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18.03.2022, Jamal Tuschick

Die sagenhaften Adlertöchter

Sjöberg zeichnet die Linien eines konsequenten Matriarchats nach, in dem kraftvolle und langlebige Frauen durch die Generationen so exzentrische wie kurzlebige Genies unter Vorbehalten zuließen. Lisa studierte zu Gustav Klimts Jugenstilzeiten Kunst in Wien, saß in der Aktklasse neben Adolf Hitler, übernahm von Brecht oder seiner Mutter ein Lebkuchenrezept, und kriegte weibliche Zwillinge von einem ukrainischen Architekturstudenten, dem als Stummfilmstar, siehe John Gottowt, ein Nachleben im kollektiven Gedächtnis beschieden war.  

Konsequentes Matriarchat

Der Autor wächst in Västervik auf. Ein Nachbar mit dem verjährten Namen Adolf sticht illegal Aale mit dem Fischspeer aka Aaleisen „im seichten Wasser der Grantorpsbucht; unterhalb der Gärtnerei, der Gewächshäuser und der Koppel mit Brennnesseln“. Es gibt noch ein paar märchenhaft grummelnde Namen für den Dreizack, der im kollektiven Gedächtnis mit Poseidon verbunden bleibt. Die mythologische Potenz der Waffe ist enorm. Die Zyklopen versorgten Poseidon mit dem Instrument, um ihn in die Lage zu versetzen, mit göttlichem Furor zu toben. Soweit der Vorspann.

Fredrik Sjöberg, „Mama ist verrückt und Papa ist betrunken“, ein Essay über den Zufall, aus dem Schwedischen von Paul Berf, Hanser, 24,-

Sjöberg reagiert in seinem Essay auf ein Gemälde von Anton Dich (1889 - 1935). Der unbekannt gebliebene Maler porträtierte die fünfzehnjährige Tochter aus der ersten Ehe seiner Frau und deren gleichalte Cousine.

Sie sehen es hier:

Anton Dich – the two 15-year-old cousins Hanna Gottowt and Lillan Arosenius on the French Riviera (1921)

Der Autor erkundet die historische Umgebung des Kunstwerks. Zunächst erforscht er das Milieu der Dargestellten; angefangen bei ihrer Groß- und Clanmutter. Die erst auf einer Öde bei Trollhättan und dann in Göteburg expandierende „Milchmogulin“ Johanna Bondesdotter bekam von einem „begabten Lustmolch“ namens Jöns Adler zwischen 1878 und 1885 drei Töchter (Eva, Elvi, Lisa) und zwei Söhne (Axel und Nils), bevor sie ihren Mann „abservierte“. Ihrer Umsicht verdankte sich der Grundstock eines Vermögens, das noch Jahrzehnte später ihren Nachkommen bürgerliche Annehmlichkeiten bescherte.

Sjöberg zeichnet die Linien eines konsequenten Matriarchats nach, in dem kraftvolle und langlebige Frauen durch die Generationen so exzentrische wie kurzlebige Genies unter Vorbehalten zuließen. Lisa studierte zu Gustav Klimts Jugenstilzeiten Kunst in Wien, saß in der Aktklasse neben Adolf Hitler, übernahm von Brecht oder seiner Mutter ein Lebkuchenrezept, und kriegte weibliche Zwillinge von einem ukrainischen Architekturstudenten, dem als Stummfilmstar John Gottowt ein Nachleben im kollektiven Gedächtnis beschieden war. Von den Töchtern starb eine früh. Auf dem angezeigten Bild sieht man die Überlebende, Hanna Gottowt, neben Lillian Arosenius, bürgerlich Eva Benedikta Elisabeth A. (1906–2004), in der Sommerfrische an der französischen Riviera. Lillian ist die Tochter jener Ida Andrea Cecilia ‚Eva‘ Adler, die, wie Alma Mahler-Werfel und Gala Éluard Dalí, musische Männer bevorzugte. Auf ihrer Liebesstrecke heiratete der Däne Anton Dich die Witwe seines schwedischen Kollegen Ivar Arosenius. Dieser Spur folgt Sjöberg zunächst in einem Nebengeschehen zu dem so bald dann doch nicht aufgegebenen Interesse an Olof Ågren. Ein phonetisches Missverständnis führt zur Verwechslung von Anton Dich mit Dick Beer. (Das dänische Dich spricht man Dick aus.) 

Sjöberg reizt es, Werke vergessener und fast vergessener, „unter einem Steinhaufen aus lauter Anekdoten begrabener“ Vor- oder Nachläufer eines epochalen Augenblicks aufzustöbern und den Lebensläufen ihrer Urheber nachzuspüren. Er besucht eine Enkelin Beers in Stockholm. Sie weiß zu wenig vom Großvater, um den Irrtum, dem sich die Bekanntschaft verdankt, aufzuklären. Beer führte das übliche „Lotterleben“ eines Künstlers der Belle Époque: von den Cafés auf Montmartre bis zu den Schützengräben in Flandern. Im ersten Weltkrieg wurde er Morphinist.   

„Die Erinnerung an … (Beer sedimentiert)“ in der Sphäre des Autors. Ein 1934 in Paris entstandenes und in Beers Todesjahr, 1938, in einer Retrospektive gezeigtes Porträt von Eva Arosenius provoziert neuerlich investigative Aufmerksamkeit, als Sjöberg erfährt, dass die „flachsblonde“ Bildheldin von Lillian verkörpert wurde.

Die oft in Madonna-Pose und mit Ährenkranz-Aureole gemalte Lillian Arosenius erscheint als skandinavische Ikone durchaus in einem heiklen Kontext. Ihre Verherrlichung könnte übergriffig konnotiert gewesen sein.  

Der Autor kauft Anton Dichs in Menton entstandene Ansicht der Adlertöchter (aka Töchter der Adlerschwestern). Er trägt zusammen, was noch nicht in Vergessenheit geraten ist vom allmählichen Untergang des Malers. In Menton agierte Anton Dich im Kreis der Adlers. Seine Schwiegermutter saß Tag für Tag im Garten und sah in der französischen Idylle „aus wie ein deutscher Holzschnitt“. Ihre Enkelin fühlte sich „aussortiert“, war Lillian doch lieblos und dürftig in einem Klosterinternat im Pariser Umland untergebracht. Sjöberg besteht darauf, dass der Ziehvater die bis zur Depression Verstimmte in ihrem Unglück erkannte, und zwar gründlicher als Lillians berühmtester Porträtist Amedeo Modigliani.

1969 wurde Lillian, so wie sie ihr Vater, an den sie keine Erinnerungen zu haben stets vorgab, gesehen hatte, zu einem Briefmarkenmotiv. Siehe. Erst neun Jahre später würdigte man so auch Ivar Arosenius, während es bis heute noch nicht einmal einen Anton Dichs Werk popularisierenden „Kühlschrankmagneten“ gibt.

Sjöberg kontrastiert Anton Dichs lexikalische Abwesenheit mit der überbordenden Vitalität des Adler-Clans. Noch 1981 bleibt eine Anton Dich-Retrospektive in Kopenhagen wirkungslos. Irgendwo las ich, Dich sei zu Lebzeiten so wenig bekannt gewesen, dass man ihn nach seinem Tod gar nicht vergessen konnte. Die Türsteher der Kunstwelt verweigerten ihm den Zutritt.

Ich gestatte mir eine eskapistische Schlussdeutung, von der ich glaube, dass Sjöberg sie seinen Leser:innen nahelegt. Hätte seine Adlerin ihn nicht aufgegeben, wäre er vielleicht aufgestiegen. So starb er mittellos in Bordighera.  

Aus der Ankündigung

Über einen unbekannten Künstler und die Unvorhersehbarkeit von Ruhm und Scheitern. Fredrik Sjöbergs „wunderbarer Versuch, den Zufall zu kontrollieren.“ (Aftonbladet)

1921 malte ein dänischer Künstler in Südfrankreich die Kusinen Hanna und Lillan Adler. Auf der Spur des Gemäldes und seines Schöpfers Anton Dich, „einzigartig abwesend in allem, was Kunstgeschichte heißt“, findet Sjöberg einen ganzen Schatz an nie erzählten, miteinander verwobenen Geschichten, die fröhlich oder nachdenklich, aber immer klüger machen. Über die unabhängigen Frauen der Familie Adler, Anton Dichs Freundschaft mit Modigliani, die Würgefeigen in Bordighera, einen Karton voller Briefe und den Kater Kanabriel, der eines Tages verschwand. Aber, so schreibt Sjöberg, „ich wundere mich schon lange nicht mehr. Der Zufall, dieser zerstreute Hallodri, ist des Sammlers bester Freund“.

Zum Autor

Fredrik Sjöberg, 1958 in Västervik, Schweden, geboren, studierte Biologie und Geologie und arbeitet neben seiner Schriftstellertätigkeit als Übersetzer und freier Journalist, u. a. als Literaturkritiker für das Svenska Dagbladet. Er lebt auf der Insel Runmarö in der Nähe von Stockholm. 2015 erhielt er den Essaypreis der Schwedischen Akademie. Bei Hanser erschienen zuletzt Wozu macht man das alles? (Geschichten und Essays, 2016) und Mama ist verrückt und Papa ist betrunken (Ein Essay über den Zufall, 2022).