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27.02.2022, Jamal Tuschick

Creepy Blow

Emily Ratajkowski und Joan Didion sind Kalifornierinnen verschiedener Generationen. Beide sind herausragende Essayistinnen, aber auch unbändige Erzählerinnen. Die Narration bricht durch die Decke der Publizistik. In jedem Fall spielt der gemeinsame Heimatstaat als Schauplatz von Goldräuschen, Gegenkulturhappenings und Paradiesphantasien wunderbar mit.

Albert Hammond - It never rains in Southern California  

Eingebetteter Medieninhalt

In ihrer illuminierten Abrechnung „My Body. Gespräch unter Freundinnen“ (auf Deutsch von Stephanie Singh, Penguin, 20,-) erhebt Emily Ratajkowski schwere Vorwürfe gegen Männer in der Modebranche. Sie treffen unter anderem den FotografenJonathan Leder.

„2012 trug meine Agentin mir auf, (für einen unbezahlten redaktionellen Beitrag) eine Busfahrkarte von der Penn Station in die Catskill-Berge zu kaufen. Ein Fotograf namens Jonathan Leder würde mich abholen.“

So federleicht hebt Ratajkowskis ab. Die Erzählung liegt fix und fertig unter der Anklage. In dem Essayband „Was ich meine“ erinnert sich Joan Didion „an einen Job bei der Vogue“, der Ratajkowskis Establishment Shoot vor einen anderen Horizont (und in eine andere Zeit) rückt.

Joan Didion, „Was ich meine“, Essays, aus dem Amerikanischen von Antje Rávik Strubel, Ullstein, 18.99 Euro 

Die Autorin soll „Frauen beim Fotografiertwerden“ zuschauen. Im Vorfeld spekuliert sie über eine „Essenz“, die sich im Wahrnehmungsfilter der Fotografin in unfassbaren Prozessen zu erkennen gibt; als besäße sie eine detektivische Kompetenz, die „einem Geheimnis der Person oder des Charakters auf die Spur käme“; unsichtbar für das bloße Auge.

Didion zitiert Jean Cocteau, der zu den künstlerischen Produktionsbedingungen „eine Schläfrigkeit (rechnete), der wir nachgeben wie Kranke“. In solchen Ableitungen zieht sich die Vorstellungskraft der entscheidenden Person am Set abergläubisch zurück, sobald es zu einer Kontamination mit profanen Stoffen kommt.

„Wenn du zu viel sagst, verlierst du etwas von diesem Geheimnis.“

Robert Mapplethorpe fand seine Arbeiten „katholisch und symmetrisch“. Didion findet die Inszenierungen „viktorianisch“. Sie transportieren die „sexuellen Träume“ von England im imperialen Rule-the-Waves-Modus.

Magische Zuschreibungen und historisierendes Dekor liegen Ratajkowski fern. Schon als Schülerin riss sie Katalogjobs auf dem Bademodenmarkt ab. Die Essayistin schildert den Verschleiß auf allen Seiten. Skurril-sinistere Gestalten treten als Fotografen in Erscheinung. Stets droht ein Übergriff.

Ratajkowski und Didion treffen sich in folgender Einschätzung: der interaktive Erfolg hängt „von dem Ausmaß ab, in dem sich das Modell taktisch darauf (einlässt) … das zu sein, was der Fotograf … in seinem Objektiv sehen (will)“. Das schreibt Didion mit der Gelassenheit einer notorisch glücklichen Finderin des Wesentlichen. Ratajkowski bringt die derben Details. Die leibeigene Erfahrung spricht.

Schnappschuss-Moderne

Die Gebuchte schwitzt im Bus auf dem Weg zu einem Termin, der ihr zwar eine weitere Portfolio-Marke einbringt, aber kein Honorar. Sie erwartet lediglich Fahrtkostenerstattung, freie Kost und Logis und ein Shooting im Abendlicht mit Retro-Requisiten. Leder holt Ratajkowski in einem ausgefallenen Fahrzeug ab. Er vermeidet Blickkontakt. 

„Er wirkte wie ein nervöser, neurotischer Künstlertyp und war ganz anders als die ‚Modefotografen‘, die ich bislang kennengelernt hatte – idiotische Männer aus LA mit strategisch platzierten Strähnchen im Haar.“

Im Verlauf der Kollaboration in der ländlichen Abgeschiedenheit von Woodstock - und unter unerwartet häuslichen Bedingungen - entstehen nebenbei über hundert Polaroids, die in einer summarisch retrospektiven Betrachtung wie der letzte private Augenblick vor dem Durchbruch zum Ruhm wirken. Der Effekt widerspricht den äußeren Umständen in jedem Punkt. Die Lesenden werden Zeug:innen eines Creepy Blow-Moments. Leder überschreitet, so schreibt Ratajkowski, die Anstandsgrenzen einer Arbeitsgemeinschaft. Es sei zu einem sexuellen Angriff gekommen.  

Leder verwertet die Ausbeute einer langen Session in zwei Bildbänden, ohne Ratajkowski auch nur zu konsultieren. Auf diesen drastischen Ausbeutungsvorgang komme ich an anderer Stelle noch einmal zu sprechen. 

Aus den Ankündigungen

„Ein weiterer Gewinn einer unverzichtbaren Autorin.“ Kirkus Review

Zwölf zentrale und zeitlose Essays aus dem frühen Werk der Schriftstellerin zeigen Joan Didion als brillante Zeitzeugin. Von ihrer Bewunderung für Hemingways Sprache bis hin zur Ergründung ihrer eigenen Selbstzweifel, als junge Frau nicht in Stanford angenommen worden zu sein, ist jeder Text ein intellektuelles Vergnügen. Von der Autorin selbst ausgewählt lernen wir in ihnen ihr Amerika kennen und die junge Frau, die auf dem Weg ist, eine Ikone der amerikanischen Literatur zu werden. Ihre Essays sind prägnant, elegant und verblüffend vorausschauend.

„Je kürzer ihre Essays sind, umso bemerkenswerter erscheinen sie mir: Ein Satz von Didion ist immer ein Wunderwerk magischen Denkens.“ The Guardian

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»Eine kluge und glänzende Essaysammlung« (The Guardian)

In My Body, ihrem ersten, begeistert aufgenommenen Buch, offenbart Emily Ratajkowski, was es bedeutet, als Frau erfolgreich zu sein und sich in einer vom »männlichen Blick« geprägten Welt zu beweisen. In ihren ebenso klugen wie schonungslosen Texten hinterfragt Ratajkowski die Kultur der Fetischisierung von Mädchen und weiblicher Schönheit und kritisiert die Misogynie und Machtdynamiken innerhalb der heutigen Unterhaltungsindustrie. Dabei macht sie deutlich, wie schmal der Grat zwischen Stolz und Scham, zwischen Kontrolle und Ohnmacht, zwischen Einvernehmlichkeit und Missbrauch oft ist. Und vor allem zeigt sie, dass sie mehr ist, als nur ein Körper: Ratajkowski ist ehrlich, verletzlich und wütend und macht sich mit My Body zur Verbündeten aller Frauen.

»Dieses Buch ist für jede Frau, die versucht, zwischen Konsum und Kontrolle einen Platz für sich und ihren Körper zu finden [...] Es hat mich verändert.« Lena Dunham, Autorin von "Not that kind of Girl" und Produzentin der Serie "Girls" (29. April 2021) 

Zu den Autorinnen

Emily Ratajkowski, geboren 1991, ist ein US-amerikanisches Model, Schauspielerin, Unternehmerin, Aktivistin und Schriftstellerin. Sie ist eines der gefragtesten Laufsteg- und Covermodels der Welt und ein globales Social-Media-Phänomen mit über 28 Millionen Followern allein auf Instagram. Seit ihrem internationalen Durchbruch im Alter von einundzwanzig Jahren erhielt sie sowohl Lob als auch Kritik für die provokante Darstellung ihres Körpers, die sie als Statement feministischen Empowerments versteht. Seither hat sich Ratajkowski intensiv mit der medialen Vermarktung von Frauen und Frauenkörpern in der Unterhaltungskultur beschäftigt. Ihr 2020 im New York Magazine erschienener Essay »Buying Myself Back« erlangte in nur 24 Stunden über eine Million Klicks und wurde zum meistgelesenen Artikel des Jahres. My Body ist Ratajkowskis erstes Buch. Es erschien im November 2021 in den USA und wurde umgehend zu einem New York Times-Bestseller.  

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Joan Didion, geboren 1934 in Sacramento, Kalifornien, arbeitete als Journalistin für verschiedene amerikanische Zeitungen und war u. a. Mitherausgeberin der Vogue. Sie gilt als eine der wichtigsten Stimmen der amerikanischen Literatur, die mit ihren fünf Romanen und zahlreichen Essaybänden das intellektuelle Leben der USA im 20. Jahrhundert entscheidend prägte. Joan Didion verstarb im Dezember 2021.