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15.03.2022, Jamal Tuschick

#StandwithUkraine #Pro_Text_Ukraine

Freeze for Freedom

Imperialer Impetus

„Mein Bild vom Migranten ist eine Person, die aus dem Koffer lebt, mit einem Fuß immer vor der Tür“, egal, wie lange sie schon da ist, wo es sie hin verschlagen hat. Jede Migration stiftet ein Trauma der Ungewissheit. 

Helon Habila sagt das dem Sinn nach in Reisen.  

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„Auf der ganzen Welt werden dystopische Großtechnologien installiert, monströse Anlagen“ (Fabian Georgi), die Migrant:innen aufhalten sollen. Die ökonomische Verwertung von Migrationsprozessen beeinflusst die Politik. Auf den Märkten der Migration werden Menschen nach den Spielregeln eines „autoritären Festungskapitalismus“ (Fabian Georgi) entrechtet, verschoben und in Albträumen aus Stacheldraht und Beton interniert. Die Infrastrukturen der Ölstaaten im Mittleren Osten, einschließlich der Prunk- und Rekordbauten, entstanden unter den Bedingungen der Sklaverei im Rahmen „globaler Apartheit“ (Fabian Georgi).

Mit progressiver Rhetorik camoufliert man eine repressive Migrationspolitik.

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Sie sind Migrant:innen ohne Migrationserfahrungen; Bindestrich-Britinnen „mit geschwächten Bindungen … uns verband keine gemeinsame Heimat oder Kultur … es ging nur ums Überleben, so wie ein Meme im Internet überlebt. Generationenübergreifendes Durchhalten, ohne Bedeutung oder Erinnerung“. Natasha Brown in Zusammenkunft 

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„Hier geboren, Eltern hier geboren, immer hier gelebt - trotzdem, nie von hier. (Die Dominanzkultur) wird auf meinem Körper zur Parodie.“ Natasha Brown

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Natasha Brown über den Suprematie-Anspruch, die Empire-Nostalgie und den imperialen Impetus im Schlafrock des Liberalismus der britischen Erb-Elite:

„Heute ist es offensichtlich, ist im Rückblick so unanfechtbar wie die Irrationalität der Quadratwurzel aus zwei, dass diese Supermächte weder unfehlbar noch überlegen sind. Sie haben nichts, ohne ihre mit äußerster Brutalität erzwungene Vorherrschaft. Eine organisierte, systematische Brutalität, die ihre verweichlichten, schwächlichen Kinder kaum ertragen, nicht mal zur Kenntnis nehmen können. An die sie sich trotzdem als Wahrheit klammern. Ihr Absolutheitsanspruch war nie legitimiert, es gab keinen Befehl von Gott. Bloß bösartigen, willkürlichen Zufall. Und dann, Verzinsung.“

Trophäen weißer Weltläufigkeit

„Fluidität von Herkunft und Kultur“ und eine „Diversität jenseits von Herkunft“ (Naika Foroutan) ergeben neue Koordinaten in allen möglichen Fluchtlegenden. Ganz am Anfang der Geschichte, die Abdulrazak Gurnah in seinem, im Original erstmals 2002 erschienenen Roman erzählt, erfüllt Saleh Omar aka Rajab Shaaban Mahmud die Bedingungen einer Asylmission nach den Regeln der prekären Migration. Bei seiner illegalen Einreise in das Vereinigte Königreich leitet den Tansanier aus Sansibar „die einfallreiche Verschlagenheit der Ohnmächtigen“. Ein mit allen Bildungswassern Gewaschener behauptet, nicht zu verstehen, was die durch die Bank ranzig-mediokren Agent:innen der Gegenseite ab Flughafen Gatwick ihm entgegenhalten. Daran gewöhnt, von Leuten gedeutet zu werden, die ihm unterlegen sind, spielt Omar den Einlass erheischenden Tor ohne mit der Schamwimper zu zucken. Der ehemalige Regierungsbeamte und Unternehmer, unter anderem handelte er mit den „Trophäen (weißer) Weltläufigkeit“, erscheint den Grenzschützer:innen noch elender und folglich noch unberechtigter als das Gros der Asylsuchenden. 

Abdulrazak Gurnah, „Ferne Gestade“, Roman, 408 Seiten, Penguin, 26,-

Den der Herrschaftssprache vorgeblich unkundigen Bittsteller stigmatisiert zusätzlich sein Alter. Der Fünfundsechzigjährige entspricht dem entwurzelten Baum, wie er im Buch steht.

Entwurzlung war lange das rentabelste Migrationssujet; aus dem Feld geschlagen inzwischen von den Marken einer Migration ohne Einwanderungserfahrung. Wir hatten das Thema vor ein paar Tagen im Zusammenhang mit Natasha Browns herausragendem Roman „Zusammenkunft“. Siehe Kuratierte Biografien.

Abdulrazak Gurnah schlägt weite Bögen. Viele Details führt er in einem Schleif durch die Jahrhunderte heran. Er legt etymologische, geografische, topografische und religiöse Wurzelwerke frei. Sein Held, ein weiser Schwarzer, betritt die Arena der Verschleppung de-kolonialer Prozesse getarnt als Niemand. Seinen Nom de Guerre verdankt Omar einem Pass, der einst als Pfand in seinen Besitz kam. Die Narration dreht sich um die Spindel des falschen Namens. Omar strandet in einer englischen Küstenstadt. Man begegnet dem Alten mit überheblichem Wohlwollen. Eines Tages gibt er seine strategische Zurückhaltung auf. Er verrät einer Sachbearbeiterin, dass er sie versteht. Sie hatte bereits einen Dolmetscher für Omar engagiert. Zwar bläst sie - ob der Täuschung - theatralisch erbost den Einsatz ab, trotzdem kommt es zum Treffen mit einem in der Londoner Hochkultur untergetauchten Polyglotten.

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Omars Gegenspieler heißt nach eigenem Willen Latif Mahmud und nach seinen Papieren Ismail Rajab Shaaban Mahmud. Er ist ein Sohn jenes Pfandgebers, dessen Namen und Dokument Omar zurzeit verwendet. Kein Zufall könnte größer sein. Abdulrazak Gurnah erzählt die Scharade aber so, als läge kein Grund vor, sich zu wundern. Alles erscheint durchaus gewöhnlich in der Diaspora; in dem winzigen „Mutterland“ so vieler und solange unterworfener Großreiche.

Der Gelehrte „verabscheut Gedichte“, obwohl er eine eigene lyrische Produktion unterhält und sogar „Gedichte unterrichtet“.

Latif kämpft gegen seine Empfindlichkeit im Straßenverkehr. Die post-imperiale Großkotzigkeit rassistischer Zeitgenoss:innen untergräbt ihn. Er leidet unter dem weißen Blick.  

Seine Europasozialisation erlebte Latif in der DDR. Die Schilderung eines kursorisch aufgelassenen Staates mit einer wie in die ewige Mittagspause entlassenen Gesellschaft zählt zu den großartigsten Randbemerkungen im Roman.

Der „brutale Stolz“ deutscher Realsozialist:innen mit funktionselitärer Macht steckt noch in Mahmuds Anpassungsgewebe.

Im Präsens der Erfahrung

Latif kommt als Student aus dem soeben sozialistisch gewendeten Sansibar in die Gegend von Dresden. Er glaubt, eine Dresdner Brieffreundin namens Elleke zu haben. Die deutsche Korrespondenzpartnerin entpuppt sich als das Muttersöhnchen Jan. Jans Mutter heißt allerdings Elleke. Als „Siedlertochter“ gibt sie dem Geschehen einen unerwarteten Drive. Während es für Mahmud zunächst so aussieht, als habe Jan sich in der Rolle einer Briefpartnerin merkwürdig wohlgefühlt und mit der fortgesetzten Täuschung Bedürfnisse im Spektrum zwischen Identitätsswitch, Travestie und Fernweh befriedigt, führt die nähere Bekanntschaft mit dem Gespann Latif zu der Einsicht, dass Jan als Elleke nur ein Erfüllungsgehilfe seiner Mutter war. Ellekes Eltern haben sich als Farmerehepaar in Kenia der weißen Herrenmenschlichkeit rauschhaft hingegeben. Ihr Überlegenheitsphantasma verband sich mit der Idee, die Unterdrückten fänden die Herrschaftsverhältnisse okay. Elleke verkündet, ihr Vater habe geglaubt, dass „unser Vorrang vor den Eingeborenen … nur mit deren Einverständnis möglich“ sei.

„Und alle Europäer dürften keineswegs den Grat überschreiten, hinter dem die geheimnisvolle moralische Vorherrschaft … verschwinden würde, und wir erneut morden und schänden müssten, um diese Grenze neu zu ziehen.“

Das in der DDR. Nirgendwo in Europa dürfte die imperiale Afrika-Sehnsucht im kulturellen Gedächtnis schwächer verankert gewesen sein. Obwohl, wer weiß, wie man die afrikanisch-sozialistische Brüderlichkeitsbeteuerungen noch deuten kann. Der Erzähleinfall verdient jedenfalls besondere Würdigung. Man stelle sich das vor. Zwei von der Mangelwirtschaft gezeichnete Gestalten, bleich wie Mehlwürmer, lassen sich von jemandem, den sie jahrelang hinters Licht geführt haben, aufstöbern, um sich hemmungslos grell in einem erloschenen Licht zu produzieren.

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

Es ist ein später Novembernachmittag, als Saleh Omar auf dem Flughafen Gatwick landet. In einer kleinen Tasche, dem einzigen Gepäck, das der Mann aus Sansibar bei sich trägt, liegt sein wertvollster Besitz: eine Mahagonischachtel mit Weihrauch. Eben noch war Omar Inhaber eines Geschäftes, er besaß ein Haus, war Ehemann und Vater. Jetzt ist er ein Asylbewerber, und Schweigen ist sein einziger Schutz. Während Omar von einem Beamten ins Verhör genommen wird, lebt nicht weit entfernt, zurückgezogen in seiner Londoner Wohnung, Latif Mahmud. Auch er stammt aus Sansibar, hatte jedoch bei der Flucht aus seiner Heimat einst den Weg über den »sozialistischen Bruderstaat« DDR gewählt. Als Mahmud und Omar Jahre später in einem englischen Küstenort aufeinandertreffen, entrollt sich beider Vergangenheit: eine Geschichte von Liebe und Verrat, von Verführung und Besessenheit, und von Menschen, die inmitten unserer wechselvollen Zeit Sicherheit und Halt suchen. Ein differenzierter Blick auf die Themen Exil und Erinnerung, so bewegend wie meisterhaft erzählt.

Im Original 2002 erschienen, wurde »Ferne Gestade« für den Booker-Preis nominiert. Jetzt liegt der Roman erstmals wieder in der Übersetzung von Thomas Brückner auf Deutsch vor, durchgesehen und mit einem erläuternden Glossar.

»Von den ersten Zeilen an weiß man, dass man sich in den Händen eines echten Schriftstellers befindet, eines Menschen, der etwas über die Welt zu sagen hat.« The Observer

Abdulrazak Gurnah (geb. 1948 im Sultanat Sansibar) wurde 2021 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er hat bislang zehn Romane veröffentlicht, darunter »Paradise« (1994; dt. »Das verlorene Paradies«; nominiert für den Booker Prize), »Admiring Silence« (1996; »Donnernde Stille«), »By the Sea« (2001; »Ferne Gestade«; nominiert für den Booker Prize und den Los Angeles Times Book Award), »Desertion« (2006; »Die Abtrünnigen«; nominiert für den Commonwealth Writers' Prize) und »Afterlives« (2020; »Nachleben«; nominiert für den Walter Scott Prize und den Orwell Prize for Fiction). Gurnah ist Professor emeritus für englische und postkoloniale Literatur an der University of Kent. Er lebt in Canterbury. Seine Werke erscheinen auf Deutsch im Penguin Verlag. »Einer der herausragendsten postkolonialen Schriftsteller der Welt. Kompromisslos und mit großem Mitgefühl durchdringt er in seinen Werken die Auswirkungen des Kolonialismus in Ostafrika und seine Auswirkungen auf das Leben entwurzelter und migrierender Menschen.« Anders Olsson, Vorsitzender des Nobelkomitees (07. Oktober 2021)