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21.03.2022, Jamal Tuschick

Doron Rabinovici © Jamal Tuschick

Aseptische Herzlichkeit

Ulli Popp fasziniert seine Feind:innen. Popps Legende geht so: Man mag seinen Populismus, die Binsengewinde und den protofaschistischen Jahrmarkschwall so medioker wie gefährlich finden, die innere Statur stünde auf einem anderen Sockel. Der Menschenfischer, Massenhypnotiseur, Rattenfänger und Volkstribun Popp sei zwar eine triviale Spielfigur des politischen Theaters. Doch erschöpfe sich ihr größter Nachteil darin, der Person dahinter nicht das Wasser reichen zu können. Der wahre Popp sammele Kunst und horte Bücher. Ein hoher Bildungsgrad verbiete es ihm förmlich, mit dem identisch zu sein, was er auf den Gemeinplätzen der Gesellschaft verkörpere.

Popp schillere „zwischen Lichtgestalt und Feuerteufel“, sagt einer von Popps entschiedensten Gegner, der Schriftsteller Avi Weiss.

Doron Rabinovici, „Die Einstellung“, Roman, Suhrkamp, 24,-

In wenigen Sätze erfasst Rabinovici das Phänomen Popp, so wie es zum Beispiel von Fotograf:innen auf Pressekonferenzen wahrgenommen und - mit den Mitteln des erzählenden Porträts - geschildert wird. Popp und die Brezel neben dem Maß; Popp vor der verzückten Dirndlträgerin in der ersten Reihe; Popp umringt von Honoratioren in Jankern; Popp beim Fassbieranstich.  

„Welche Auswahl konnte je die ganze Wahrheit sein? August war klar: Ohne Standpunkt keine Perspektive.“

Pressefotograf August Becker überragt fachlich das Heer der Kolleg:innen. Deshalb soll er das Foto schießen, dass der Journalistin Selma Kaltak die Initialzündung für eine Vivisektion des Kandidaten Popp - zum Zweck der Entlarvung eines verkappten Nazis - liefert. Auf dem Erfüllungsweg seines Auftrags stolpert August in einen spannend ausgeschilderten Abgrund.

Rabinovici erzählt von Risiken des Vertrauens, wie sie an jeder Lebensecke lauern. August setzt sich Vorwürfen im Spektrum zwischen politischem und persönlichem Verrat, Nachlässigkeit sowie der Missachtung väterlicher Pflichten aus. Ein eher harmloser, sozial phlegmatischer, an einer Stelle immerhin großartiger Mann bringt es fertig, vorübergehend als das größte Arschloch weit und breit dastehen.    

„Wir haben das große Gehirn, um herauszufinden, was andere gegen uns im Schilde führen“, sagt Gerhard Roth. Der Hirnforscher nennt das „machiavellistische Intelligenz“. Alle Handlungsbegründungen ergäben sich nach unfreien, da im Gehirn vor-geschriebenen Legitimationsabsichten gegenüber der Horde.

August nähert sich Popp zum ersten Mal bei einem überlaufenen Termin. Der Demagoge zieht seine Schau ab. Er geizt nicht mit dem Gedöns, das man von ihm erwartet. Von plötzlichem Unmut wie von Übelkeit befallen, entzieht sich August dem Trubel. Im Davonstolpern registriert er die Beine seiner Kollegin Marion Ettl.

August ist geschieden, sein Sohn Tim ist inzwischen erwachsen und selten gut auf den Vater zu sprechen.

„Wenn eine Weltordnung zusammenbricht, beginnt das Nachdenken darüber.“ Ulrich Beck

Popp repräsentiert den populistischen Austria-Autoritarismus. Er spielt mit Ängsten und wiegelt auf. Hemmungslos perpetuiert er rassistische Deutungsmuster. Selma zählt zu den Geflüchteten des bosnischen Bürgerkriegs. Popp nimmt sie persönlich aufs Korn. Er denunziert sie als „sogenannte Journalistin“.

*

„Zu zweit sind (Selma und August) einzigartig.“

Vielleicht kommt von der tiefen Verbindung zwischen Selma und August deshalb nicht mehr zum Vorschein als eine „aseptische Herzlichkeit“, weil Selma mit dem ruppigen Künstler Dino Ahmetović zusammenlebt.

Selma braucht August. Er besorgt ihr die Beweisfotos.

August braucht Selma. Sie schreibt, was er denkt.

Die Profis brettern zu einem Popp-Auftritt in der Pampa. In einer Kneipe gehen Selma und August auf Tuchfühlung mit der Bevölkerung. Vier Schützenvereine gibt es vor Ort. Brauchtum wird in Oberfeist großgeschrieben. Selma könnte dagegenhalten: Traditionen sind Tothölzer auf dem Weg zum Sediment, etwas, dass nicht im kulturellen Gedächtnis verblieben ist. Stattdessen nimmt sie den Faden der lokalen Erzählung auf. Sie schreibt mit.  

Aus der Ankündigung

August Becker ist der Star unter den Pressefotografen, seine Porträts sind unverwechselbar. Im aktuellen Wahlkampf um die Kanzlerschaft erhält er von einer liberalen Wochenzeitschrift den Auftrag, den Spitzenkandidaten einer populistischen Partei zu fotografieren. Ulli Popp hetzt gegen Migranten, gegen Frauen, gegen unabhängige Medien. August Becker soll den Mann hinter der Fassade von Fürsorglichkeit entlarven, seine Brutalität, seinen Zynismus, er soll den unaufhaltsam scheinenden Siegeszug seiner Partei stoppen. August verachtet Popp, er nimmt den Auftrag an, und tatsächlich gelingt ihm ein Schnappschuss, von dem er überzeugt ist, dass er den Ausgang der Wahl entscheidend beeinflussen wird – bis sich von einem Tag auf den anderen alle Gewissheiten ins Gegenteil verkehren.
Mit Witz, Ironie und Fabulierlust erzählt Doron Rabinovici in seinem neuen Roman von einer immer stärker polarisierten Gegenwart, einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft. Es geht um die Relativierung von Fakten, die Anziehungskraft des Autoritären, die Macht der Bilder. Es geht um den Kampf eines Populisten gegen einen Fotografen, der genau weiß, dass jede Aufnahme Zeugnis einer Einstellung ist.

Doron Rabinovici, 1961 in Tel Aviv geboren, in Wien aufgewachsen, ist Schriftsteller und Historiker. Sein Werk umfasst Kurzgeschichten, Romane und wissenschaftliche Beiträge. In Österreich hat er immer wieder prominent Position gegen Rassismus und Antisemitismus bezogen. Für sein Werk wurde er zuletzt mit dem Anton-Wildgans-Preis und dem Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln ausgezeichnet.

Ich schließe mich mit einem Stück über das Fotografieren an. Sie sehen einen meiner Lieblingsschnappschüsse. Harry Rowohlt und Ingomar von Kieseritzky vor der Akademie der Künste am Pariser Platz. Die beiden sehen aus, wie die Zwei von der Tankstelle

© Jamal Tuschick

Schauspieler:innen

Als ich anfing, Schauspieler:innen zu fotografieren, stolperte ich immer wieder über die Vermutung oder Erwartung eines Fan-Interesses, das ich nie hatte. Mir ging es nur um einen Blickfang für meine Blog-Besprechung einer Aufführung. Zuerst fotografierte ich mit einem Telefon, das noch nicht smart war. Ich wollte den Partyschnappschuss im Facebook-Look. Dann wechselte ich zu gut. Ein repräsentativer Apparat gab Auftrieb, er vergrößerte das Entgegenkommen. Der Schnappschusscharakter sollte das Motiv weiterhin markieren - alles wie im Vorübergehen. Die Inszenierung ist vorbei, jetzt läuft die Musik zum Feierabend. Diese Stimmung wollte ich. Obwohl ich nie die Einstellung änderte und mir keine originellen Perspektiven gestattete, veränderten sich die Fotos. Nach zwei Jahren gelang mir der erste Treffer. Ein skandinavisches Ensemble stürmte im Orkan des Premierenapplaus die nur für Schauspieler:innen bestimmte Sektbar. Das Stück stammte von einem finnischen Ibsen. Die Titelrolle spielte eine puppenhaft-surreal zurechtgemachte Nora. In der Schlussszene hatte sie sich ausgezogen und sich nun ein Kleid übergeworfen, ohne den Reißverschluss am Rücken zu schließen. Nora stand da wie mit Flügeln am Spezialtresen. Sie war nicht abgeschminkt. Ich machte meine Fotos mit dem Gefühl einer Überschreitung, aber die Finn:innen und Schwed:innen waren so unter sich und in Aufregung, dass niemand auf mich achtete. Die Schauspieler:innen wähnten sich in einem geschlossenen Raum. 

Der zweite Treffer. In der BE-Kantine sah ich einen schon für die Bühne gerichteten Schauspieler. Höchst unmanierlich verputzte er Salat. Ich drückte ab, ich wusste noch nicht, dass das absolut verboten ist.

Ich sah das Solostück einer jungen Kanadierin. Ihre Heldin hieß Patsy und erschien gespalten. Das zeigte ihr schwarzweiß geschminktes Gesicht. Zusammen mit dem chaplinesken Kostüm ergab das ein durchschnittliches Bild, Patsy sah aus wie von Dubuffet gemalt. Die Wirkung entstand in einer Verbindung der Maske mit Jeans und Anorak. Kein Zufall brachte den Effekt, sondern eine Kalkulation der Regisseurin, die genau dieses Foto wollte.

Eine amerikanische Schauspielerin ging automatisch in die Anzüglichkeit. Ich glaube nicht, dass die für mich produzierte Laszivität aus einer beruflichen Deformation kam. Sie kam aus einer Laune. Die Schauspielerin baute den Aspekt aus, sie zog eine Kollegin hinzu, die sofort mitspielte.

Eine Schauspielerin kam glücklich aus der Garderobe auf den Korridor, sie wollte die Welt umarmen. Bis eben hatte sie in der Rolle eines Mannes auf der Bühne gestanden. Der Kontrast war dramatisch, sie erschien nun partyfein. Ich fotografierte, sie sagte: „Wir können auch auf die Terrasse, da ist das Licht besser.”

Sie posierte vollkommen ungezwungen. Genau diese schöne Leichtigkeit des Seins entdecke ich jetzt noch auf dem Foto. Ich zeige Ihnen aber lieber ein anderes. 

Von links: Adela Bravo, Susanne Meyer © Jamal Tuschick