandschaft, unerheblich im Vergleich zum Memelland seiner Herkunft: „Ein Hof so groß wie ein ganzes märkisches Dorf“. Beide Autoren hatten den Überfall auf die UDSSR mitgemacht und waren in Unfreiheit belehrt worden. Doch Bobrowski blieb Zuhörer und skeptisch in den Schulungen, während Fühmann das Fass des leidenschaftlichen Antifaschismus aufmachte und Heimatempfindungen zum Aussterben verurteilen wollte.

„Dem eigenen Lied trat ich auf die Kehle“.

Milada streicht über ihre Beine, als kämen sie ihr sonst abhanden. Manchmal unterstütze ich ihre Selbstanbetung mit meiner rechten Hand. Ich zitiere den verbotenen Vogtländer Gerald Zschorsch: „Und warten nah der Grenze / mit Lied und mit Gedicht / dass durch die vielen Strophen / die Mauer einmal bricht.“

„Das ist ja ein starkes Stück“, lacht Milada. Sie weiß nicht so recht. Ist das schon Insubordination? Darf man das als deutscher Germanist, der schließlich Bescheid wissen muss? Zschorsch verließ die Deutsche Demokratische Republik nicht aus freien Stücken. Er wurde ausgebürgert. Wir halten in seiner Geburtsstadt, Elsterberg an der Weißen Elster, berühmt für Viskose Schwammtücher aus dem VEB Clara Zetkin. Zschorsch ist Sohn eines Diplomaten und einer Staatsanwältin. Er saß in einem Jugendgefängnis. Die Eltern sagten sich notariell von ihm los. Eines seiner eingängigsten Gedichte, „Die Kettenburg“, handelt von der Haft. In der Kettenburg lernte Zschorsch die Hackordnung kennen. Einst Herrensitz derer von Tonna, einem thüringischen Geschlecht, war der Bau schon gut und gern hundert Jahre lang ein Knast, als sich Zschorsch im Alter von siebzehn Jahren zu fünfhundert Knaben verfügte, oft mit langen Heimkarrieren. Im infernalischen Kern des Geschehens herrschte das Faustrecht. Die amtliche Aufsicht überließ die Aufrechterhaltung der Ordnung einer ungeratenen und unbelehrten Kraft. Einer wurde, tatsächlich mit kameradschaftlichen Absichten, beim Selbstmord unterstützt. Den feuerte man an, während er sich den Kopf an gusseisernen Heizkörpern einrannte, bis der Schädel „wie ein Kürbis platzte“.