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28.03.2022, Jamal Tuschick

Die Geheimnisse einer verlorenen Zeit

Gewöhnlich liest man das ewige Epos „Kin Ping Meh oder Die abenteuerliche Geschichte von Hsi Men und seinen sechs Frauen“ als epochalen Einblick und Kassiber von Geheimnissen einer verlorenen Zeit.

Kin Ping Meh … ist ein in der Spätzeit der Ming-Dynastie entstandener chinesischer Sittenroman, berühmt für seine … pornographischen Passagen. Die Autorschaft ist umstritten.“ Wikipedia

Früher, als Pornografie noch nicht im mobilen Telefon eine ständige Begleiterin war, suchten manche Leute in Romanen nach jenen Stellen, die als Gerüchte kursierten. Solche Personen übersprangen das langweilige Dazwischen, bis vom Sex wieder auf eine prickelnd konkrete Weise die Rede war. So konnte man „Kin Ping Meh“ lesen.

Ich suche andere Stellen, nachdem sich in mir die Vermutung eingenistet hat, dass in der Übersetzung die Signatur des Gong-fu verblasst.  

Brutale Weisheit

Ein Tiger muss sich die härteste Niederlage gefallen lassen, da man ihn mit Fäusten und Tritten eindeckt, bis der Tod eintrifft. 

Eine Hausfrau, „so brav und folgsam wie der Schall des Gongs“, erhebt ihre Stimme wider ihren Gatten an einer langen Tafel. Der Gesellschaft ihrer Verwandten erklärt sie monoman:

„Auf meiner Faust kann man sicher stehen, über meine Brust … kann ein Pferd spazieren.“

„Ich bin doch keine schlappe weiche Kröte.“

„Kin Ping Meh oder Die abenteuerliche Geschichte von Hsi Men und seinen sechs Frauen“, Roman, aus dem Chinesischen von Franz Kuhn, Insel Taschenbuch, 22,-

Auf einem Paukboden des gemeinen Hintersinns

Die Helden „tollen mit den Winden, scherzen mit dem Mondstrahl (und) … pflücken blaue Wunderblumen“.

So viel Poesie verbirgt nicht selten, wenn es denn chinesische Poesie ist, Hinweise auf die Kampfkunst in ihren tausend Auslegungen. Man unterscheidet grundsätzlich zwischen südlichen und nördlichen Stilen.

Tiefe und hohe Stände/Verhaltener Ingrimm

Wie man steht, liegt zutiefst nicht in der Grille eines Meisters begründet, sondern hängt ab von der Beschaffenheit des Bodens. In weglosen Gegenden muss man anders vorgehen als auf befestigten Wegen.

Der Apotheker Hsi Men wirft ein Auge auf die Frau des Pastetenhändlers Wu Ta. Als Tochter eines Schneiders entstammt Goldlotus dem „dienenden Stand“. Deshalb sind ihr „niedrige Beweggründe“ auf allen Wegen erlaubt. Schamlos intrigant lockt sie den Bruder ihres Mannes, der als Wachthauptmann der Präfektur (Yamen) eine übergeordnete Stellung im Gefüge einnimmt, in ihr Haus. Ein Verführungsversuch schlägt fehl. Mit „verhaltenem Ingrimm“ weist Wu Sung die Schwägerin zurück.

Der Offizier ist die Faust des Präfekten. Wie Friedrich Schillers Karl Moor „fühlt er eine Armee in seiner Faust“. Ihm anvertraut wird ein Schatz zur Transferierung in die Kapitale. Der Provinzmandarin verspricht sich von seiner Spende das Wohlwollen des Hofes.

Um auf Hsi Men zurückzukommen. Er nennt zum Beleg seines sanftmütigen Wesens eine Zahl. Eher ließe er sich „vierhundert Mal“ von einer Frau schlagen als auch nur einmal die Hand gegen sie zu erheben. Das klingt nach Zurückhaltung und ist bloß Prahlerei. Hsi Men gibt mit seiner Selbstbeherrschung an.

Jeder Praktizierende weiß, dass die Provokation dem Provokateur dient. Die Kunst besteht darin nicht: zu treffen, sondern darin: nicht getroffen zu werden. Die von Herzen wirkungslose Schläge einer Unberufenen ein- und wegzustecken, erachtet die/der Tapfere aber als kleines Tennis. Nur wenn sich die Gegnerin als Meisterin entpuppt, verdient sie die Ehre, wie eine Edelfrau angesprochen und „mit der Ferse geküsst zu werden“, wie es in der Ode an die Kunst aller Künste heißt.

Wer tugendhaft zu sein vorgibt, darf sich nie auf unfeine Art äußern. Konversation betreibt das Romanpersonal als Florettschule auf einem Paukboden des gemeinen Hintersinns. Die Akteure traktieren sich mit faulen Komplimenten. Sie spitzen sich gegenseitig an.

Man glänzt und pariert in einem endlosen Wortgefecht.

Jede Teestube ist eine Partnerbörse. Verkupplung sind ein geldwertes Steckenpferd der Wirtin Wang.   

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

Der chinesische Kaufmann Hsi Men liebt den Luxus, den Exzess, alle Freuden der körperlichen Liebe – und ganz besonders die Frauen. Das bringt ihm nicht nur Lust, sondern auch seinen völligen Niedergang.

Denn seine fünfte Frau Pan Jinlian, auch Goldener Lotus genannt, versucht, die Kontrolle über seinen gesamten Haushalt inklusive vier weiterer Ehefrauen und einigen Konkubinen zu erlangen und zieht dafür alle Register der Verführungskraft …

Ein sinnlicher Klassiker der Weltliteratur, der nach seinem Erscheinen im 16. Jahrhundert fast sofort auf dem Index der verbotenen Schriften gesetzt wurde, sich seitdem aber ununterbrochen einer großen, weltweiten Leserschaft erfreute und auch heute, 600 Jahre später, nichts von seiner erotischen Strahlkraft und prallen Lebenslust verloren hat.