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02.04.2022, Jamal Tuschick

Aufregendes Schulterzucken

Eine Kündigung fällt so rabiat aus, dass dem Gekündigten eine selbstständige Räumung des Büros verwehrt wird. Zur letzten Sichtung bestellt man Roswitha, die eher zufällig etwas mehr über den geschassten Kollegen weiß. Sie war zwei Mal mit Sascha aus. Die Begegnungen bestätigten Saschas Ruf als „Sonderling“. Jetzt entdeckt Roswitha, dass der auf der ganzen Linie Durchgefallene ihr winzige Beträge aus der Kaffeekasse gestohlen und darüber Buch geführt hat.

Daniel Wisser, „Die erfundene Frau“, Erzählungen, Luchterhand, 22,-

Das ist schon fast die ganze Geschichte. Sie erzeugt die Ratlosigkeit und das Erstaunen, dass sich stets einstellt, wenn etwas auf rätselhafte Weise resonanzlos bleibt. Vergeblich erwartet der Werfer das Ankunftsgeräusch der Münze auf dem Schachtboden. Alle Koordinaten sprechen gegen die Erfahrung, die er gerade macht. Man könnte jetzt mit der Schwerkraft anfangen, MC Escher-Paradoxien hochleben lassen. Nur wäre man dann weit von den subversiv-lapidaren Auflösungen entfernt, die Wisser wählt.

Fiktive Untreue

Eine Frau verliert ihren Job und gerät ins Trudeln. Die in der Häuslichkeit gestrandete Arbeitslose unterstellt dem solide beschäftigten Gatten Karl ein Verhältnis. Das ist die Konstellation in „Silvia“. Ilona knetet und walzt das Sujet der fiktive Untreue so lange, bis Karl eine Geliebte erfindet und sie auf den Namen Silvia Böhmert tauft. Jener Silvia Böhmert schickt Ilona eine Doktor-Sommer-Mail unter allen möglichen Adressen. U.a. versucht sie es mit silvia.boehmert@gmx.at und boehmert@gmail.com.  

Die Erfundene gibt dem Band den Titel. Sie ist vielmehr ein Produkt der Langeweile als der Eifersucht. Betrachtet man die schwachen Aufwallungen und geringen Amplituden im Ehestreit, erkennt man leicht, dass diese Partner einander für ihre Frustrationen nicht brauchen. Sie sind einander fremd geblieben und zutraulich geworden in der Sphäre des stabilen Abstands. Karls Ironie bietet keinen Vorsprung und keine Absicherung vor Ilonas Seitensprung-Erzählung. Die Wahrheit scheint keine größere Kraft zu besitzen als die Erfindung. Es stellt sich die Frage, ob die erfundene Frau nicht bestens zu den Leerstellen passt, die Karls einzige Freiräume sind.

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Man kann Wissers Geschichten so summarisch erleben wie einen Schaufensterbummel mit Einkehrunterbrechungen. Man klappert Ecken ab, trinkt hier und da dies und das, und hört dabei den Leuten zu, die an anderen Tischen nicht weiterwissen.

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Die verheerende Diagnose seiner Frau Linda zwingt Michael in einen engen Rahmen. Er beendet die sexuelle Abstinenzspanne von zwei Jahren in einem Bordell. Das Erlebnis erhöht Michaels Sterbebegleitungslebhaftigkeit. Die karibische Herkunft einer Sexarbeiterin mutiert in einem pervers-paradoxen Prozess zum Treiber einer Sehnsuchtssimulation in tropischen Farben. 

Einem Chabrol der Gegenwart könnte Wisser die Drehbücher liefern. Eine in jeder Hinsicht unzufriedene Frau erinnert sich am Ende einer Party, nun allein mit der Gastgeberin, wie unterschiedlich sie ihre Mutterschaften erlebte. Bei dem Erstgeborenen kam nie die Nähe auf, die bei der Zweitgeborenen sofort zum Elixier wurde. Rita beschleunigte ahnungslos den Sexdrive ihrer Eltern. Ehemann Hermann artikulierte ein mächtiges Bedürfnis.

„Er bat mich, dass er, wenn ich Rita abstillte, täglich von meiner Brust trinken dürfe. Er habe Angst, krank zu sein, aber die Wahrheit sei nun einmal, dass er noch nie zuvor eine solche Anziehung verspürt habe. Natürlich tat ich es. Ich wollte es ja selbst.“

In der Gegenwart der Zwiesprache ist die Erzählerin schon lange von Hermann geschieden. Sie will ihn aber zurück, obwohl er ihren ehelichen Sex jahrelang in einer aufwendigen Inszenierung mit der Kinderfrau verbaute. Vielleicht gehe ich zu weit, wenn ich sage, dass in Ettas memorierender Wahrnehmung Hermanns Perversionen einen familiären Duktus bekommen haben.

Antonia und David kennen sich erst seit drei Monaten; noch waltet die Höflichkeit unter Fremden an allen Enden einer in Frage gestellten Unverbindlichkeit. Entsprechend sind die Anfragen.

Noch stört wenig. Allein, dass Antonia den Namen ihren vor einem Jahr aufgegebenen „Noch-Ehemann“ amerikanisch ausspricht, obwohl Patrick aus Kaltenleutgeben stammt, engt Davids Bereitschaft ein, emotional Gas zu geben. Nach einer Nacht, die als Generalprobe für den nächsten Festigungsgrad der Beziehung ein voller Erfolg war, erlaubt Antonia dem Neuen zum ersten Mal länger als sie in ihrer Wohnung zu bleiben. Generös erklärt sie:   

„Wenn du gehst, ziehst du die Tür einfach zu!“

David findet das praktisch, er schläft noch mal ein, bevor er sich mit Freuds Traumdeutungen auf dem Klo einrichtet. Da schließt jemand die Tür auf.  

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

Daniel Wisser erzählt zweiundzwanzig lakonische Geschichten über das ganz alltägliche Fiasko von Liebe und Sexualität: Sie handeln vom Reiz des Imaginierten, desaströsen Wochenenden und dem Drama der Dating-Portale, von Fetischisten und Neurotikern, von der Liebe der Hundertjährigen, der Scham der Pubertät und verpassten Augenblicken. Sie erzählen vom Anfang der Liebe und von ihrem Ende – und dass manchmal nicht mehr bleibt als ein toter Hund in einer Louis-Vuitton-Tasche. Sie zeigen ihre Figuren beim immer wieder scheiternden Versuch, nicht zu scheitern, gönnen ihnen keine Erlösung und sind gerade deshalb von großer Menschlichkeit.

»›Die erfundene Frau‹ von Daniel Wisser ist in ihrer ganzen Spießigkeit schräg, verrückt und wahrhaftig. Geradezu herzenswarm beschreibt Daniel Wisser seine Paare in kurzen Sätzen. Man vergisst sie nicht, manchmal liegen sie bei mir im Bett.« Monika Helfer (28. Februar 2022)

Daniel Wisser, 1971 in Klagenfurt geboren, schreibt Prosa, Gedichte, Songtexte. 1994 Mitbegründer des Ersten Wiener Heimorgelorchesters, zuletzt erschien das Album »Die Letten werden die Esten sein«. 2018 für den Roman »Königin der Berge« mit dem Österreichischen Buchpreis und dem Johann-Beer-Preis ausgezeichnet. »Wir bleiben noch« ist Daniel Wissers fünfter Roman. Er lebt in Wien.