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05.03.2022, Jamal Tuschick

Existenzielle Unterströmungen

„Dies ist nicht die Geschichte meiner Familie. Die Geschichte meiner Familie gibt es nicht. Da ist nur die Geschichte einer Verwirrung.“

*

„Die verbreitete Gemütsverfassung bei den Angehörigen der künstlerischen Intelligenz nach dem Mauerfall war der Furor melancholicus.“ Wolfgang Emmerich

Abräumende Perspektive

Ein paar geografische und topografische Angaben so wie eine Zeitleiste mit epochalen Marken stecken den Romanrahmen ab. Die Autorin identifiziert ihre Akteure überwiegend mit überpersönlichen Rollenbezeichnungen. Da ist der Vater, die Mutter, die Schwester, eine den Horizont der Erwartungen plötzlich aufreißende Halbschwester, der Mann, das ältere Kind. Das ausstattungsarme Verfahren evoziert das Bild einer anatomischen Betrachtung des Sozialen. Die Familie in ihrer Gliederung klappert im Text wie ein Vorlesungsskelett. Ich übertreibe, wenn ich manchmal Faschingstravestie assoziiere; ein Schaustück mit aufgemalter Fratze und übergeworfenen Lumpen.  

Julia Schoch, „Das Vorkommnis“, Roman, dtv, 20.-  

Den lösungsorientierten Vater bewegt die NVA-Administration. Die Erzählerin wächst zuerst in der Gegend von Kloster Lehnin auf (da wohnt man mit Blick auf ein Birkenwäldchen) und dann nahe dem Oderhaff an der polnischen Grenze, wo Kiefern zum Umgebungsbild beitragen. Die Mutter erlebt die Versetzung ihres Mannes als Verbannung. Die erzählende Tochter kassiert baltische Country-Coast-Prisen. Sie sammelt Trophäen des Entlegenen und Verwunschenen.

Die Erzählerin hält sich im Kreis ihrer Herkunftsfamilie für wohlhabend und sogar für privilegiert. Die Indikation wirkt so lange verlässlich, bis sie nach Neunundachtzig bei der Westverwandtschaft ihrer Mutter richtigen Reichtum mit „vergoldeten Klinken“, Sportwagen und Jagdwaffen bemerkt.

„Als man mich bat, eine Champagnerflasche zu öffnen, wusste ich nicht, wie.“

Die Erzählerin rutscht auf der Schmierseife ihrer Scham ab in die Entwertung.

„Meine Herkunft verwandelte sich in etwas, das ich besser nicht erwähnte.“

Um sich der abräumenden Perspektive einer neuen Zeit gewachsen zu zeigen, vergröbert die Erzählerin als Erwachsene das Kindheitsglück in einem norddeutschen Winkel. Schauplatz einer irreführenden Sozialisation war folglich eine Mecklenburger Garnisonsstadt, die sich nach Neunundachtzig in eine Geisterstadt verwandelte. Ich höre die Flügeltüren vom Broiler-Saloon im Wind den Takt zum (Spiel mir das) Lied vom Tod schlagen. 

*

Die „Schattenschwester“ entsprang einem Verhältnis des Vaters. Sie wurde zur Adoption freigegeben. Jahrzehnte später meldet sie sich bei ihrem Erzeuger, um bald auch die Erzählerin zu kontaktieren.

Bereits ein Großvater der Erzählerin war als Soldat in Frankreich zum bindungslosen Vater geworden.

Die aufgerückte Verwandte relativiert das Verhältnis zu jener Schwester, die mit der Erzählerin aufwuchs. Der Erzählerin wird eine übertünchte Fremdheit bewusst.

„Andererseits: Wie viel mehr wusste ich von meiner richtigen Schwester? Wie viel mehr weiß ich von ihr?“

Die Rede ist von geschwisterlicher „Zwangsgemeinschaft“.

Übertünchte Fremdheit

Alle paar Jahre widerfährt der Erzählerin etwas, dass ihr Vorleben in Zweifel zieht. Inventuren und Revisionen führen zu Eintrübungen. Die Erzählerin beobachtet unbemerkt ihren künftigen Mann (in seiner Rolle als Musiker in einer Band) und entdeckt eine (von ihr wegführende) Unabhängigkeit, die als Minimenetekel wie Kniest sich im Beziehungsfutter einschleicht und festsetzt. Bei Licht betrachtet, erscheint die Interpretation des konspirativ Erkundeten wie eine masochistische Überfrachtung. Gleichzeitig verweist die Reaktion auf den projektiven Gehalt von Erwartungen der Erzählerin. An anderer Stelle sagt sie:

„Familie ist Fiktion.“

Folglich ist das Gemeinsame eine Fortsetzung der Selbst-Erzählung mit anderen Mitteln.

Auf dem unbefestigten Vorhof der Familiengründung (elektrisiert von Stimmungen der Neunzehnhundertneunzigerjahre) beschließt die Erzählerin den Mann, mit dem sie die Regale ihres Lebens bis eben füllen wollte, zu verlassen. Sie vertraut ihm das in einem Brief an, den sie für sich behält und mit sich herumträgt. In ihrem Portemonnaie verwandelt sich der Abschiedsbrief. Vielleicht in eine Police gegen plötzlichen Schmerz. Oder in ein Dokument der Vorausschau, das seine Gültigkeit am Tag der endgültigen Trennung erhält. Wie auch immer. Eines Tages verliert die Erzählerin den Brief an den Dieb ihres Portemonnaies.   

*

„Wir hatten einen gemeinsamen Koffer, aus dem wir lebten.“

In diesem vorgezogenen Fazit der Ehe äußert sich bereits ein Misstrauen, das pandemisch um sich greift.

Heimweh nach Bowling Green

Die Erzählerin erhält einen Lehrauftrag an der Bowling Green State University in Ohio. Sie doziert über den deutsch-deutschen Literaturstreit im Zuge der Wiedervereinigung. Die fast ausnahmslos weiblichen Studierenden waren zum Zeitpunkt des Zerwürfnisses gerade geboren. Sie befassen sich mit einem, in ihren Augen, „prähistorischen“ Dissens. Die Dozentin verteidigt die Autor:innen eines „untergegangenen Systems“ gegen nachlässige Klassifizierungen.

Sie besucht ein schmuckloses Konzert von Bob Dylan in einem Frühling vermutlich um das Jahr 2010. Wahrscheinlich sah sie Dylan irgendwo in Europa, da er seine Never Ending Tour in den Vereinigten Staaten konstant im Sommer und Herbst fortsetzt.   

Aus der Ankündigung

Eine Frau wird von einer Fremden angesprochen, die behauptet, sie hätten beide denselben Vater. Ein Roman von großer literarischer Tiefe und Schönheit, im Werk von Julia Schoch ein neuer Höhepunkt.

Julia Schoch, 1974 in Bad Saarow geboren, aufgewachsen in Mecklenburg, lebt als freie Schriftstellerin und Übersetzerin in Potsdam. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, auch für ihre Übersetzungen französischer Literatur. Zuletzt erschien ihr Roman ›Schöne Seelen und Komplizen‹, mit dem sie – wie schon mit ihrem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman ›Mit der Geschwindigkeit des Sommers‹ – auf Platz 1 der SWR-Bestenliste stand. Für ihr schriftstellerisches Gesamtwerk wird ihr 2022 die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung verliehen.