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17.02.2022, Jamal Tuschick

Le goût authentique du chardon lorrain

Gestern titelte die WELT: „Erst ein Riss in der Verdrängungsdecke erinnert uns an den Tod“ Quelle

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„Wir sind nicht religiös, aber ein Kaddisch hätte sie sich bestimmt gewünscht.“ 

Das hört Delphine Horvilleur oft. Sie ist eine von drei französischen Rabbinerinnen, Herausgeberin der Zeitschrift Tenou’a und eine Stimme Europas. In ihrem aktuellen Werk analysiert Horvilleur unser Verhältnis zum Tod. Im Original heißt „Mit den Toten leben“ „Vivre avec nos morts“. Es hätte auch „Eau de vie“ heißen können, wie die Autorin bei einer Preisverleihung in ihrer Geburtsstadt Nancy erklärte (Quelle). Der Alternativtitel spielt auf klandestine Gaben des Großvaters an. Er versorgte die Enkelin am offiziellen Erziehungskatechismus vorbei mit „chardons lorrains, la gourmandise alcoolisée et gourmande“.  

Postnatal und Präfinal

In dem Bett zu sterben, in dem man empfangen und zur Welt gebracht wurde, entspricht keiner aktuellen Vorstellung von Erfüllung und Vollendung. Nach einem gelungenen Leben da den Geist aufzugeben, wo die eigene Geburt stattfand, steht uns als Idee kaum noch zur Verfügung. 

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zählte es zu den Regelmäßigkeiten gehobener Lebensführung, dass man in seinem Geburtshaus starb. Der bürgerliche Alltag verbannte die Gegenwart des Todes, bis den Sterblichen seine Selbstverständlichkeit aus dem Blick geriet.   

Delphine Horvilleur, „Mit den Toten leben“, aus dem Französischen von Nicola Denis, Hanser Berlin, 22,-

Historische Sicherheitsschleuse

Auch Delphine Horvilleur errichtet „eine symbolische Sicherheitsschleuse zwischen dem Tod und (ihrem) Zuhause. Es kommt nicht in Frage, ihn (nach Beerdigungen) mit heimzunehmen. (Sie) muss ihn um jeden Preis abschütteln“.

Sie lockt den „Verfolger“ in die Irre, indem sie falschen Fährten legt. Sie entzieht sich in Cafés und Umkleidekabinen. So folgt die Rabbinerin einer noch nicht einmal bloß volkstümlichen Überlieferung, die den Tod so tölpelhaft erscheinen lässt, dass er sich täuschen lässt. Der Leichtgläubige hört auf den Namen Azrael. Man sagt, dass er (obsolet bewaffnet) um die Häuser zieht und nach Dummen sucht, die ihm ihre richtigen Namen sagen.

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Horvilleur schildert Katastrophen der Ignoranz in Zeiten der Pandemie. Die Seuche durchkreuzt Strategien einer säkularen Praxis. Die Seelsorgerin kann nicht mehr einfach so dem Wunsch von Angehörigen entsprechen, einer Beerdigung die Würde des religiösen Rituals zu liefern.

„Eines Tages, ganz zu Anfang des Lockdowns, rief mich eine Familie an. Die Angehörigen standen ohne jede Begleitung vor dem Sarg des Vaters auf dem Friedhof … Sie kannten allerdings kein einziges jüdisches Gebet und baten mich, ihnen aus der Ferne zu helfen. Also murmelte ich am Telefon die entsprechenden Sätze, die sie laut wiederholten.“

So könnte ein Film beginnen, der die Apokalypse vorwegnimmt.

Talmudische Unverfrorenheit

Die Rabbinerin erinnert an Gelehrte, die vor zweitausend Jahren Gott in die Schranken wiesen und so die „talmudische Unverfrorenheit“ zu einem Genre machten.   

Sie sei „für die Freiheit des Denkens gestorben“ (Quelle). Das behauptet Béatrice Khaiat von ihrer bei einem Terroranschlag auf das Redaktionsbüro von Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 ermordeten Schwester Elsa Cayat. Die Familie der Psychiaterin, Psychoanalytikerin und Kolumnistin versicherte sich des Beistands von Horvilleur. In dem Milieu der Cayats, die Autorin charakterisiert Elsa als „Gelehrte, Religionsgegnerin … feministische Aktivistin“, musste die Entscheidung moderiert werden.

Béatrice beruhigte ihre Nächsten: „Das ist Delphine, unsere Rabbinerin. Aber keine Sorge, eine laizistische Rabbinerin!“

In einer fesselnden Ableitung verteidigt Horvilleur die vermeintliche Antinomie als vertretbare Position im Geist „grenzenloser Transzendenz“. Man könne das Judentum so auffassen, dass es einer „Form des A-Theismus“ gleichkomme.

Versteht man dabei nicht nur den Versuch, den vom Schmerz Getroffenen radikale Solidarität anzubieten, muss man sich einem Standpunkt stellen, der davon ausgeht, dass die Gläubigen die Erde für sich beanspruchen und Gott im Himmel bleiben soll.

Aus der Ankündigung

Delphine Horvilleur ist eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen Frankreichs. Ein aufrichtiges und tröstliches Buch, das uns mit der Endlichkeit des Lebens versöhnt.

Dass zum Leben der Tod gehört, ist die älteste und am konsequentesten verdrängte Wahrheit der Welt. Umso größer ist das Bedürfnis nach Ritualen und spiritueller Begleitung, wenn wir damit konfrontiert sind ─ unabhängig von jedem Glauben. In ihrem sehr persönlichen Essay gewährt Delphine Horvilleur Einblicke in ihre Aufgabe als Rabbinerin, Tag für Tag Menschen in dieser Situation beizustehen. Dabei erweist sie sich als Geschichtenerzählerin, der es gelingt, die Sphären des Lebens und des Todes mit der Kraft des Wortes zu überbrücken. Horvilleur schöpft aus dem Schatz der jüdischen Kultur, aber auch aus ihren eigenen Erfahrungen als Frau, als Mutter, als Tochter. Mit den Toten leben ist ein Buch, das vom Tod erzählt und das Leben feiert.

Delphine Horvilleur, geboren 1974 in Nancy, ist Rabbinerin, dreifache Mutter und die Leitfigur der Liberalen Jüdischen Bewegung Frankreichs (MJLF). Sie ist Herausgeberin der Zeitschrift Tenou’a - Atelier de pensée(s) juive(s) und Autorin mehrerer Bücher zum Thema Weiblichkeit und Judentum. Zuletzt erschien von ihr Überlegungen zur Frage des Antisemitismus (2020).