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18.03.2022, Jamal Tuschick

“One day you are the cock of the walk, the next a feather duster.”

*

„Es gibt keinen Dualismus von Geist und Gehirn, sondern nur einen funktionalen Unterschied zwischen bewusstseinsfähigen und nicht bewusstseinsfähigen Hirnzuständen.“ Gerhard Roth

„Wir haben das große Gehirn, um herauszufinden, was andere gegen uns im Schilde führen.“

Roth nennt das „machiavellistische Intelligenz“. Alle Handlungsbegründungen ergeben sich nach unfreien, da im Gehirn vor-geschriebenen Legitimationsabsichten gegenüber der Horde.

Saharasand im Morgenrot. Das Nordend scheint zu brennen. © Jamal Tuschick

Fleischwurst und Sauerkraut

Tillmann kommt mit Fleischwurst und Sauerkraut vom Metzger Klaus. Karolin trägt einen Ehering, das Gegenstück liegt auf dem Küchentisch, Karolin möchte für den Rest des Tages eine verheiratete Frau sein. Die Gravur nennt einen Namen, der Tillmann nichts sagt.

„Immer ich“, sagt Tillmann. „Ich muss für jeden Quatsch herhalten.“

Karolin zieht die Schublade auf, in der sie die Ringe gefunden hat, neben Krawattennadeln, Ehrenzeichen, Uhrketten und noch mehr metallischen Zeugnissen fremden Lebens, die in Tillmanns Erbmasse eingingen.

Die Ringe sind Tillmann bis jetzt entgangen. Wie kann man so was übersehen, fragt er sich nicht besonders engagiert. Was man nicht alles am besten übersieht, so wie die Haare im Duschsieb. 

Als Tillmann den Tisch deckt, trägt er seinen Ring und ein Hemd, das ihn wie einen Angestellten aussehen lässt. Karolin möchte mit keinem Müßiggänger verheiratet sein. Ihr Mann tut, was er kann. Das Paar begibt sich mit den besten Absichten zu Tisch, es isst die Fleischwurst und das Sauerkraut kalt. Die Fleischwurst isst es mit mittelscharfem Senf. Keine Extrawurst eines abweichenden Geschmacks. Das Gespräch streift Karolins Mutter. Sie liest mit, wenn eine Romanverfilmung im Wohnzimmer geguckt wird. Ihre Ansichten zu „Ansichten eines Clowns“ wurden bereits vor zehn Jahren missachtet. Sie gab aber nicht auf, stürmisch ging sie gegen die Verachtung ihres Mannes vor. Seine Grobheit zog nicht richtig, seine Frau glaubte allen Ernstes, die Bösartigkeit sei nicht so gemeint. Sie sprang auf seinen Schoss und zupfte ihn. Der große Vorsitzende zeigte sich indigniert und angetan. An sich fand er seine Frau okay, sie sollte sich bloß nicht zu den Ansichten des Clowns äußern. In ihren Dreißigern trat Paulas Mutter als Winnetous Schwester auf, sie verkörperte Uschi Glas zwischen Nscho-tschi & Apanatschi. Karolin ahmt ihre Mutter manchmal nach, fällt Tillmann reichlich spät auf. Karolin isst die Pelle mit, sie drückt Sauerkraut unter die Nase. Sie markiert den Chinesenschnäuzer.

Sie sagt: „Fu Manchu*“.

Tillmann schmunzelt wie so ein blöder alter Onkel. Er könnte sich ohrfeigen. 

Karolin freut sich diebisch: „Siehst du, jetzt musstest du lachen, obwohl du gar nicht wolltest. Du willst mir immer nur deinen Griesgram zeigen und dir dabei bedeutend vorkommen.“ 

*„Der Fu Manchu Moustache wurde nach dem Bösewicht aus dem 1923 verfilmten Roman benannt. Er steht seit jeher auch für Weisheit und ist sehr häufig im asiatischen Raum anzutreffen. Im Gegensatz zum Hufeisenbart speist sich der Look des Fu Manchu ausschließlich aus dem Haar der Oberlippe.“ Quelle