MenuMENU

zurück zu Main Labor

05.04.2022, Jamal Tuschick

Ein Buch, ein Rezensent, zwei Besprechungen

Poverella

„Tage des Verlassenwerdens“ entstand vor jenem vierbändigen Zyklus, der Elena Ferrante berühmt gemacht hat. Heldin des Vorläuferwerks ist eine mit einem Ingenieur verheiratete Schriftstellerin. Olga weiß lange, „wie man einen Mann hält“. In ihrer volkstümlich-neapolitanischen Kindheit und Jugend zählte dieses Wissen zum weiblichen Kapital. Ein Limes des Glücks trennte die Ehefesten von den Geschiedenen. Eine Poverella verdiente Mitleid und Verachtung. Sie sah sich gezwungen, öffentlich eine klägliche Rolle zu spielen. Sie grämte sich (laut)malerisch und erschien schon deshalb lächerlich.

Panoptikum in der Geisterbahn

In der frühen Handlungsgegenwart lebt Olga in Turin. Sie verzichtet darauf, ihrem literarischen Ehrgeiz zu genügen. Das Regime der schwindenden Kräfte hat sie schon am Haken. Wahrnehmen lässt sie sich als Ehefrau und Mutter. Zum Haushalt gehört ein läppischer Schäferhund namens Otto. 

Elena Ferrante, „Tage des Verlassenwerdens,“ aus dem Italienischen von Anja Nattefort, Suhrkamp, 253 Seiten, 22,-

Olga verkörpert eine Daseinsform der Distanz zu den „männlichen Spielen“ (Pierre Bourdieu). Sie verzeiht Mario die Kapitalisierung maskuliner Freiheitsgewinne. Dazu gehört eine verbotene erotische Tuchfühlung von der Art, wie sie James Joyce in „Giacomo Joyce“ breit ausführt, übrigens im Verhältnis zu einer Tochter von Ettore Schmitz aka Italo Svevo:

„Mia padre: she does the simplest acts with distinction. Unde derivatur? Mia figlia ha una grandissima ammirazione per il suo maestro inglese. The old man's face, handsome, flushed, with strongly Jewish features and long white whiskers, turns towards me as we walk down the hill together. O! Perfectly said: courtesy, benevolence, curiosity, trust, suspicion, naturalness, helplessness of age, confidence, frankness, urbanity, sincerity, warning, pathos, compassion: a perfect blend. Iganatius Loyola, make haste to help me!“

Vom Gelingen ist im Roman nur kurz die Rede. Mario verlässt seine Frau nach fünfzehn Ehejahren ohne Vortrag. Er tickt nicht einfach aus. Vielmehr folgt die Trennung einem perfiden Plan. Lug und Trug bestimmen Marios Verhalten seit Jahren. 

Olgas seelische Struktur kollabiert. Das ist eine Einsicht, die der Leser gemeinsam mit der Verlassenen auf ihrem Weg zur Poverella gewinnt. 

Olga verliert ihre Orientierung. Sie verzichtet auf die Tröstungen „einer eleganten Ausdrucksweise“. 

„Ich begann mich zu verändern.“

Das lange unterdrückte Slum-Repertoire einer neapolitanischen Herkunft verschafft sich Geltung. Die mit Obszönitäten prahlenden Furien aus Olgas Kindheitsnachbarschaft machen aus der inneren Bühne einer Kultivierten ein Panoptikum in der Geisterbahn. Olga kehrt innerlich heim. Wer je in Neapel war, weiß wie konzis sich da das Volkstümliche in allen Pfützen spiegelt:

„Sobald ich den Mund aufmachte, spürte ich das Verlangen, Mario und seine Schlampe zu verspotten.“  

Zur Sakralisierung ihres Ehefrauenstatus kommt Olga auf „Abstammungslinien“ zu sprechen. Dies im Zusammenhang mit Ohrringen, die sie an Marios fast noch jugendlichen Geliebten entdeckt.  Olga will „der dreckigen Hure … das Erbe der Vorfahren meines Mannes“ aus den Ohren reißen. Ihre rabiaten Reaktionen überwinden den Wall der Häme. Doch dann erlischt das Wutlicht und gibt der Tristesse den Weg frei. Olga eilt in der häuslichsten Verfassung durchs Treppenhaus, um sich den verstimmten Musiker Carrano zur Brust zu nehmen und an den Hals zu schmeißen.

Das Elend einer Frau am vorübergehenden Ende von allem: Elena Ferrante trifft die Zwischentöne in schwierigsten Lagen. Olga empfängt den junggesellig alternden Streicher und empfindet noch nicht einmal #Siegmundfreudloselust.

© Jamal Tuschick

Zweiter Durchgang

Die Relevanz einer gestrichenen Fußnote

Während ihrer ersten Schwangerschaft schreibt Olga eine Erzählung, für die sie sofort einen Verlag findet. Dann stockt die Produktion und die Debütantin verkümmert zu einer Nebelfigur des Literaturbetriebs; mit der Relevanz einer gestrichenen Fußnote.

Es ist ein Überfall. Mario bricht den Frieden zur Mittagszeit, um seine häusliche Gemeinschaft aufzukündigen. In dem Hinterhalt eines der Beiläufigkeit vorbehaltenen Augenblicks verkündet und vollzieht er die Trennung von seiner Frau Olga nach fünfzehn Ehejahren wie in einem Atemzug. Er nimmt nichts mit und versäumt es, sich von seinen Kindern zu verabschieden. 

Eher ratlos als verzweifelt lässt Olga die gemeinsamen Jahre mit Mario Revue passieren. Sie kartografiert die Verwerfungslinien.

Im Präsens der Erinnerungen

Olga, Tochter einer neapolitanischen Schneidermeisterin, wächst in einer lauten und ruppig diskutierenden Familie auf. Zu den Säulen ihrer erwachsenen Selbstbestimmung gehört die Ablehnung greller Aushandlungen. Muss sie sich kontrovers auseinandersetzen, verlangt Olga von sich und anderen einen gediegenen Duktus. Auch Mario legt Wert auf besonnenes Verhalten. Das Paar zieht durch die Welt, es lebt in Kanada, Spanien und Griechenland. Während ihrer ersten Schwangerschaft schreibt Olga, offenbar nun wieder in Italien, eine Erzählung, für die sie sofort einen Verlag findet. Dann stockt die Produktion und die Debütantin verkümmert zu einer Nebelfigur des Literaturbetriebs; mit der Relevanz einer gestrichenen Fußnote.

Olga und Mario etablieren sich in Turin. Die Ehe bewährt sich, als in dem freundschaftlichen Geflecht, das Olga und Mario mit einer Witwe verbindet, deren Tochter an ihrer Mutter vorbei in den inneren Kreis eindringt. Mario gibt der fünfzehnjährigen Carla Nachhilfeunterricht. Bei ihren Hausbesuchen macht die Schülerin dem Gastgeber Avancen. Der Verehrte kann sich erst einmal nicht dazu durchringen, die Reißleine zu ziehen. Olga beobachtet, wie Mario die Schutzbefohlene auf den Mund küsst.

„Wir haben darüber geredet, ganz in Ruhe. Ich verabscheute schneidende Stimmen und schroffe Gesten.“

Trotzdem bleibt Mario seiner Frau eine klärende Antwort schuldig. Er kommt nicht aus dem Knick, bis zu einer angeblich vollständigen Auflösung der zweifelhaften Beziehung. Olga registriert (allerdings nur in ihrer Einbildung), wie Mario innerlich zu ihr zurückkehrt und fühlt sich in ihren Einschätzungen und Gewissheiten bestätigt. 

Erbarmungsloser Gleichmut

Im Jetzt der Trennung (um das Jahr 2000) begreift Olga, dass die Sache nie vom Tisch war. Mario hat sie de facto bereits vor fünf Jahren verlassen, um bei der zwanzig Jahre jüngeren Carla noch einmal Feuer zu fangen. Das haut Olga aus den Schuhen. Sie verliert ihre Reserve, die schöne Haltung einer „guten Frau“, deren vorzeichenlose Sexualität für Mario einst äußerst reizvoll war. Schmerzlich erinnert sich Olga daran, wie Mario ihre Bereitschaft begrüßte, die männliche Begierde willkommen zu heißen. Sie verrechnet das eigene Programm mit sexuellen Unterstellungen und gerät so in eine seelische Abwärtsspirale.

Als Verlassene verliert Olga die Kontrolle über ihr Leben. Mario absolviert sein postfamiliäres Pensum mit „erbarmungslosem Gleichmut“. Kommt er zu Besuch, „verschwindet er sofort im Zimmer (seiner Kinder) Gianni und Ilaria und (bleibt) bei ihnen, bis sie eingeschlafen (sind)“. Seine Unzugänglichkeit soll Olga helfen, sich von ihm zu lösen. Mario provoziert Olgas Ablehnung.

Die Warnung in der Pelle des Mitgefühls

Man erfährt das wie aus einer fiebrigen Flüsterpost; als gehöre man zur Familie und habe einen erstrangigen Anspruch auf die beste Aussicht in den kochenden Abgrund aus Verrat, Verzweiflung und unerwiderter Liebe. Olga muss sich förmlich die Ohren zuhalten, um nicht ständig zu hören, was ihre Mutter einst an schlichten neapolitanischen Weisheiten in der Gesellschaft ihrer Gesellinnen zum Besten gab über Frauen, die ihre Männer nicht zu halten wussten und dabei ihren Namen verloren, weil alle nur noch von der Ärmsten redeten. In dem Geschwätz tarnte sich die Warnung als Mitgefühl.

„Was passiert, wenn man voller Liebe ist, aber nicht mehr geliebt wird, nichts mehr hat. Die Frau verlor alles, auch ihren Namen (vielleicht hieß sie Emilia), sie wurde für alle la poverella, die Ärmste, und auch wir Kinder nannten sie nur noch so, wenn wir über sie redeten.“  

Schreiender Verrat

Eines Tages begegnet Olga dem Paar, das Mario mit Carla verkörpert. Die junge Frau trägt Ohrringe, die fünfzehn Jahre Kleinode in Olgas Kollektion waren. Ihre gemeinsame Tochter sollte die aus dem Erbe von Marios Großmutter stammenden Schmuckstücke in die Zukunft tragen.

Der Anblick zerreißt die Verlassene. Sie wirft sich auf den Mann, sie schlägt auf ihn ein, aufgestachelt von der Erkenntnis, dass Mario die Fünfzehnjährige von Damals zu keiner Stunde aufgegeben hat. Der eheliche Sex diente der Beschwichtigung. Er gehörte zu den Ablenkungsmanövern, mit denen Mario seine Absicht verbarg, Carlas Volljährigkeit abzuwarten und bis dahin den Schein zu wahren. Olga tarnte als vorzeigbare Gattin ahnungslos ein Verbrechen.

Im nächsten Durchgang verführt Olga ihren Nachbarn Aldo. Sie nötigt dem „depressiven Musiker“ Beteuerungen ab, die in dem Resonanzraum seiner Kläglichkeit lächerlich klingen. Ein von jeher alleinstehender, von umfassender Unzulänglichkeit gedemütigter Mann spielt den Lückenbüßer. Er verschafft Olga „freudlose Lust“.  

Aus der Ankündigung

Olga ist achtunddreißig und verheiratet, sie hat zwei Kinder, eine schöne Wohnung in Turin und ein Leben, das solide auf familiären Gewissheiten und kleinen Ritualen ruht. Seit fünfzehn Jahren führt sie eine glückliche Ehe. Zumindest denkt sie das. Bis ein einziger Satz alles zerstört. Der Mann, mit dem sie alt zu werden hoffte, ihr geliebter Mario, will nichts mehr von ihr wissen, er hat eine Andere, eine zwanzig Jahre Jüngere. Alleingelassen mit den Kindern und dem Hund, fällt Olga in einen dunklen Abgrund, dessen Existenz sie vorher nicht einmal hat erahnen können.

Was geht in einer Frau vor, die plötzlich vor den Trümmern ihrer Ehe steht? Einer Frau, die sich immer für ausgeglichen, stark und selbstbewusst gehalten hat? Elena Ferrante erzählt uns eine ganz alltägliche Geschichte als wortgewaltige Tragödie – davon, wie es ist, bei glasklarem Verstand in den Wahnsinn abzurutschen.

Zur Autorin

Elena Ferrante hat sich mit dem Erscheinen ihres Debütromans im Jahr 1992 für die Anonymität entschieden. Ihre vierbändige Neapolitanische Saga – bestehend aus Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Namens, Die Geschichte der getrennten Wege und Die Geschichte des verlorenen Kindes – ist ein weltweiter Bestseller. Zuletzt erschienen im Suhrkamp Verlag auch Ferrantes frühere Romane Lästige Liebe, Tage des Verlassenwerdens und Frau im Dunkeln, sowie der Band Frantumaglia, der Briefe, Aufsätze und Interviews versammelt.