MenuMENU

zurück zu Main Labor

28.02.2022, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Die Kasse unter dem Sommerschalter

Den Rumpf konziliant vorgesetzt, dass Kinn und Knie hochtief eine Linie bilden, die Beine übereinandergeschlagen, den rechten Ellenbogen auf der Madonna seines erhabenen Knies, die Zigarette ragt aus der Hand, der ganze Mann wie frisch vom Föhn, so eifrig wie ein Zwölfjähriger aus neutralem Elternhaus, der gerade die katholische Kirche als Arena des Widerstands für sich entdeckt hat: so hält sich Tillmann auf seinem Stuhl am Stammtisch ... und da kommt Heinrich, wie von einer Woge geschoben, die Arme weit vor dem Leib, dem Wesen nach pervers, aber harmlos.

„Tanja ist die Bescheidenheit als Persiko“, behauptet der König. Er streicht über meine Beine wie über ein Fell. Er klopft mich, den Hund seines Vaters hat der König im Wald ausgesetzt und die Prothese seiner Mutter einem Theaterfundus gestiftet. Er steckt mir ein paar Gemeinheiten, die Boris zu mir eingefallen sind. Ich verstehe die Gemeinheiten als Verarbeitung meiner Zurückweisung.

Der König sät routiniert Zwietracht, bloß keine Einigkeit beim Fußvolk, dann rottet es sich auch nicht zusammen.

„Das Leben ist bunt“, entgegne ich im Tonfall meiner Mutter.

Der König wurde in der Burg entbunden, ich werde Boris nicht in den Rücken fallen. Die Kluft zwischen uns muss überwindbar bleiben. Sonst haben wir beide verloren.  

Von wem werden wir als nächstes erfahren, was wir nie für möglich gehalten haben? Es geht einmal wieder um Körperkontakte, Mietschulden und Telefonrechnungen. Tisch sieben verlangt die Rechnung.

„Zahlen Sie alles zusammen?“

Am Buffet staut sich eine Reisegruppe. Der König macht keine Anstalten, mich zu unterstützen. Die üblen Nachreden stoßen mir nun doch auf, ich soll Holz nachlegen und unauffällig den Ofen auch mit Zeug anheizen, das von einer Kühltruhe abgefallen ist. So ein Mist, der den Schornstein verboten rauchen lässt. Die Säule steht über dem Nordend.

*

Boris hat mein Garderobenabenteuer gemeldet, darauf kam der König gebremst zu sprechen. Es sprach der Vorgesetzte, der Versuch, sich im Schatten der Information etwas herauszunehmen, schlug fehl. Für Eingeschweißte ist Tisch sieben „der alte Wagner“, nach einem Stammgast, der behauptete noch den letzten deutschen Kaiser persönlich pegelabhängig dies und das. Wohl auch einmal die Hufeisen gewechselt zu haben. Man sieht überhaupt keine Hufeisen mehr. Und wo steckt Tillmann?

„Leg Holz nach“, befiehlt der König. In der Kasse unter dem Sommerschalter ist jede Menge Schotter vermutlich schlankweg vergessen worden. Eine große Reise liegt darin.

Das Nordend ist zu Gast in der Burg und soll sich so auch benehmen. In meiner Phantasie rückt das Meer vor bis zur Bornemann Avenue (vormals Glaubburgstraße). Ein Strand entsteht. Ich muss ein Fass wechseln und deshalb zu den Verließen steigen. Die Verließe sind als Gefängnis vorgemerkt (in meinen Geschichten) für Gefangene im nächsten Krieg.

...

 

Mit Gunda kommen die Manish Girls in Katzenfellen und Tigerhosen. Sie machen auf Völkerwanderung und Selbstversorgung, sie haben alles dabei, einschließlich einer Zapfanlage und irgendwelchen Übergelaufenen oder Eingesammelten aus dem Café läuft an der Rohrbachstraße. Im Feinstaub sollen Rohre geplatzt sein.

Die Manish Girls tragen Schnee in die Burg. Der König zeigt sein leeres Glas, als sei er der einzige Mensch auf der Welt - ein Mensch und seine Bedienung. Die Bedienung, das bin ich. 

„Du siehst doch selbst“, sage ich, die Geisel auf der Kommandobrücke. Im Hagel der Bestellungen gehe ich unter. Der König wirbt am Stammtisch um Aufmerksamkeit für die Feinheiten meines Untergangs.