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12.03.2022, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Die Landmetzgerei in der Stadt

Auf der Neuhofstraße reden Tillmann und Paula über die beste Bratwurst der Welt. Von Geros Mutter eingepackt auf einer Arbeitsfläche in der Landmetzgerei Sinnig. Die Landmetzgerei lag in der Stadt. Das Anwesen war unversehrt geblieben, stehengeblieben als Labyrinth und Kinderparadies und Schreckenskammer mit Vorhöllencharakter, bis man an tierische Leichen in der Gestalt von Rinderhälften komplett sich gewöhnt hatte. Nicht jeder durfte, aber Tillmann kam aus dem richtigen Stall. Ungemeldete Schusswaffen im Haus, der Nachwuchs wurde herangezogen zur Geheimniskrämerei und auf die Probe gestellt von Geros militantem Großvater.  Solche gedanklichen Nussschleifen ergeben sich aus der Erwähnung der Landmetzgerei Sinnig, man müsste die Sinnigs aus ihrer Festung heraus kaufen und sich selbst darin verschanzen. Paula hat ihren Frieden mit Gero gemacht, er kann nichts dafür. Wer die Schuld nicht bei sich sucht, findet sie nicht. Tillmann glaubt aber, dass Paula glaubt, es sich nicht leisten zu können, nachtragend zu sein. Vor dem Eiscafé Christina lauter bekannte Gesichter. Das ist unvermeidlich und nur insofern erstaunlich, als dass die lange nicht mehr gesehene Stadtstreicherin an einem Tisch mit Tanja und Wayne sitzt. Tillmann schickt eine unbestimmte Armbewegung in Tanjas Gegend. Falls sie lieber übersehen werden möchte, hätte er auch nicht gegrüßt. Tanja zwinkert ihm zu, sie zwinkert gern. Sie liegt Tillmann am Herzen und auf der Seele, er beruhigt sich in der Schlange vor dem Verkaufsfenster. Paula rückt neben ihm vor, inzwischen sind sie bei einem Film, den sie gemeinsam gesehen haben, ohne sich an den Titel erinnern zu können. Im Film will ein Südstaatenoberst die Niederlage der Konföderierten nicht wahrhaben, er kämpft weiter auf eigene Faust bloß mit seinen Söhnen und einer Saloonschönheit als Armee. Die Prärieperle zieht sich zum Baden in Tennessee aus. Tennessee ist ein Wort indi... Ursprungs, so wie Mississippi. Paula bestellt monoton drei Kugeln Schokoladeneis. Tillmann und Paula setzen sich zu Tanja, Wayne und zu der Stadtstreicherin. Wayne stellt die Stadtstreicherin als eine Jugendliebe namens Edith vor. Ein Verhältnis im Kalten Krieg, Tanja unterzieht Paula einer klinisch kritischen Musterung. Wayne besucht Freunde in Europa, morgen fährt er weiter nach Mannheim.  

Tillmann muss morgen zur Bank und einen Termin mit dem Steuerberater zudem vereinbaren. Ab Donnerstag soll das Wetter schlechter werden. Das Laub auf den Gehwegen schon wie im Herbst. Die Wetterfeen werden immer schöner, zum Film wäre auch eine Möglichkeit und Chance für Paula gewesen, wenn auch nur ganz am Anfang ihrer langen Abfahrt ins Tal der Tränen.  

Die ohne Not arbeitslose Kindergärtnerin Karolin und der zeit seines Lebens erwerbsunfähige Hesselblad-Erbe Tillmann sind in ihrem aktuellen, langsam auf- und gründlich ausgebauten Rollenspiel ein junges Ehepaar alter Schule.  

Tillmann rasiert sich nass mit dem Rasierzeug eines Urgroßvaters, der sehr religiös war, erst katholisch, dann evangelisch. Religiös ist kein Schwein mehr, außer den Russlanddeutschen. Kürzlich hat Tillmann eine neue Wanne ins Bad setzen lassen für kaum eine müde Mark. Russen arbeiten schnell und sauber. Die Mamba bürgt immer noch für Qualität und beste Verbindungen. Nach dem Krieg verhökerten Brüder ihre eigenen Schwestern, wie kommt Tillmann darauf. Ausführlich bedenkt er die alten mit Gewalt gehaltenen Grenzen seiner Jugend, von denen Erwachsene vorgaben nichts zu bemerken. Paula ist gedanklich stets bei ihm, ungeduldig wie ein Kind, aber intakt. Man müsste einmal wieder einen Waldlauf machen.

„Erinnerst du dich noch an die getrüffelte Kirschquarkcreme im Café Heidinger am Merianplatz?“ fragt Karolin. „Die hat der Heidinger gar nicht selbst gemacht. Die kam aus dem Blindenheim in der Adlerflychtstraße.“

„Gut zu wissen“, antwortet Tillmann konziliant, Hölderlin wanderte durch die Heide zum Adlerflycht Hof, der Adlerflycht Hof war ein Sommersitz.

Sich abends noch mal rasieren, kurz vor einem Gang zur Eisdiele. Das schreit nach einem frischen Hemd.

„Würdest du mir ein frisches Hemd herauslegen?“ fragt Tillmann. Der Gattenton sitzt, passt und hat Luft. 

„Gewiss, Liebster“, kommt Karolin Tillmann auf einer Spottspur entgegen. Das müssen wir noch üben, denkt Tillmann. Er könnte sich, rein vom Bedürfnis her, schon wieder die Zähne putzen. Von vorhin noch Reste in den Abständen. Von Spucke eingesuppt.