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30.03.2022, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Die Pilze vom Fuchstanz

Eine Großproduktion könnte so losgehen: vor einem Nachthimmel, den ein Lichtfries begrenzt. Der Fries verliert sein Geheimnis als Scheinwerferfräse. Karolin kommt in der funkelnagelneuen Outdoor-Multifunktionskluft mit Pilzen vom Fuchstanz.

„Der Fuchstanz ist ein Pass im Taunus … zwischen dem Kleinen Feldberg und dem Altkönig.“ Wikipedia

Angeknallt präsentiert Karolin nicht zuletzt ihrer stärksten Nebenbuhlerin Marie die Strecke in Tillmanns Küche. Sie arrangiert und erwägt die Gültigkeit des Arrangements. Sie spielt mit einem Fruchtkörper. Sie befriemelt Hut und Stiel in animatorischer Absicht.

Karolin teilt die Trama mit dem Taschenmesser und inszeniert den Schnitt als Akt zwischen Gewalt und Hochamt.

Sie riecht, schmeckt, gurgelt, proustet und murmelt. Da kostet eine das Leben aus. Gesteigertes Dasein erzeugt Erlebnisstürme bis in die Kapillaren. Jedes Schnitzgeräusch kommt als Notiz in Tillmanns Moleskine. Er ist Karolins Eckermann, ein schreibender Mitläufer und Nachfolger, mit dem Fehler, dass ihm alles gehört, so wie die Wohnung (bekannt als das Museum), in der sich Karolin nach Kräften ausbreitet und wichtig macht, um Marie zurückzudrängen, so wie sie bereits Paula aus dem Feld zu schlagen wusste. Paula haust im Keller, Tillmann hält seine schützende Hand immer noch über sie, während die interessierte Hand, the curious hand, momentan an der Magdeburgerin Marie klebt, die Oldschool Gothic und Sozialarbeit, Yoga und Gewichtheben, Polyamorie und Eifersucht gleichermaßen bretthart und flow-weich unter einen Hut bringt.  

„Man Sao ist die neugierige, fragende suchende Hand, Wu Sao die sichernde Hand.“ (Puma Park, Chefinstrukteurin des Frauenrevolutionsrats im Fachbereich Nordend)

Marie navigiert Tillmanns Hand, die in einem Prozess magnetischer Anhaftung validiert. Wann hat es das je zuvor gegeben? Eine erotische Diffusion in dieser Spielart? Die Frage beschäftigt Tillmann mehr als Maries Rücken. Die Kurzstrecke zur Gedankenverfertigung im Gehen vergleicht Tillmann still mit den Brevierrouten der Pfarrer als einer Einübungsroutine. Sich selbst gegenüber deutet er Gewinne aus Litanei und Monotonie. Seine François Mauriac und Julien Green streifende Einlassung ergibt ein kunstgewerbliches Passepartout.

Besorgt verfolgt Marie die Abschweifung. So schnell wie möglich geht sie wieder auf Tuchfühlung; einen Dorn Karolin ins Auge pflanzend. Die Wessi soll nicht glauben, dass sich Marie mit Stupid Force-Manövern ins Bockshorn jagen lässt. Sie setzt der nicht allein strategischen Freundlichkeit eine Prise Abschätzigkeit zu. Das kann nie schaden.

Karolin fegt die Pilze vom Tisch in eine Schale und wünscht sich die Mauer zurück. Marie lacht sich ins Fäustchen.

The Irish Women’s Council

Beinah noch halbwüchsige Spiele-Entwicklerinnen machen die Nacht zum Tag im Treppenhaus. Jeanne, Diana und Marylin wohnen in Clubmöbeln; in kastanienbraunem, mit Goldknöpfen und Wappen appliziertem, jede Bewegung kommentierendem Leder - zwischen Kassetten aus Kirschholz. Jaennes Großtanten waren in Cumann na mBan organisiert, ihr nach dem Osteraufstand von 1916 hingerichteter Urgroßvater hatte gemeinsam mit John MacBride im Burenkrieg gegen die britische Armee gekämpft.

Ist das nicht aufregend!? Sinn Féin & Design im Pigtail-Revanche-Style. Dazu bald mehr.