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26.03.2022, Jamal Tuschick

Rendezvous mit einer Leiche

Federico Italiano, „Sieben Arten von Weiß“, übersetzt aus dem Italienischen von Raoul Schrott, Jan Wagner, Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, 20,-

Heute befasse ich mich mit dem Gedicht „Die Aufbahrungskammer“.

Der Tod als Spiel der Kindheit

Das lyrische Ich erinnert einen gleichermaßen initiierenden und verbotenen Augenblick in der Camera Ardente - der „Aufbahrungskammer“. Es begegnet zum ersten Mal dem Tod, um ihn schon einmal gesehen zu haben: nach den Gesetzen der erwachsenen Oberwelt, in die es gemächlich aus den Schlingpflanzenparadiesen der kindlichen Unterwelt auftaucht.

Zur Anschauung dient eine Tante als „eingefallenes Etwas“.

Erotische Umschrift

Da ist die Initiation. Das Ritual. Der Abschied als Floskel und beiseite gesprochene Nachrede. Während die Routiniers längst zum gemütlichen Teil übergegangen sind.

Allein mit der Leiche verlangt die Freiheit eine Tat. Die Situation fordert ihre Überschreitung heraus. Die Berührung der Toten liefert einen intimen Moment in der „andächtige(n) Stille des Nachmittags“.

Zum Randgeschehen gehört die erotische Umschrift. Das Ich registriert eine „hautfarbene Strumpfhose … das Plissee des Rocks“ am aufgebahrten Leib. Eros und Thanatos rücken in der Schilderung zusammen, als hätten sie keine Wahl. Nach dem Rendezvous mit einer Leiche könnte man gut und gern der ersten Liebe begegnen.

Aus der Ankündigung

Ein Gedichtband von Federico Italiano, einem „der herausragenden Dichter der zeitgenössischen italienischen Lyrik“.  Jan Wagner

Federico Italiano gehört zu den „stärksten Lyrikern seiner Generation“ (La Repubblica). Seine Gedichte verbinden auf höchst originelle Weise Naturbetrachtung – die Reisfelder seiner Heimat Piemont – mit weltumspannend postmodernen Bildern, in denen exotische Riesenkrabben ebenso auftauchen wie nigerianische Scrabble-Weltmeister. Seine spielerisch elegante Lyrik sucht auch den Dialog mit anderen Poeten, ob man sich mit Ted Hughes zum Kaffee verabredet oder Brodsky ein Postskriptum schreibt. „Sieben Arten von Weiß“ versammelt die schönsten Gedichte von Federico Italiano in der glänzenden Übersetzung von Raoul Schrott und Jan Wagner.

Zum Autor

Federico Italiano, 1976 in Novara geboren, lebt als Lyriker, Übersetzer und Herausgeber in Wien, wo er an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften forscht. An der LMU München ist er Dozent für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Seit 2003 hat er fünf Gedichtbände publiziert. Seine Lyrik wurde u.a. mit dem Tirinnanzi-Preis (2020) ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. Bei Hanser gab er mit Jan Wagner die Anthologie Grand Tour (Reisen durch die junge Lyrik Europas, 2019) heraus, zuletzt erschien der Gedichtband Sieben Arten von Weiß (2022).