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24.02.2022, Jamal Tuschick

„Man kann die Freiheit nicht am selben Ort kosten, wo man die Knechtschaft erduldet hat.“ Imre Kertész

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„Ein Pessimist könnte die Geschichte von Paris zusammenfassen in eine ununterbrochene Folge von Katastrophen: Kriegen, Feuersbrünsten, Massakern, Hinrichtungen, Überschwemmungen, Epidemien, Hungersnöten.“ Ré Soupault

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Karl Marx nannte sie die „schönste Revolution der Weltgeschichte“. Viele Autor:innen schilderten den zweiundsiebzig Tage währenden Utopismus emphatisch. Tenor der Apologet:innen: Vom 18. März bis zum 28. Mai 1871 sorgte die Commune für klärende Momente in der erwachenden Arbeiter:innenbewegung. Man könnte aber auch von einer zusammengeschossenen Katharsis sprechen.  

Die Kommunard:innen übersahen, dass sie jenen entsprachen, die im alten Griechenland keine Zugangsberechtigung für solche Versammlungsmarathons hatten. Ob direkte oder repräsentative Demokratie: die Arbeit selbst wurde als versklavend angesehen. Arbeiten zu müssen: das war ein schwerer Fehler. © Jamal Tuschick

Das Agora-Phantasmas der Commune de Paris

Rimbaud träumte von einem Sieg über die feudale Ordnung des Second Empire. Als Clochard bis zur Kenntlichkeit maskiert, kreuzte er im aufständischen Paris von 1871 auf. Die Kommunard:innen erschienen als Feind:innen jedweder Repräsentation. Sie wollten den permanenten Volksentscheid unter Ausschluss vermittelnder Instanzen. Ihre Vorstellungen waren Ableitungen eines Agora-Phantasmas. Es suggerierte die Antike als ständige Versammlung. Die Kommunard:innen übersahen, dass sie jenen entsprachen, die im alten Griechenland keine Zugangsberechtigung für solche Versammlungsmarathons hatten. Ob direkte oder repräsentative Demokratie: die Arbeit selbst wurde als versklavend angesehen. Arbeiten zu müssen: das war ein schwerer Fehler.

Salome, Philipp und ich bedenken das kommunardische Missverständnis bei einem Griechen in der Brunnenstraße, der als letzte Station prekärer Akademiker:innen unserer Generation spät abends noch zu einem Katastrophengebiet werden kann. Bösartige Kellner:innen scheren sich einen Dreck um bürgerliche Schieflagen. 

Man neigt dazu, die in den Prozessen der Zivilisation gesteigerte Affektkontrolle mit einer hinter die Zäune der Selbstbeherrschung verlegten Ehre zusammenzudenken. In seiner Gefühlsgeschichte des antiken Rechts Ehre und Rache spricht Philipp Ruch den Kurzschluss an. Er skizziert die Annektierung Algeriens 1830 als maßlose Reaktion auf eine (an der Ehre des französischen Konsuls kratzenden) Unmutsäußerung des Dey von Algier. Der Sommer 1830 war besonders heiß, Hussein Dey schlug mit einem Fächer zu. Es könnte auch ein Fliegenwedel gewesen sein.

Die französische Regierung nutzte den Vorfall als Vorwand, um Algerien in den Griff zu kriegen. Interessant ist auch, was Ruch zur Politisierung der Ehre und den Nutzen gemeinwohlzentrierter Heroisierungen schreibt. Der antike Held stellt sich zu seinem Vorteil in den Dienst der Polis. Der Stadtstaat hält ihm den Rücken frei.

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Der Verzicht auf Gott schließt den Teufel aus. Sigmund Freud bemerkt das irgendwo. Natürlich ist man am Ende wieder da, wo der Teufel wohnt. Es sei schade, sagt Salome, dass viele erst zu Gott finden, wenn sie zu alt sind, um Kirchensteuern zu bezahlen, die ihrem Status und der Kirche gerecht werden. Philipp verdreht die Augen. Das ist absolut nicht sein Thema.

Verträumt sitze ich in einem Undercover-Einsatz am Tisch. Dazu später mehr.