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31.03.2022, Jamal Tuschick

Julia Meyn - für DROEMER - im Gespräch mit David Spencer

Pop Science zum Thema Ernährung Alles bio - logisch?!

Die Superkräfte der Pflanzen nutzen, klimafreundliches Gemüse essen und die Welt retten. Unterhaltsames Wissen von dem gefragten Biologen und Science-Slammer.

Am 01. April 2022 veröffentlicht David Spencer sein Buch Alles bio - logisch?! im DROEMER Verlag. Pop Science zum Thema Ernährung – ein wissenschaftlicher Streifzug durch das Gemüsefach. David Spencer lädt mit seinem Sachbuch dazu ein, die wunderbare Welt der Pflanzen zu entdecken und die faszinierenden und vielfältigen Seiten unseres alltäglichen Obsts und Gemüses kennenzulernen.

Lesen Sie im Folgenden Auszüge aus Julia Meyns Interview mit David Spencer. Das vollständige Gespräch finden Sie hier.

Braucht es denn heute "Science-Slammer", um die Menschen für Wissenschaften wie die Biologie zu interessieren?

Absolut. Wir erleben es immer wieder bei Veranstaltungen, dass Zuschauende zum ersten Mal mit Forschungsergebnissen in Kontakt kommen und viele, interessierte Rückfragen stellen. Natürlich kann das Interesse an den Wissenschaften auch anderswo geweckt werden – aber wann hat man schon mal die Chance, sich bei einem kühlen Getränk mit "echten" Wissenschaftler:innen zu unterhalten?

Warum hast Du dieses Buch geschrieben?

Forschende müssen sich angesichts der globalen Herausforderungen im 21. Jahrhundert vielen, gesellschaftlichen Fragen stellen und Lösungsansätze liefern. Das ist keine leichte Aufgabe, zumal der öffentliche Stellenwert der Wissenschaft als solche immer wieder heiß diskutiert wird. "Wie politisch darf Wissenschaft sein?" steht der Frage "Wie unwissenschaftlich darf Politik sein?" gegenüber. Dazu kommt die zunehmende Präsenz von Forschungsergebnissen in den Medien, die sich immer wieder in Simplifizierungen, Pauschalisierungen oder False Balance verläuft. Mit "Alles bio – logisch?!" habe ich versucht, meine Faszination für die Pflanzenforschung in ein niedrigschwelliges Format zu bringen, in dem sich jede und jeder wiederfinden kann. Die Bestrebungen nach mehr Nachhaltigkeit, pflanzen-basierter Ernährung und ebenso auf nachwachsenden Rohstoffen beruhenden Wirtschaftsformen sind wichtige Schritte im Kampf gegen die Klimakrise. Trotzdem müssen wir mit Mut einen Wandel anstoßen, der für uns alle nicht einfach wird. Dieses Buch soll demnach Denkanstöße für eine nachhaltigere Lebensweise anbieten, die auf der Basis wissenschaftlicher Evidenz nicht nur messbar wird – sondern sogar Spaß machen kann. 

Wer sollte Dein Buch lesen?

Wer sich seiner ganz persönlichen Verantwortung für die Endlichkeit der planetaren Ressourcen bewusst ist, hat sicherlich Gefallen an meinem Buch. Aber auch wer einfach gerne in der fantastischen Welt der Wissenschaft stöbert, alternative Ernährungsformen feiert, Pflanzen-Fakten spannend findet oder nachhaltiger leben möchte, wird sich hier wiederfinden. Nicht zuletzt richtet sich das Buch ganz bewusst an die (hoffentlich) mutigen Entscheidungstragenden der Gegenwart und Zukunft, ohne die wissenschaftliche Errungenschaften wohl für immer im Labor bleiben würden. 

Du erwähnst in Deinem Buch, dass sich der Mensch von nur 30 Pflanzen ernährt, dabei stehen ihm sogar 30.000 zur Verfügung. Warum wissen wir so wenig über diese Pflanzen?

Zunächst einmal essen wir natürlich ALLE Pflanzen in mehr oder weniger erkennbarer Form. Tierische Produkte bedürfen pflanzliches Futter, und wiederum andere (verarbeitete) Produkte enthalten ausnahmslos pflanzliche Zusätze. Das ist uns oft ebenso wenig bewusst, wie die schier unerschöpfliche Quelle essbarer Pflanzen, die es noch zu ergründen gilt. Die Züchtungsgeschichte hat erbracht, das bloß eine Handvoll Kulturpflanzen unsere gesamte Ernährung bestimmen, während andere nicht kultiviert und zu nennenswerten Erträgen gebracht wurden. Erst mit den technischen Möglichkeiten der letzten Jahrzehnte haben wir die Werkzeuge zur Hand, um in diesen genetischen (und geschmacklichen) Schätzen nach alternativen Nahrungsquellen zu forschen und so die Biodiversität auf dem Acker – und auf unseren Tellern! – zu erhöhen.

Was ist eigentlich "grüne Gentechnik" und was ist das Gute daran?

Die grüne Gentechnik nutzt molekularbiologische Methoden, um gezielt Erbinformationen in Pflanzen zu aktivieren, auszuschalten oder einzubringen. Damit gehört sie wie die klassische Kreuzung zu den Züchtungsmethoden, ist jedoch deutlich zielgerichteter und schneller. Wenn wir unser Obst und Gemüse an die Veränderungen in unserer Umwelt anpassen wollen, müssen Pflanzenzüchter bald neue Sorten erfinden, die z.B. besser mit Trockenheit oder erhöhtem Schädlingsbefall zurechtkommen. Die grüne Gentechnik wird von einem Großteil der Deutschen abgelehnt, ist aber bei genauerem Hinsehen eine zukunftsweisende Technologie, die zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft beitragen kann. Pflanzen, die sich selbst durch genetische Superkräfte versorgen und verteidigen können, benötigen weniger Dünge- bzw. Pflanzenschutzmittel und könnten damit ein wichtiger Baustein in der Zukunft der Pflanzenproduktion sein.

Warum haben Menschen in klimagebeutelten Regionen einen anderen Bezug zu Pflanzenschutzmitteln?

Als Importnation haben wir es in gewisser Weise verlernt, uns selbst zu genügen. Selbst im verheerenden Dürrejahr 2018, in dem viele deutsche Betriebe Missernten verzeichneten, haben wir Verbrauchenden davon kaum etwas gespürt. Knappe Lebensmittel wurden schlicht aus dem Ausland zugekauft. In anderen Ländern ist das nicht so. Gerade die ärmeren und klimagebeutelten Gebiete der Erde sind oft stärker von ihrer eigenen Agrarproduktion abhängig und eine Sicherung der Erntemengen ist hier essenziell im Kampf gegen den Hunger. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass hierzulande der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln eher als "unnötig" oder "unökologisch" bewertet wird, während er in anderen Erdteilen schlicht zur Existenzsicherung dient (unabhängig davon, wie ungesund oder umweltschädigend dies auch oft sein mag).

Warum ist Landwirtschaft in ihren aktuellen Ausmaßen und in ihrer aktuellen Form schlecht für unser Klima?

Überkonsum und Preisverfall kombiniert mit einer stetig wachsenden Bevölkerung haben u. a. dafür gesorgt, dass die landwirtschaftliche Fläche enorm angestiegen ist. Wo die bereits genutzte Fläche nicht ausreichte, haben wir vielfach Habitate in Agrarlandschaften verwandelt, Moore entwässert oder Wälder gerodet. Man muss kein Pflanzenforscher sein, um die Folgen dieses sog. Landnutzungswandels zu ahnen, die wir bereits sehen. Durch das "Aufbrechen" der Fläche, sowie durch den hohen Energiebedarf der industriellen Nahrungsmittelproduktion, wird etwa ein Viertel der Treibhausgasemissionen verursacht. Außerdem ist der monokulturelle Anbau mit Hilfe großer Maschinen ein sich selbst verstärkendes Phänomen: Je mehr Energieaufwand, desto mehr Klimagase; je mehr Klimagase, desto schneller die Erwärmung – und die damit verbundenen Probleme. So ist Landwirtschaft heute Treiber und zugleich Opfer der Klimakatastrophe. Höchste Zeit, auch hier Veränderung zu propagieren.

Welchen einfachen aber entscheidenden "Planetenretter"-Tipp hast Du für unerfahrene Neulinge auf dem "Kraut-Sektor"?

Hinterfragt nicht nur die Tierprodukte, sondern eben auch die pflanzlichen Zutaten auf eurem Speiseplan. Wo kommt das her? Was heißt eigentlich "Bio“? Hat das überhaupt gerade Saison? So werdet ihr automatisch – ganz "natürlich" – zu echten Pflanzenforschern.