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12.03.2022, Jamal Tuschick

#StandwithUkraine #Pro_Text_Ukraine

Freeze for Freedom

Rolls-Royce und Rolex - Driss ist der Reichste in einer Posse reicher Großstädter. Mit seinen „Thymianaugen“ und der Performance eines geblendeten Rehs erscheint er wie nicht ganz von dieser Welt.

Marokkanische Hipster

Casablanca in den 1990er Jahren. In einer marokkanischen Hipster-Clique spielt eine bettelarme Französin die exotischste Rolle. Sarah bewegt sich in der Schar wohlhabend-müßiggehender, überwiegend in Anfa Supérieur ansässiger, vereinzelt Karkoubi konsumierender, nordafrikanischer Junggesellen. Die Unverheirateten bilden „eine unfreiwillige Gemeinschaft“. Der semi-deviante und -delinquente Freundeskreis pendelt zwischen Strand- und Poolpartys. Er kultiviert ein gedehntes Verhältnis zu den näheren Lebensumständen jedes Einzelnen.

Abigail Assor, „So reich wie der König“, Roman, aus dem Französischen von Nicola Denis, Insel, 23,-

Driss ist der Reichste. Mit seinen „Thymianaugen“ und der Performance eines geblendeten Rehs erscheint er wie nicht ganz von dieser Welt.

Durchtriebene Feinfühligkeit

Sarah möchte den gehemmten, in Gesellschaft verstummenden, im Zwiegespräch stammelnden Motorradfahrer vom Fleck weg heiraten. Driss übergeht die Avancen der sechzehnjährigen Schönheit nicht allein als Gefangener seiner Schüchternheit. Dazu gleich mehr.

Eines Abends schleift Sarah das Bollwerk. Erst setzt sie Driss in Erstaunen, dann verblüfft er sie. Sarah wähnte sich geschützt von einer Wand aus Achtlosigkeit. Was kann Driss schon von ihr begreifen, außer den körperlichen Vorzügen. Doch Driss durchschaut die Freibeuterin mit graziöser Präzision. Er sieht eine fadenscheinige Existenz und ist entzückt.

„Die Sprache des Geldes - Sarah hatte nicht geahnt, dass er sie so gut beherrschen würde. Er, der so wenig sprach, hatte sie von klein auf perfekt erlernt, wie eine Ursprache.“

Übrigens sieht Sarah aus wie Ariadna Thalía Sodi Miranda, ein Star der mexikanischen Telenovela Marimar. Driss verwöhnt sie mit Süßigkeiten aus der Pâtisserie Bennis Habous. Das Paar überbietet sich in Spielarten durchtriebener Feinfühligkeit.

Sarah muss Driss zu jedem Beischlaf überreden.

*

Mit ihrer Mutter Monique haust Sarah - weit weg von den Reichen - in Hay Mohammadi nahe den Carrières Centrales. Sie trägt umgemodelte Altkleider, die unter entwürdigenden Bedingungen ergattert wurden, und erträumt sich ein besseres Leben nach Vorlagen aus TV-Seifenopern.

Sarah fährt mit dem Bus zur Französischen Schule von Casablanca, die für sie kostenlos ist. Die Eltern ihrer marokkanischen Mitschülerinnen bringen ein beträchtliches Schulgeld auf und lassen ihre Töchter in keine öffentlichen Verkehrsmittel steigen. Der Chauffeur zählt zu den kleinen Selbstverständlichkeiten.

Sarah ist fest entschlossen, niemals einen „Armenberuf“ auszuüben, ganz gleich, wieviel Geld sich damit verdienen lässt. Die feinen und die groben Gespinste der marokkanischen Kastengesellschaft sind ihr geläufig. Obwohl Sarah die Spielregeln beherrscht, fällt sie aus dem Rahmen. Den Bürger:innen von Casablanca gibt die europäische Schönheit im marokkanischen Ghetto-Ornat Rätsel auf.  

Ungezwungen begegnet Sarah dem anderen Mädchen, das sich unter die ständig bekifften Knacker mischt. Anders als Sarah, die den Männern zu gefallen sucht und Anpassung für die höchste Tugend einer Kriegerin hält, beteiligt sich Chirine an den tobsuchtartig vorgetragenen Territorialbehauptungen.

„Die Gesprächigen wie Chirine, die viel Raum beanspruchten, gingen (den Männern) … irgendwann auf die Nerven.“

*

Polizisten gebieten über Straßenkinder, Ehefrauen über Dienstmädchen, normal-sterbliche Ehemänner über ihre Familie. Doch sie alle sind Unterworfene der Fassi. So nennt man die Zugangsberechtigten der königlichen Hofgesellschaft.

„Die traditionellen Häuser von Fès spiegeln den Reichtum und die Feinheit der Fassi-Kultur wider.“ Quelle

Eine hauchdünne Oberschicht, deren Vorfahren aus Fès stammten, teilt sich die Macht und den Profit in Marokko. 

Ein Fassi gebietet allein seiner „edlen Abstammung über Autorität … Fassi zu sein (ist) besser, als reich zu sein. Driss ist Fassi. Er darf sein „Blut (nicht) in der Verbindung mit einer Nichtadligen verdünnen“.

Sarah weiß das. Ihre Erwartungen beleidigen die Vernunft.

Aus der Ankündigung

Sarah, die sechzehnjährige, bildschöne Französin, hat nichts. Driss, der Sohn einer der wohlhabendsten muslimischen Familien hingegen hat alles, ist reich wie der König. Sarah beschließt, ihn zu verführen, ihn zu heiraten. Ihr Weg dahin führt sie durch die Stadt Casablanca, in all ihren Facetten: von den Armenbaracken mit den Prostituierten und Abgeschlagenen, wo Sarah mit ihrer Mutter lebt, bis in die Villenviertel auf den Hügeln, zu den reichen Jugendlichen, die jointsrauchend in üppigen Gärten an Pools sitzen und nachts durch die Clubs der Stadt ziehen – während sich unten, in den Baracken, alle nach einem Ort weit weg sehnen, einem unerreichbaren Ort. Sarah ist entschlossen, diesen Ort zu erreichen, ganz gleich, was sie dafür opfern muss.

So reich wie der König erzählt vom Aufstieg und Fall einer jungen Frau im Casablanca der 1990er Jahre. Von einer pulsierenden Stadt voller Widersprüche und zwei jungen Menschen, für die die Liebe notgedrungen zur Verhandlungsmasse wird. Ein Roman von sinnlicher und poetischer Sprachgewalt, der zwischen Schönheit und Härte changiert.

Abigail Assor wurde 1990 in Casablanca geboren, wo sie aufwuchs, bis sie mit 17 Jahren nach Paris zog. Nach einem Studium der Philosophie und Soziologie widmete sie sich dem Schreiben und dem Film. „So reich wie der König“ ist ihr erster Roman, mit dem sie für den Prix Goncourt de Premier Roman nominiert war und der in sieben Sprachen übersetzt wurde.