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08.03.2022, Jamal Tuschick

#StandwithUkraine #Pro_Text_Ukraine

Freeze for Freedom

#Lob #Lob

Lieber Herr Tuschick,

vielen Dank für Ihre spannende Besprechung.

Mit herzlichen Grüßen aus München und auch Ihnen eine schöne Woche,

JULIA MEYN für DROEMER KNAUR/Random House

MONOPOLISTEN  /  Julia Meyn
Adalbertstraße 108  /  80798 München

Dieses Lob bezieht sich auf die Besprechung: Wie hättet ihr uns denn gerne?

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Vielen Dank, lieber Herr Tuschick, für die klug beobachtende Auseinandersetzung mit dem Text. Alle guten Wünsche, herzlich, Thomas Zirnbauer, dtv-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/Literatur

Das Lob bezieht sich auf folgende Besprechung: Heimweh nach Bowling Green

„Simplicity is the ultimate sophistication.“  Leonardo da Vinci

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Marie Gamillscheg nimmt die Leserin mit ihrem Aufruhr der Meerestiere gefangen. Der Roman ist ein Rausch. 

Jahrhundertsturz

„Nach so einem Sturz habe ich mir gedacht: Wenn ich jetzt noch Gold gewinne, dann bin ich unsterblich.“ Hermann Maier

„Und da war die Geschichte von Hermann Maier, der bei  Hermann Maier den Olympischen Winterspielen in Nagano 1998 drei Tage nach seinem schweren Sturz in der Abfahrt Gold im Super-G gewann.“ 

Als die Ski-Welt den Atem anhielt - Hermann Maiers Jahrhundertsturz am 13. Februar 1998.  

Fehlende Fressfeinde

Eingeschleppte Arten sind nicht invasiv. Schließlich traten sie nicht freiwillig in ihre neuen Lebensräume ein.

In einem Erzählaugenblick dampfen die Skisocken im Geleit eines adoleszenten Winterurlaubglücks. Beim nächsten Gong doziert die Grazerin Luise in Kiel über die Meerwalnuss. „(Der) internationale Warenhandel (bringt) die Meerwalnuss in den Ballastwassertanks seiner Schiffe in neue Gewässer“, wo ihr die Fressfeinde fehlen. Der Rippenqualle, Luise sieht „eine schwebende Laterne mit … zarten Flügeln … einen funkelnden Roboter“, gelänge ein Anpassungswunder.

Die Welt titelt: „Ein Problem-Tier erobert Nord- und Ostsee“

„(Die Meerwalnuss ist) ein geschickter Räuber, sie produziert eine unsichtbare Nahrungsströmung. Sie wirkt wie ein Staubsauger im Meer.“ Quelle, Cornelia Jaspers

„Es stimmt schon, dass nicht das Artensterben, sondern jene Arten, die sich explosiv vermehren, die größte Gefahr für unsere Ozeane darstellen.“

Marie Gamillscheg, „Aufruhr der Meerestiere“, Roman, Luchterhand Literaturverlag, 22,-

Luise übermalt ihre Neurodermitisnarben. Sie wähnt sich auf einer Zeitreise „zurück in (ein neues) Kambrium, wo Quallen die potentesten Prädatoren wieder sein werden. Sie halluziniert in den Echokammern von Academia; einem Konferenz- und Kongress-Jetlag-Delirium, in dem „selbst die Muttersprachlerinnen … sich auf dieses fehlerhafte Englisch mit kaum einer Grammatik geeinigt (haben)“ und Kolleginnen gespannt sind auf Luises längst verworfenen „Untersuchungen zur Biolumineszenz der Meerwalnuss“.  

Das eine mörderische Blüte verheißende „Leuchten in der Tiefe der Ozeane“ verliert mit der Popularisierung des Forschungsgegenstands nicht das Potential einer exklusiven Faszination. Die Meerwalnuss versinkt nicht im Sediment der Discountsensationen. Ihre Lösungen sind einzigartig. Ihre Daseinsmanöver verweisen auf evolutionäre „Rück- und Parallelentwicklungen“; darauf, dass alles auch ganz anders hätte kommen können.

Luise reist als Expertin in ihre Geburtsstadt, wo der Tierpark ein neues Aquariumshaus mit dem Themenschwerpunkt „Migration in den Ozeanen“ erhalten soll. Inzwischen ist man bis in die letzten Glieder der Verwaltung bizarr informiert: Die Meerwalnuss avanciert zur Attraktion. Sie agitiert das Publikum als „Globalisierungsgewinnerin … Nutznießerin des Klimawandels, Monster der Anpassung“.

„In jeder Meerwalnuss steckt „die Weisheit des ganzen Universums“, insofern sie seit über fünfhundertvierzig Millionen Jahren keiner richtungsweisenden Adaptionen bedarf. Die Meerwalnuss funktioniert reibungslos. Ihre Effizienz schlägt jede menschliche Norm, ganz ohne einen zweiten evolutionären Kreislauf.    

„Simplicity is the ultimate sophistication“, sagt Leonardo da Vinci.

Und doch misslingt die Aufzucht in Gefangenschaft.

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Tierpark-Direktor Schilling instruiert das Publikum als nationale Instanz mit Grzimek-Grandezza. Daran gewohnt, auf der Institutsleiter:innenebene zu konferieren, betrachtet er Luise zunächst lediglich als „die Vertretung aus Kiel“. Später macht er ihr berufliche Avancen und schwingt sich zu Luises Mentor auf. Er hegt sie ein und sie versumpft vor Ort.

„Schilling ließ Luise Projekte im Artenschutz anleiten …“

Luise findet Zeit, sich zurückzuversetzen. Plötzlich spielt der Skizirkus wieder eine Rolle. Erwähnt wird Michael Walchhofers Sieg bei der Lauberhornabfahrt im Januar 2005.

„Der Österreicher Michael Walchhofer hat die Weltcup-Abfahrt in Wengen gewonnen und dabei seinen ersten Saisonsieg verbucht. Die deutschen Männer enttäuschten beim 75jährigen Lauberhorn-Jubiläum.“ Aus der FAZ, Quelle

Fanta im Bett

In Graz begegnet Luise einer alten Freundin. Luise und Leo erreichen bald den Grat, auf dem sie gemeinsam Fanta im Bett trinken. In dieser Phase des Geschehens gibt Luise ein Interview. Sie postuliert:

„Die Beziehung zwischen Vater und Tochter sollte per Gesetz verboten werden. Aus ihr wird ausschließlich Unglück geboren.“

*

Viel später kehrt die Erzählerin zu den Quallen zurück. Sie wählt einen interessanten Umweg. Mit den nautischen Erkundungen der frühen Neuzeit verbindet sich ein folgenreiches Verschleppungsformat. Die „Entdecker“ der Kolumbus-Ära entfernten Menschen, Tiere und Pflanzen aus ihren ursprünglichen Verbreitungsgebieten. Sie griffen in die Ordnung der Welt ein, mit dem Ergebnis, das ihren Habitaten entfremdete, ihren Fressfeinden dauerhaft entzogene Arten in den Aussiedlungsgebieten hemmungslose räuberisch wirken, während sie in ihrem natürlichen Rahmen unauffällig ihre Rollen spielen. Solche Verlagerungen entsprechen einen Bruch mit den Spielregeln des Lebens und auch wieder nicht. Sie gehören zum Aktionsradius der sozialen Evolution.

Marie Gamillscheg baut das aus. Sie erzählt von einer transozeanischen Meerwalnussinvasion, die ein titanisches Zerstörungswerk anrichtet. Es geht um die Differenz zwischen dem beinah Nichts einer Meerwalnuss und der Unüberwindbarkeit ihrer Schwärme. Die Autorin erwähnt den „Verschwinde-Anus“.

„Als Sidney L. Tamm Meerwalnüsse untersuchte, wunderte er sich, dass er ihren After nicht finden konnte. Stattdessen tut sich bei den Tieren fürs große Geschäft plötzlich eine Öffnung auf. Kurz danach ist sie wieder weg. In den transparenten Seebewohnern sammeln sich Verdauungsabfälle an, bis sich die Eingeweide ausstülpen. Sie berühren schließlich die Außenhaut der Meerwalnüsse und bilden da eine Öffnung.“ Quelle

Aus der Ankündigung

Luise ist klug, Luise ist unabhängig, Luise ist eine Insel. Als Meeresbiologin hat Luise sich einen exzellenten Ruf erarbeitet, ihr Spezialgebiet: die Meerwalnuss, eine geisterhaft illuminierte Qualle im Dunkel der Ozeane. Als Luise für ein Projekt mit einem renommierten Tierpark nach Graz reisen soll, zögert sie nicht lang. Doch Graz, das ist auch ihre Heimatstadt, das ist die Wohnung ihres abwesenden und plötzlich erkrankten Vaters. Und das ist die Geschichte einer jahrelangen Sprachlosigkeit und Fremdheit zwischen ihnen.

Soghaft und strömend erzählt Marie Gamillscheg von der allmählichen Befreiung aus den Zwängen der eigenen Kindheit, des eigenen Körpers und aus den Gesetzen, die andere für einen gemacht haben. Es ist zugleich der Versuch, die Unmöglichkeit einer Beziehung zu erfassen: zwischen Mensch und Tier, Mann und Frau, Vater und Tochter.

Marie Gamillscheg, geboren 1992 in Graz, lebt als freie Autorin in Berlin. Veröffentlichungen in zahlreichen literarischen Zeitschriften und Magazinen. Ihr Roman "Alles was glänzt" landete auf der ORF-Bestenliste, wurde für den aspekte-Literaturpreis nominiert und mit dem Österreichischen Buchpreis für das beste Debüt 2018 ausgezeichnet.