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26.02.2022, Jamal Tuschick

Das Café hieß Tuluz Lotrek in dieser Schreibweise © Jamal Tuschick

Dichter im Café

Gerald Zschorsch donnerte gegen „die allgemeine Seichtigkeit“. Leichtigkeit war für ihn Seichtigkeit, war unverbindliches Gehabe, war ein Geschäft der Vermeidung. Dem Donnerer Zschorsch fehlte es an vielem, doch nicht an Wut. So schmucklos wie schneidig zwang er sich in den kurzen Satz:

„Ich bin vollkommen antidemokratisch.“

Das wurde variiert: „Ich bin nicht konsensfähig.“

Wir saßen im Café, tranken Kakao mit Sahne, mir war fad von so viel Rigorismus.

In der einfachen Vergangenheit von damals

Zschorsch kam aus Plauen im Vogtland. Sein Vater war Diplomat, die DDR eine Ecke Deutschlands, an der Zschorsch sich stieß. Man tat ihn in die Kettenburg, die Eltern sagten sich los.

„Vom Westen freigekauft“, wurde Zschorsch Weihnachten Vierundsiebzig.

Zu lang her sei das, um Zunder für ein Gespräch zu geben.

Steffi spielte mit dem Kaffeelöffel, Zschorsch fühlte sich um seine Wirkung betrogen. Wir verkörperten den Westen und die Seichtigkeit, Zschorsch war Deutschland in seiner Tragik. Er meinte es ernst. Er warnte vor den Gefahren der Spaßgesellschaft, er warnte uns vor uns. Er rauchte Steffis Nelkenzigaretten. Seine Bemerkungen stießen Pforten zu Erinnerungen auf: an frühe Tatorte und den jungen Egon Bahr.

Willie rief an, sie wollte wissen, wo wir waren.

„Wir sitzen mit einem Dichter im Café“, antwortete ich klassisch. Es hätte keinen Sinn gehabt, den Dichter beim Namen zu nennen, nicht bei Willie. Man sah sie überall auf Plakaten, eine Lingerie-Matrone und Kneipenchefin mit einer Schwäche für fußballverrückte Wertpapierhändler – Hool-Broker, ein Fach für sich und echt nur mit dem Gütezeichen Made in Great Britain.

„Klingt wie sitzengeblieben“, sagte Willie. Sie hängte mich ab. Auf ihre Art war sie so rigoros wie Zschorsch.

Meine Routine der biografischen Auffassung seiner Person missfiel Zschorsch. Er wollte nicht mit links abgehandelt werden. Ich konnte nicht anders. Ich war Ende Dreißig und lebte das Leben eines betuchten Fünfundzwanzigjährigen. Was nicht leicht von der Hand ging, kam mir vor wie eine Krankheit. Etwas, dass nach Abstand schrie.

Steffi untersuchte ihre Wirkung auf den Dichter, an diesem Nachmittag spielte sie das auf dem Teppich gebliebene Mädchen aus Bad Soden, das in Frankfurt zur Schule gegangen war. Steffi war Marktführerin im Ugly Casting und gab sich Mühe, Zschorsch nicht mit Gleichgültigkeit zu verletzen.

Nach Frankfurt kam er Zweiundachtzig.

„Hier war der Verlag“, also Suhrkamp.

Zschorsch stellte ein Bild mit Zschorsch, Johnson, Unseld scharf, Literaturgeschichte vor dem weißen Verlagshaus in der Lindenstraße.

Nie krank gewesen, nie verheiratet. Zschorsch berief sich auf „die alte Garde der konservativen Revolution“, weil sie ein gutes Deutsch schrieb.

„Die Linke hat ja kein Verhältnis zur Sprache.“

„Das ganze reaktionäre Pack“ war Zschorsch recht, so kamen Stefan George und William Burroughs zusammen. Er rührte gern die Trommel.

„Ich bin ein alter Minenleger.“

„Alle großen Armeen wurden von Partisanen besiegt.“

„So langweilig wie heute war die Welt noch nie.“

„Jeder kann nur eine Sache.“

„Ich schöpfe aus dem Wahnsinn.“

Steffi malte in Zucker und Krümel. Sie verlangte die Rechnung.

Sie fragte: „Können wir Sie irgendwo absetzen?“