MenuMENU

zurück zu Main Labor

17.03.2022, Jamal Tuschick

Metamorphosen des Antisemitismus

In den Aufstiegsagenturen des 19. Jahrhunderts wurden Diskriminierungskonzepte obsolet, die lange aufhaltend gewirkt hatten. Ressentiments bedurften neuer toxischer Ladungen. Die Entzauberung der Welt als Fortschrittsmaschine formte auch den Antisemitismus um. Marx und Rothschild mussten auf einen Nenner gebracht werden. Zurückgegriffen wurde auf das Bild vom janusköpfigen Dämon. Der Mythen-Fledderei zur Seite stellte man „quasiwissenschaftliche“ Blut- und Rasse-Erklärungen. Inna Cooper studierte einschlägige Quellen in Prag. Sie besuchte das kubistische Museum im Haus zur Schwarzen Muttergottes - Dům U Černé Matky Boží.   

Kubistische Stühle im Haus der Schwarzen Madonna © Jamal Tuschick

Das Erzählgold der Azteken

Ein Marschmensch wie aus dem Bilderbuch

Die atlantische Küstenlinie von North Carolina spannt einen Bogen vor den Outer Banks. Wo die Inselkette das Weichbild prägt, herrschte in den fünfhundert neuzeitlichen Jahren der Segelschifffahrt Argonautenalarm. Zahlreicher Havarien wegen heißt das Gebiet noch immer Friedhof des Atlantiks. Gestrandete des 16. Jahrhunderts avancierten zu Gründervätern einer Stammesgesellschaft, die sich konsequent der Zivilisation verweigerte. Im Sumpf gediehen außerdem alle möglichen Subkulturen. Maroons formierten sich zu Trutzgemeinschaften. Briganten erholten sich zwischen Echsen und Eichen, Platanen, Palmen, Zypressen, Glyzinien, Myrte, Riedgras und Biberburgen von ihren Seegängen. Strauchdiebe suchten Zuflucht an arkadischen Lagunenufern. Alle vernahmen den Flügelschlag der Fischreiher.

In einem sich der Kolonisation verweigernden Marschland frönen krasse Außenseiter der Gesetzlosigkeit nach steinzeitlich-elementaren Regeln noch in der furiosen Gegenwart. In der skizzierten Ursprünglichkeit botanisiert Inna Cooper. Die Germanistin und Biologin fahndet nach Borkenkäfern in Rindenkanälen. Sie unterhält sich mit Waschbären, Krebsen, Schnecken und Muscheln. Besonders akkurat spricht Inna zu Vögeln, während der Ozean nur für sie singt. Sie examiniert die verwahrloste Tochter eines versehrten Veteranen. Die siebenjährige Aaxiisstowaakii kann Fallen stellen, Fährten lesen und falsche Spuren legen. Obwohl sie so verlassen lebt, wie kaum ein anderes Kind, spielt sie doch wie jedes Kind. Ihre Schule ist die Natur.

Der Vater stinkt. Der vergammelte Archaiker ist kein letzter Morast-Mohikaner einer anachronistischen Gesellschaftsform. Die Familie kam erst in der Generation seiner Eltern auf den Hund. Das heißt, er hat einen Zivilisationshintergrund, der seiner wild aufwachsenden Tochter abgeht.

Aaxiisstowaakii befreit sich selbst von der Schulpflicht. Man kann nicht behaupten, dass sich irgendwer auch nur im Rahmen dienstlicher Obliegenheiten um das Wohl des Kindes kümmert. Sogar Inna überfordert die gewaltige Ladung einer Ungebremsten. Sie bricht die Expedition plötzlich ab. Im nächsten Bild sehen wir sie in einem Flugzeug über dem Atlantik. Inna ist auf dem Weg nach Frankfurt am Main. Da liegt ihr Vater im Sterben.

Wir alle kennen den alten Wayne Cooper als Tillmanns unbekümmerten Vater. Noch wissen wir überhaupt nichts davon, dass einer der größten Armleuchter des Territoriums demnächst mit einer amerikanischen Halbschwester angeben kann. Wie alle Tage träumt Tillmann in seiner Etage vor sich hin. Ihm fiel mehr zu als jedem anderen, unter anderem eine der im Schnitt elegantesten, wenn auch bizarr eingerichteten Eigentumswohnungen im Nordend.

Goethe trifft Moctezuma im Holzhausenpark

„Resopal ist ein dekorativer Schichtstoff, der als … Hochdruckschichtpressstoffplatte hergestellt wird. Das Patent wurde … 1930 … in Spremberg angemeldet.“  Wikipedia

Tillmann sucht eine antike Resopalplatte nach dem Popel ab, den er vorhin in der Manier des Scarabaeus sacer formschön abgelegt hat. Unter Insekten zählt der heilige Pillendreher zu den Kraftvollsten. Sein Business sind Kotkugeln; viermal so groß wie er selbst. Im Weiteren bewegt er das Zwanzigfache des eigenen Körpergewichts.  

Tillmann diagnostiziert sich eine fortschreitende Sehschwäche, da er den Popel nicht entdeckt, obwohl der Tisch aus dem Bestand seiner Wagner-Oma heute Morgen abgeräumt und -gewischt wurde. Kein Krümel macht sich anheischig, Tillmanns Ordnungssinn zu stören.

Der Hausherr schlurft in altväterlichen Latschen zum Stehpult, um wieder einmal weit auszuholen. Die großen Bögen sind Tillmanns Leidenschaft. Er verknarzt in seinem Museum*, lauscht den Verkehrsgeräuschen auf der Rotlintstraße, trauert diesem und jenem nach, bedenkt den Sex vor dem Aufstehen. Was war das?

*

*Der Frankfurter Volksmund nennt Tillmanns Wohnung das Museum. Die Dinge im Museum stammen von Leuten, die jede Frage mit Arbeit beantworteten. Für sie war das Leben keine Sache, die man zu persönlich nehmen durfte. Es widerfuhr allen, Wohlstand milderte Härten. Wohlstand war Gottes Antwort auf das Gebet. Am Ende war alles unvermeidlich.

Weiter zum Sex. Was ist das jetzt mit beinah fünfzig? Nach dem Akt gibt es jedenfalls kein seliges Nachspannen mehr, wenn Karolin vom Bett durch den Flur zum Bad geht. Früher verstand man im Anblick der Nackten etwas von der Notwendigkeit der Angelegenheit mit all ihren Eigentümlichkeiten. Es gab ein postmortales Wohlwollen für den Petite mort, eine nachträgliche und abschließende Besiegelung. Das gibt es nicht mehr. Die Phantasie strebt zur Macht. Als Krücke ist die Phantasie unentbehrlich. Tillmann hangelt sich an der Vorstellung entlang, im Rang eines Otto Wundersamen das Geschehen in der Burggaststätte zu überblicken. Ihn reizen Spielarten einer ordinären Heimtücke, wie sie nur Leute aufbringen, die niemals herausgefordert wurden. Die es für ausgeschlossen halten, dass ihnen das passiert, was anderen ständig passiert.

Tillmann kennt alle, die etwas zu melden haben, und doch nur zwei, drei Personen, deren Positionen allgemein für gesetzt halten werden. Die Gebietsfürsten zahlen mit ihren Namen für ihre Ausnahmestellungen. Sie heißen Wundersamen, Nasenschweiß und Eiterhagen. Sie sind durch die Bank adipös und wenig einnehmend in ihrer Art. Tillmann fasziniert, dass sie so grob sein dürfen wie sonst keiner.

Beinah zwanzig Jahre trug der amtierende Otto Wundersamen zu Karolins Lebensunterhalt bei. Zuerst war sie sein Star in der Manege und zum Schluss die Frau für alle Fälle vom Putzen übers Keltern bis zum Kartoffelschälen.

Die Gebietsfürsten sagen jedem, der Geld von ihnen nimmt, was er wert ist. Wie ein Mann stehen sie feindlich zusammen und sagen: Ich mache dir schon noch begreiflich, wie billig zu bist. 

Karolin erfindet sich Tillmann gegenüber noch einmal als ergraute Tochter besserer Leute; so als lebe sie mit der Aussicht auf ein Erbe, das sie wiederherstellt als jene Edelperson, die sie von Geburt an war bis ungefähr zu ihrem fünfzehnten Geburtstag. Damals fing Karolin an, sich unter Wert zu verkaufen. Sie hörte auf, etwas von ihren Privilegien wissen zu wollen. Im Museum kehrt Karolin zu ihren Herkunftsversprechen zurück. Sie spannt Tillmann ein. Sie kann sich nicht spüren, sie kann nichts für sich tun. Sie lebt nur in der Aufmerksamkeit eines anderen. Karolin atmet ein und aus im Takt des Lebens eines anderen.

Tillmann schreibt:

Der erste „Faust“-Wurf glückte Goethe mit fünfundzwanzig, siebenunddreißig Jahre vor jener Fassung, mit der Generationen ins Feld zogen. In der frühen Faustfassung schimmern sagenhafte Vorlagen durch, die im protestantischen Widerstand gegen den Obskurantismus des 16. Jahrhunderts und in zeitgenössischer Nähe zu Luther entstanden waren - und sich von der Biografie jenes Johann Georg Faust ernährten, der alle Gründe des Himmels und der Erde mit Magie erforscht zu haben glaubte. Goethe stand unter dem Einfluss von Shakespeare, als er, dem „Sturm“ näher als der Klassik, die frühe Fassung schrieb. Darauf wurde hingewiesen, von Brecht erst, dann von Heiner Müller, der einem Shakespeare des 20. Jahrhunderts Horrorfilme zutraute, diese Formerzwingung wie im Blutrausch, und Faust so charakterisierte:

„Da ist ein Mann, der fühlt sich alt und will gern jung sein.“

Er zieht den Teufel zu Rate und was an dessen Rat schlecht ist, bekommt einem Mädchen schlecht. Von der Mutter zur Magd gemacht, kann das Mädchen die Schönheit gar nicht haben, die der verblendete Faust entdeckt. Dass man sich allein im Schmerz, nicht aber in der Liebe, steckt als Kern im Stück.  

Goethes Faust-Phantasma unter den Vorzeichen von Sturm & Drang führt Tillmann zu dem „im Gebirg“ aus sich selbst herausfallenden Lenz. Zum Gebirge bestimmt er souverän eine Kette von Findlingen an der Pazifikküste Mexikos im Bundesstaat Oaxaca. Die Mythen der Gegend, das Erzählgold der Azteken und die Verbrechen der Konquistadoren fusionieren an Tillmanns Stehpult gemeinsam mit dem altweltlichen Sagenschatz zu einer neuzeitlichen Antike.

Tillmann hört Ariane und Paula auf dem Hof zetern. Er stellt sich an die Balkontür, um ungesehen zuzuhören. Auch dieser Streit ist alt. Ariane und Paula kennen sich aus der Kita im Erdgeschoss. Sie sind Geschöpfe eines so engen Milieus, das die Decke ihrer Intimsphäre stets zu kurz war, um sich bedeckt halten zu können. Sie wuchsen öffentlich auf, wie in einer Herde von Cleveland Bay Pferden. Verbunden im Zwist, justieren sie ihre Skalen im Feinabstimmungsbereich.

Paula haust seit Monaten im Keller des Hauses, in dem Ariane seit Jahren residiert. Die Diskrepanz könnte nicht größer sein; die Nähe auch nicht. Tillmann registriert den trotzigen Oberton in Paulas Rede. Ihre Kläglichkeit gibt ihr mitunter etwas Beherrschendes. Man kann sich gegen Paula nicht so einfach wehren wie gegen eine satisfaktionsfähige Gegnerin.

Tillmann vernimmt Adrianes hysterische Verzweiflung ob der Intransigenz einer Inferioren.

Paula verdankt ihren Raum im Abstellbereich Tillmanns Schuldgefühlen.

In einem Unmutsgeräuschmantel kehrt Tillmann an seinen Arbeitsplatz zurück. Im Handstreich war es Karolin gelungen, Paula aus dem Museum und Marie (zu Marie später mehr) in die Defensive zu drängen.

Same same but different - Beide, Karolin und Paula, begradigen ihre abschüssigen Existenzstrecken mit Tillmanns Ressourcen, doch nur Karolin bewegt sich noch im Geltungsbereich der Achtung. In den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung beherrschten Zapoteken Oaxaca. Ihnen folgten Mixteken, die endlich von Azteken überwunden wurden. Den Azteken nahm Hernán Cortés die Macht. Er führte dann den Titel Marqués del Valle de Oaxaca. 

Tillmann verankert seine poetische Untersuchung da, wo die ursprüngliche Geschichte Mexikos endet. Akteure der Ursprungsbevölkerung diskutieren in seinem Prospekt an Lagerfeuern oder bevölkern gamsbockig Felsvorsprünge. Stets haben sie den Pazifik im Blick. Tillmann zitiert Foucaults „Ordnung der Dinge“. Foucault bezieht sich auf die phantastische Zoologie von Jorge Luis Borges. Borges erfand eine chinesische Klassifikation mit „Tieren, die dem Kaiser gehören, einbalsamierten Tieren, Milchschweinen und Sirenen“.

Morgen mehr.