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20.03.2022, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Biernebel im Café Käse

Sie wächst in Möbeln der Antebellum-Ära auf. Die Elevin verkrümelt ihre Madeleines auf einem Tisch aus dem Hausstand des Verursachers einer der weltweit größten Massenbewegungen. Am 24. Januar 1848 fand der Schreiner James Wilson Marshall (1810 - 1885) an seinem Arbeitsplatz, einer Sägemühle, jenen Metallklumpen, der den kalifornischen Goldrausch auslöste.

Nitokris Copper ruht auf einem Sofa, das ursprünglich die Komfort- und Prestigeerwartungen des Sklavenhalteradels im alten Süden befriedigte. Im Vorgriff auf die lange Phase eines eher trostlosen Danach schwärmt Nitokris kindliches Ich von der in Lehnen geschnitzten Flora. Das wäre weniger bemerkenswert, stünden die Sachen sonst wo in Amerika. 

Sie stehen aber nicht weit von der Église Saint Cannat und dem Hafen La Joliette in der Rue de la République im 1. Arrondissement von Marseille. Da versetzt der kurvenreich-verschnörkelte Kram aus der Zeit vor dem Sezessionskrieg französische Besucher in Erstaunen; während sich die Expatriierten mit den historisch gravierten Importen gegen die Alte Welt abschotteten. Caesar Fenimore Copper und seine Frau Florence verehren ihre Rosenholzstühle.

In ihren Memoiren schreibt Nitokris: „Meine Eltern erzählten gern, dass sie nicht nur ehelich, sondern auch leiblich verwandt waren. Sie stammten von Deutschen aus dem Siegerland ab, die mit Schuldknechtschaftskontrakten im frühen 18. Jahrhundert zunächst nach Fredericksburg, Virginia, gekommen waren. Im Verein mit Schweizern, Schwaben und Pfälzern gründeten sie am Rapidan River eine Siedlung namens Germanna. Sie dienten einem Kolonialbeamten im Gouverneursrang, namentlich dem Generalpostmeister der britischen Krone Alexander Spotswood, der die Halbsklaven zumal als Bergleute strapazierte. Sie emanzipierten sich schnell von dem hohen Herrn. In ihrem Verbreitungsgebiet etablierte sich 1759 das House of Burgesses, die erste migrantisch-amerikanische legislative Versammlung. Da hieß Germanna schon Fairfax, und meine Vorfahren, ursprünglich eine westfälische Tagelöhner-Dynastie, hießen schon Coppersmith wie Kupferschmied. Im nächsten Durchgang verkürzten sie auf Copper. Ein Cooper gehörte der in Fairfax 1775 erstmals aufgestellten Minutemen-Miliz an, die im Unabhängigkeitskrieg kämpften.

Der Minuteman war eine geisterhafte Erscheinung meiner europäischen Kindheit. Ich stellte ihn mir realistisch vor wie Lederstrumpf. Mein Vater hatte mir erklärt, dass die Minutemen gestiefelt und gespornt mit der Kentucky Rifle zwischen den Schenkeln schliefen, um ihrem Ruf als blitzschnelle Eingreiftruppe jederzeit gerecht zu werden. Ich glaube nicht, dass er eine Idee davon hatte, wie sehr mich diese Vorstellung aus dem Schlaf heraus streittüchtiger Männer besetzt hielt.

Nach dem Sezessionskrieg wurde aus Fairfax Culpeper und ebenda kamen meine Eltern zur Welt. In ihrer Kindheit unternahmen sie Ausflüge zu Verwandten in den Blue Ridge Mountains. Die einschlägigen Erzählungen boten meiner Phantasie das Material für eine Geisterbahn voller gespenstischer Bergwillis. Meine Eltern haben sich gewiss nie Gedanken darüber gemacht, wie ihre Geschichten bei mir ankamen. Ich hatte keine Geschwister. Es gab weit und breit keine Verwandtschaft. Mit den Franzosen wurden wir nicht warm, und dann diese fürchterlichen Schoten von Männern, die mit ihren Gewehren schliefen, und schiefmäuligen Montagnards mit seit zweihundert Jahren fehlschlagenden Lebensentwürfen. Das Vergnügen meiner Eltern an diesem Horror verstand ich nicht.

War meine Mutter auf Krawall gebürstet, schlug sie mit dem Wissen aus einer in Schweinsleder gebundenen Familienchronik auf ihren Mann ein. Mein Vater machte in Öl. Er verkörperte die Zukunft fossiler Brennstoffe mit den allergrößten Erwartungen. Er war zwanghaft modern. Fand er aber die Zeit, sich zurückzulehnen und seine Tochter ein wenig zu kitzeln, dann fabulierte er in einer Manier, die ich später übernahm, wenn ich über das deutsche Mittelalter meine legendären Aufsätze schrieb.“

*

Nitokris ist Innas Großmutter und die Mutter jenes sagenhaften Wayne Cooper, der Tillmanns Mutter schwängerte; wie dann auch, wenn auch auf einem anderen Kontinent, Innas Mutter.

Als Waynes Tochter ist Inna Tillmanns Halbschwester. Da wird der Hund in der Pfanne verrückt. Doch bevor wir der Sache auf den Grund gehen, Inna ist gerade in Frankfurt gelandet, um ihren im Sterben liegenden Vater ein letztes Mal lebend zu sehen, schalten wir in die Schwarzburgstraße, wo Paula und Gero in verzwickten Aushandlungsprozessen verstrickt sind. Paula will, Gero will lieber nicht einen auf normales Paar mit Pipapo und Trallala machen. Es lief so lange rund für Gero. Er hat noch nicht begriffen, dass für ihn die Party vorbei ist.  

Biernebel im Café Käse

Zu den Lebensrätseln vieler Leute zählen Fehlgriffe am Liebesbarren - erotische Abstürze erst in den Jahren der uferlosen Adoleszenz und dann auf den engen Vorhöfen der Vergreisung. Paula liegt garantiert falsch mit Gero. Sie trifft ihn im Café Käse in der Schwarzburgstraße. Paula entwickelt sich in der Verwaltung aller möglichen Mängel. Inzwischen helfen ihr die Ratschläge in den Kostenloszeitungen. Die kaum erwachsene Bedienung ist gerührt. Im Café dösen Veteranen. Gero tut so, als lägen die gedimmten Existenzen vor Ort außerhalb seiner Wahrnehmung, während Paula den aktuellen Stand seiner Nachgiebigkeit auslotet. Gero windet sich, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Sohn braver Leute, die als Metzgerehepaar ein Genre des Viertels idealtypisch verkörperten, überblickt nüchtern ein halbes Dutzend schwelender Beziehungsruinen und toxischer Verhältnisse stets nur bis zu einer Stunde des Nachmittags, die längst überschritten ist. Er sitzt bereits hinter einer Biernebelwand und fühlt sich stark genug für fatalistische Reaktionen.

Wie alle im Kneipensumpf Gefangene möchte Paula nur noch in dem Zuhause eines anderen ihr eigenes Zuhause erkennen dürfen. Schon lange geht es nicht mehr um die Männer, sondern nur noch um die Wohnungen und das, was dazu gehört; verlässliche Einnahmequellen. 

Sediert, eher noch gelähmt beobachtet Gero wie Paula an ihrer prekären Lage herumpopelt. Sie sucht einen Rahmen, in dem ihre Not klein erscheint. Am Nebentisch schwafelt einer von Gaston Salvatore im Jahr der Revolte.