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19.03.2022, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Sozialistische Erdbeertörtchen

Matthias Belz bezeichnete sich als „vorwärtsgewandten Historiker“. Er kombinierte Handkäs mit Straßenkampf. Er blieb bis zu seinem Lebensende beleidigt, weil ich in die Zeitung gesetzt hatte, was Baader von Beltz gehalten hat. Er rezensierte das Geschwätz vor Wasserhäuschen. Frankfurt war der Ort seiner Erfahrungen - das Labor, in dem die Bilder entwickelt wurden, auf die er reagierte. Es wunderte ihn, „wie wenig soziale Explosionen die Stadt erlebte“. Beltz suchte den Witz in den Überforderungen, die an der Verpflichtung zur Toleranz rühren.

Er verarbeitete gern politische Reminiszenzen zu Frustrationsgeschichten. Ein Erdbeertörtchen vom Bäcker Hanns in der Sachsenhäuser Schifferstraße stand für ihn „in einem größeren Weltzusammenhang“.

Das Erdbeertörtchen repräsentiert für Beltz den Sozialismus: Oben der Belag, also die Führung, erscheint innerhalb der Gelatine-Schutzschicht, also der Partei, noch rot und frisch, während darunter der Boden, die Basis, aufweicht.

In dieser Miniatur steckt der ganze Beltz. Er war ein sparsamer Verwalter seiner Ressourcen, der Pointen-Mehrfachverwertung nicht abgeneigt.

Bloßgestellte Spielfigur

Andreas Baader zweifelte an Matthias Beltz. „Der kann das nicht“, soll er gesagt haben. „Bewaffneter Kampf: das kann der Matthias nicht.“

Tillmann weiß das von Beltz, der die Einstufung als Herabsetzung erlebte und daran lange kaute. Beltz wohnt drüben in Sachsenhausen, die Dielen knarrten comme il faut. Flügeltüren und Stehpult - ein steinaltes Hochformat liegt da stets aufgeschlagen. Ein Buch so wichtig wie die Bibel. Tillmanns uferloser Erinnerung fehlt im Augenblick der Titel. Er verdächtigt Beltz, seiner reaktionären Spielfigur näher zu stehen als das in Frankfurt, wo Leute immer noch Distinktionsgewinne mit ihrer angeblichen RAF-Nähe und Haste-nich-gesehen-mich-und-den-Joschka-im-Häuserkampf erzielen, angebracht ist.

Beltz erzählt gern, dass viele spontane (spontanistische) Aktionen wegen ihrer medialen Wirkung inszeniert wurden. Dass gezählt wurde, wie oft man im Fernsehen vorkam. Nach jedem Artikel über die Frankfurter Spontis oder die Herausragenden Trebes, Klinke, Koenigs, Fischer, Cohn-Bendit hagelte es Leserbriefe, in denen sich Leute darüber aufregten, dass sie keine Erwähnung fanden. Es kam noch richtig Post, die Leute sammelten Briefe in Schuhkartons. Tillmann sichtet ab und zu mal so eine Charge. Er besitzt ungefähr zweihundert Kollektionen.

Er lunzt aus dem Wohnzimmerfenster, Traktors Porsche steht noch vor der Pyjama Bar, die gestern eröffnet wurde. Jetzt sind die Töchter der Frauenrevolutionsratsgründerinnen am Zug. Clara wie Zetkin heißt die Chefin. War vorher Geschäftsführerin in dem sardischen Ding an der Saalburg. Tillmann kommt gerade nicht auf den Namen. Das ärgert ihn. Vor zehn Jahren noch wäre für Tillmann so eine Eröffnung nicht ohne persönliche Einladung über die Bühne gegangen. Er hätte sich Zeit gelassen. Die jeweilige Clara hätte sich elegant von einer aufdringlichen Schnarchnase gelöst, um flötend auf Tillmann zuzukommen, so entgegenkommend, wie das lange selbstverständlich war.

Traktors Porsche vor der Tür sagt an, dass Ariane Traktor über Nacht bei sich behalten hat. Das macht sie nicht mehr so oft. Sie wohnt im zweiten Stock und war auch schon in der Kita, die der Frauenrevolutionsrat 1969 im Erdgeschoss aufgezogen hat. Der Durchmarsch der besser-als-der-Rest-Informierten bis zur gesellschaftlichen Beletage muss für viele Genossinnen eine einzige Beleidigung gewesen sein. Die Gören der Durchschnittsmütter kamen noch in ganz normale Kindergärten. Arianes Eltern gehörten zum roten Adel, der dann die Frankfurter Regierungsgeschäfte an sich zog und so gediegen auftrat wie die Nachfahren der Adelige Ganerbschaft des Hauses Alten Limpurg. Es gab Überscheidungen. Die Revoluzzerinnen der Patrizierclans führten ihre Häuser durch die Wirren der Zeit so wie der teuflisch gutaussehende, superb smarte Tancredi Falconeri in Giuseppe Tomasi di Lampedusas lehrreichem Roman „Der Leopard“. 

Tillmann bedenkt Arianes Verhältnis zu Traktor, diesem Hotelbandschlagzeuger. Dienstags das temperierte Klavier, und donnerstags die Kapelle mit lauter studierten Hartmetallern, die Comme d’habitude auf Englisch und aus Daffke mit mehr Sinatra-Schmalz als Sinatra selbst abliefern. Traktor ist der dümmste Spross einer Banker-Dynastie, man hat ihn am Empfang einer Privatbank untergebracht. Er macht den Concierge vom zehn bis drei, längere Öffnungszeiten wären stillos. In seiner bodenlosen Schamlosigkeit genießt Traktor seine Privilegien ohne jede Akzentuierung. Er liest, raucht und trinkt nicht, bewegt sich wenig, geht nie ins Kino und selten in eine Kneipe. Kein Interesse an Fußball, Tennis, Klatsch, Stadtteilkultur, Familiengründung oder Exzess.

Traktor hat nie etwas vollbracht oder auch nur gewollt. Seinen Porsche fährt er betulicher als Ariane ihre heißgeliebte Ente. Er grüßt beflissen und lässt kein Kaugummipapier auf den Boden fallen.

Was findet Ariane an Traktor? Die beiden gehen normalerweise so freundlich miteinander um wie Tillmann nur mit seinem Lieblingsbriefträger, dem er stets im Treppenhaus entgegenkommt. Er steigt herab zu einem Harmoniegipfel, der sonst nirgendwo erreicht wird.

Mitunter begegnen sich Ariane und Traktor aber auch so sachlich wie in einer gedeihlichen Dienstleistungsbeziehung. Vielleicht gehört das zu einem Rollenspiel vor Publikum.  

In seiner Phantasie rückt Tillmann an die Stelle von Tancredi. Unangekündigt und von Starkregen bis ins Mark unterkühlt rauscht er auf. Er stürmt die Freitreppe des Stammhauses seines Onkels und Vormunds Salina in einem entlegenen Winkel Siziliens. In einer Spaltung sieht Tillmann, wie Tomasi die Szene aufs Papier wirft, unter einem Kronleuchter, der bessere Tage gesehen hat. In drei Sätzen liefert er einen Roman im Roman. Mit der Raffinesse eines Marcel Proust erzeugt der Schriftsteller lauter Spiegelungen. Im berühmtesten Spiegelsaal der Filmgeschichte beweist Bruce Lee seine Klasse gegen Kien Shih. Siehe Enter the Dragon.

Bloßgestellte Spielfigur

Zumindest offensichtlich macht niemand Don Fabrizio seine fürstliche Vormachtstellung streitig. Sein Urteil gibt in jeder Affäre den Ausschlag, während die Wertschätzung des lebenden Denkmals schwindet. Ahnen von weit geringerer geistiger und körperlicher Größe übertrumpften spielend den amtierenden Fürsten von Salina, da sie in einfacheren Zeiten zur Herrschaft berufen waren.

Der Fürst ist eine bloßgestellte Figur auf dem italienischen Brett. Sein Chef war bis eben der König beider Sizilien Francesco II. Maria Leopoldo, kurz Franz, abschätzig Fränzchen. Garibaldi hat Franz abserviert. Das Reich, in dem der Fürst von Salina Kammerherr war, existiert nicht mehr.

Salina fehlt die Jugend, um sich neu freischalten zu lassen und irgendwo einzusteigen; sich einzukaufen mit dem Prestige seines Namens. Einige seiner Vorgänger konnten im fliegenden Loyalitätswechsel dem Haus von Salina einen Fortbestand im Hagel der Interferenzen sichern. Jene provinzabsolutistischen Besitzstandswahrer fielen keinem Chronisten je als Verräter oder auch nur als wankelmütige Charaktere auf. Sie hatten bloß das Richtige getan, wie unter ihnen das biegsame Gras in der Mehrzahl seiner Halme.

Die Rolle des Retters übernimmt Familienhusar Tancredi Falconeri. Seine Mannschaft ist seit tausend Jahren im Spiel. Sie dient der Macht, wer immer sie hat. Der alte Leopard wäre nur zu gern an Tancredis Stelle. Er hasst seinen Platz auf dem Brett als abgehalfterter Günstling eines kaltgestellten Königs.

Wie gesagt Tillmann-Tancredi kommt aus dem Feld. Zuerst fällt seinem Mentor auf, dass der ungebührlich abgenutzte Heimkehrer nicht mehr die rote Tracht jener Garde trägt, die Garibaldi auf sich eingeschworen hat. Stattdessen lässt Tancredi einen von Nässe zentnerschweren Mantel der piemontesischen Kavallerie fallen. Das Stück ist blau. Es macht dem Fürsten in seiner Semi-Eremitage klar, woher der politische Wind weht.

Garibaldi war gestern. Der republikanische Revolutionär hat seine Schuldigkeit getan. Jetzt übernimmt der Spieler, der die Puppe Garibaldi tanzen ließ. Er tritt aus den Kulissen und präsentiert sich als künftiger König des vereinten Italiens.

Tomasi di Lampedusa beweist seine Unabhängigkeit als Autor, indem er bestimmte Dinge nicht erklärt. Das aber leistet Wikipedia: „Der heutige italienische Staat entstand während des Risorgimento im Jahr 1861 durch die Eingliederung der alten italienischen Staaten in das von den Savoyarden regierte Königreich von Sardinien-Piemont. Der letzte König Sardinien-Piemonts, Viktor Emanuel II., war unter diesem Namen, und unter Beibehaltung dieser Zählung, erster König von Italien. Die piemontesischen Institutionen wurden damals auf ganz Italien ausgedehnt und in „italienisch“ umbenannt, weswegen fast alle Institutionen des heutigen italienischen Staates älter sind als dieser selbst.“

Tancredi tritt als Bote der Zukunft sowie als Herold des neuen Königs auf. Er putzt die Freischärler herunter, mit denen er im Handstreich die alte Ordnung außer Kraft gesetzt hat. Vorderhand stellte sich Tancredi in der Gesellschaft der Partisanen gegen seine Klasse. In Wahrheit ging es ihm nur darum, den Privilegien dieser Klasse eine breite Gegenwart zu verschaffen.

Tancredi holte für sich und die Seinen die familienfeudalen Kartoffeln aus dem republikanischen Feuer.

Doch jetzt sind die Gefährten von eben „unanständige“ Zeitgenossen.

„Mamma mia, was für ein Pack.“

Die neue Ordnung steht in Italien wie überall in Europa unter den Vorzeichen der Restauration. Tancredi kann nun wieder seinen Stand herauskehren und so aufgedonnert wie ein Pfau seiner Verlobten Angelica die nötige Aufregung (dann doch nicht) verschaffen.

Und so war es auch in Frankfurt gleich nach dem deutschen Herbst 1977. Schon hieß das Zauberwort der Stunde Hedonismus. Die Toskana-Fraktion lief sich warm, sieben Jahre vor der Gründung des Gargantua. Plötzlich war Genuss Pflicht. Um noch einmal auf Beltz zurückzukommen. Als einer der Auserwählten weiß er: Kabarett muss mitmachen beim korrupten Spiel um Einschaltquoten. Der satirische Vortrag wirft schon Profit ab, wenn Beltz ein relevantes Wort im Schlick des öffentlichen Gesprächs mundartig dehnt. Gelacht wird vor der Pointe. Beltz‘ mit Ressentiments bis zur Glaubwürdigkeit aufgeladenes Bühnen-Ich spricht aus, was unter den Kommunikationsoberflächen lauert. Jeder vom Dulder-Humor der Ohnmächtigen anerkannte Gemeinplatz hilft Beltz, dessen erster Berufswunsch Pfarrer war.