MenuMENU

zurück zu Main Labor

07.03.2022, Jamal Tuschick

#Lob

Vielen Dank, lieber Herr Tuschick, für die klug beobachtende Auseinandersetzung mit dem Text. Alle guten Wünsche, herzlich, Thomas Zirnbauer, dtv-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/Literatur

Das Lob bezieht sich auf folgende Besprechung: Heimweh nach Bowling Green 

Ein Briefwechsel zur deutschen Realität. Muslimisch, jüdisch, deutsch - ein Erfahrungsbericht

Özlem Topçu und Richard C. Schneider schreiben sich in aller Freundschaft. Interferenzen und Diversität validieren ihre Erfahrungen. Mitunter bringen sie es fertig, sich gegenseitig zu befremden. Schneider wuchs in „Feindesland“ auf und „haderte damit, dass seine Eltern ausgerechnet in Deutschland hängengeblieben“ sind. Zunächst sei er befangen gewesen in dem „tragischen Irrtum“ im linken politischen Spektrum gut aufgehoben zu sein. „Der linke Antisemitismus (und) die problematische Positionierung gegenüber Israel, die es bereits bei Willy Brandt gegeben hatte“, desillusionierten ihn.

Özlem Topçu © Thies Rätzke/Richard C. Schneider © Markus Röleke

Wie hättet ihr uns denn gerne?

Inzwischen ist für Schneider „alles … fragwürdig, alles angreifbar. Auch die eigene Position. Und so bin ich deutsch und jüdisch und israelisch und ungarisch und österreichisch und slowakisch und bayerisch und was weiß ich noch was“.

Özlem Topçu & Richard C. Schneider, „Wie hättet ihr uns denn gerne?“, Droemer, 18,-

Im Gegenzug addiert Topçu antinomische Fremdzuschreibungen; Hochämter des Ressentiments ohne Anschlüsse an Aufklärungsinstanzen. Niemand muss über seine Irrtümer hinauswachsen. Die Autorin schreibt: „Gestern noch PKK-Agentin - heute schon Erdoğan-Agentin! Aber - und darüber wirst Du Dich sicher besonders freuen, ich war auch schon mal die ‚Puppe der Zionisten‘. Na ja gut, eine Zeit lang auch das islamistische U-Boot.“  

Sie war „Kind unter Kohl“. Ihre Biografie staffelt Stationen der Migration zu einem Parcours der Diversität. Die Eltern gehörten zur türkischen Diaspora in Bulgarien. Die Nachfahren osmanischer Usurpatoren erlebten Diskriminierung in allen Schattierungen. Sogar Familiennamen wurden im Zuge administrativer Verfremdung ihrer muslimischen Sendung beraubt. Özlem Topçus Vater hieß bis zur Ausweisung 1989 Mehmedov Kerimov. Das Mutterland zeigte den Einwanderern, sofern sie nicht Ringer und Gewichtheber waren, die kalte Schulter. Topçus Mutter ging ihrem Mann voran nach Deutschland.

Zu den heimlichen Großgeschichten der Migration gehört die Selbständigkeit türkischer Arbeiterinnen in Deutschland, die oft in weiblichen Wohnheimgemeinschaften genossenschaftlich ihr eigenes Ding durchzogen.

Der Erfüllungsstress der Eltern wirkte als Legitimationsdruck in der Tochter weiter.

Ihre Wut trägt sie „wie das schönste Kleid: Nur noch zu besonderen Anlässen“. Topçu diagnostiziert sich eine Paranoia, die in der „Sarrazin I“-Phase begann.

Selbstironisch grüßt sie Richard C. Schneider „mit einem fröhlichen Shalom“. Özlem Topçu weiß, dass die Verwendung hebräischer Floskeln im Passionsstil der Brückenbauerinnen einen affektiven Alarm bei jenen auslöst, deren Vorfahren die Freiheit besaßen, Hebräisch für so liturgisch zu halten, wie andere die christliche Ritualsprache Latein. Einen Wimpernschlag später schreibt Topçu unter dem Brennglas der pandemischen Gegenwart:

„Richard, seit Tagen geht mir ein Satz nicht mehr aus dem Kopf. Ich sage ihn mir immer und immer wieder und erfreue mich an ihm: Es wird wohl eine Özlem sein, die uns den Arsch rettet. Klingt super, oder?“ 

Topçu freut sich nicht nur über den neuen Impfstoff, sondern auch darüber, das dessen Entwicklung sich Personen verdankt, die „Özlem und Uğur heißen“. Sie exponiert einen „zweifelhaften Stolz“. Siehe Legitimierungsdruck.

*

Topçu spricht von „einem lernenden System … in Bezug auf Staat und Regierung“. (Sie glaubt, die deutsche Politik sei mitunter weiter als die Gesellschaft.)

Schneider nennt das „kulant“. Er weist auf „Untersuchungen zum Rechtsextremismus in deutschen Sicherheitsorganen; erkennt das strukturelle Problem. Als Sohn ungarischer Schoah-Überlebender kann er mit dem Gedächtnistheater (Y. Michal Bodemann) wenig anfangen. Schneider entlarvt den staatlichen Formalismus als eine fortlaufend Selbstexkulpationsveranstaltung bundesrepublikanischer Bürger:innen.

Topçu und Schneider dienen sich einvernehmlich als Stichwortgeberin und Stichwortgeber eines Unbehagens am verdrängenden Weiterwichteln. Beide erbittert die Selbstgerechtigkeit der Täter:innen. Schneider besteht auf seinen Zorn. Er distinguiert ihn als Postulat.

In Deutschland bliebe er stets „auf der Hut“.

„Ich merke das in den letzten Jahren allerdings sehr, da ich pendele. In Israel verliere ich dieses ‚Stets-auf-der-Hut-Sein‘, zumindest als Jude.“

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

Özlem Topçu und Richard C. Schneider sind neben vielen Dingen auch zwei Deutsche – das ist für viele immer noch nicht selbstverständlich. In ihrem politischen, gesellschaftskritischen Sachbuch blicken sie auch als "Jude" und "Türkin" ein Jahr lang auf Deutschland, seine Debatten zu Integration,Rassismus, Antisemitismus und den Umgang mit dem „Anderen“, mal irritiert, mal überrascht, oft wütend. Es ist nicht nur die Sicht zweier Journalisten, die am Diskurs über das Verhältnis zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten teilnehmen, sondern die zweier Freunde, die sich ihre deutschen Geschichten erzählen. Und miteinander können sie auch über ihre Ganz-, Halb- und Viertel-Identitäten diskutieren, denn sie wissen, was es heißt, in unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften beheimatet zu sein.
Ein Briefwechsel voller Humor, Einsichten und Geschichten aus zwei deutschen Welten.

Zur Autorin

Geboren 1977 in Flensburg als Tochter türkischer »Gastarbeiter«, Studium der Islamwissenschaft, Politik und Medienwissenschaft. Von 2009 bis 2021 arbeitete sie als Politik-Redakteurin bei DIE ZEIT, heute ist sie stellvertretende Leiterin des Auslandsressorts beim SPIEGEL. Zahlreiche Preise (z.B. Theodor-Wolff-Preis) und Stipendien. Mitglied der antirassistischen Leseshow „Hate Poetry“, Mentoring-Programm „Neue deutsche Medienmacher*innen“. Buch: „Wir neuen Deutschen“, Rowohlt 2012. Sie lebt in Hamburg.

Zum Autor

Geboren 1957 in München als Kind ungarischer Holocaust-Überlebender. Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte. Seit 1987 bei der ARD, 2006 bis 2015 Studioleiter und Chefkorrespondent im ARD-Studio Tel Aviv, 2016/17 dieselbe Position ARD Studio Rom. Seit 2017 Editor-at-Large beim BR/ARD. Zahlreiche Fernsehpreise, darunter Bayerischer Fernsehpreis, Grimme, Lehraufträge an Universitäten in Deutschland, Schweiz und Italien. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, zuletzt: „Alltag im Ausnahmezustand“, DVA 2018. Er lebt in Tel Aviv.