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06.04.2022, Jamal Tuschick

Joker für Janis

„Je größer der Schock, desto verzögerter die Reaktion.“  

Eine Frau wird schwanger. Zwei Männer kommen als Erzeuger in Frage. Nur einer kann zudem in der Vaterrolle sein Repertoire erweitern. Zumindest geht so die Rechnung des einen auf. Ben entzieht sich, bevor er seine Verdrängung nicht mehr als einen Mix aus Indolenz und Souveränität kaschieren kann.

Ben kratzt die Kurve. Er wähnt sich chancenlos in Anbetracht der Bündnistreue, die Pia mit Vinz verbindet, und der Durchsetzungskraft des anderen. Selbst als biologischer Vater wäre er in dieser Konstellation in keinem natürlichen Vorteil.

Ben entzieht sich dem Druck. Pia verspricht er ein Wiedersehen in sieben Jahren.   

Marie-Alice Schultz, Der halbe Apfel, Roman, FVA, 22,-

Die Frist ist verstrichen. Ben kreuzt bei Pia, Vinz und Janis auf. Keine Frage, das Kind, das Papa zu Vinz sagt, wurde von Ben gezeugt. Trotzdem ist er bestenfalls „ein Joker (für Janis); eine Erweiterung. Nichts, worauf man dauerhaft setzen kann“.

*

Der Aufriss skizziert die Figurenanordnung. Der Romantitel geht auf jene Fruchthälfte zurück, die nach dem Tod von Marie-Alice Schultzens französischer Mutter gesichert wurde. Der Tod kam dem Verzehr zuvor. Die Autorin mischt in der aktivistisch gerahmten Vornamenwelt von Pia … als Marie-Alice mit.

Vinz könnte auch Felix oder Cem heißen. Marie-Alice dient er als Gewährsperson. Er hält sie via Skype auf dem Laufenden. Die von Marie-Alice in Hamburg geschaffene Romanrealität bildet eine Metaebene zum Wiener Alltag der Akteure. Zu den Aktionen passt ein Bild, das ich eben in Katharina Angels Werk „Morgen wird Sex wieder gut“ fand. Angel schildert die psychische Arabeske eines riskanten sozialen Manövers als „dissoziatives Flackern“. Sie erkennt stolpernde und schlingernde „Register- und Gangartwechsel“. Besser lässt sich nicht sagen, was Bens schleichende Invasion bei den Festgefügten auslöst.

Zu den Rivalen

Vinz macht richtige Dinge. Er repariert Maschinen und zieht Bauprojekte durch. Ben schreibt. Vinz wohnt in seinen eigenen Verhältnissen. Ben überspielt seine Obdachlosigkeit. Vinz sieht bei der Verwandtschaft weitläufig nach dem Rechten. Ben scheitert bereits an der Selbstversorgung.

Heilige Hosen

Vinz charakterisiert ein libidinöses Verhältnis zu seinen Hosen. Pia flickt die Fetische. Brotberuflich rührt die Malerin Brotaufstriche in einem Bioladen an. So trägt Pia die Peanuts für ihre Passion zusammen.

Einmal erscheint sie ihrer Beobachterin Marie-Alice als „Verwunschene“.

*

Pia spürt in Bens Fingern „keine Spannung … kein(en) Wille in den Fasern, nur lasche Materie“.

Vinz weiß viel mehr über Ben als Ben über ihn. Sein Wissen hat Vinz von Janis, der seinen biologischen Vater ahnungslos ausplaudert. Der genetisch sprudelnde Informationsquell bleibt von den Chancen der Selbstverwertung ausgeschlossen. Janis erkundet den fremden Vater wie irgendeinen Ben. Seine Gewissheiten ergeben sich in jenem vertrauten Dreieck, das Ben von jeher ausschließt.

Marie-Alice beschreibt eigene Einschluss- und Ausschlusserfahrungen. Ihre extravagante und blitzgescheite Mutter inkludierte die Tochter nicht, sobald es um ihre kulturelle Identität ging. Sie ordnete Marie-Alice dem deutschen Vater zu. Sie setzte Vater und Tochter gemeinsam herab, setzte sich ab, „sur un coup de tête“, und bewimpelte ihre Separationen.

„Ihr seht aus wie Clochards.“

Die Mutter individualisierte sich auch mit einer exklusiven Duftnote. Sie favorisierte Anaïs Anaïs von Cacharel.

„Meine Mutter beträufelte sich zu besonderen Anlässen damit.“

„Die Marke Cacharel wurde in den 1970er Jahren von Jean Bousquet gegründet … Anaïs Anaïs (ist eine Kreation von) Paul Léger, Raymond Chaillan, Robert Gonnon und Roger Pellegrino.“ Wikipedia

Zwischennutzung

Marie-Alice spielt mit Varianten. Sie lässt Ben bei Pia aufrücken. Plötzlich steht Pia vor der Tür der Autorin und zeigt sich so fordernd wie nie zuvor.

In Hamburg lackiert sich Pia die Nägel.

„Erst jetzt bemerke ich ihren hellblauen Nagellack. In Wien hat Pia nie welchen getragen.“

Sie genießt Junk im Bett. Pia behauptet, in Hamburg „mehr Raum im Kopf“ als in Wien zu haben. Vielleicht lebt sie gerade den Roman, den Marie-Alice aus Pias vierstöckigem Dasein destillieren möchte. Vielleicht spürt Pia der Ungezwungenheit nach, die Ben in den letzten Jahren (vermutlich) genoss.

Alle wechseln den Platz. Marie-Alice übt sich in der „Zwischennutzung“ einer Wohnung, deren Besitzerin in Bern festsitzt.    

Aus der Ankündigung

Es kommt vor, dass jemand geht - aber eine Rückkehr, noch dazu nach sieben Jahren? Eines Morgens steht Ben da, platzt unangekündigt in das Wiener Leben von Pia, Vinz und dem siebenjährigen Janis, dessen leiblicher Vater Ben ist. Janis hat nun auf einmal zwei Väter und Pia fragt sich mehr und mehr, warum eigentlich nur die anderen kommen und gehen können, wann sie wollen. Marie-Alice, die Erzählerin, erfährt in Hamburg von den Neuigkeiten. Mit Vinz war da für Momente mehr, aber drei waren Eine zu viel. Nun ist da ein neues Dreieck, doch diesmal liegen die Dinge anders. Marie-Alice selbst ist Schriftstellerin und hängt in der Luft: zwischen Projekten und Lockdowns und in der Erinnerung an ihre französische Mutter, die vor Jahren noch einen halben Apfel aß, bevor sie sehr plötzlich verstarb. Sie beginnt, sich in das Leben von Pia, Vinz, Ben und Janis hineinzudenken, als wären sie ihre Romanfiguren. Und vor dem Hintergrund ihres eigenen Verlusts fragt sie sich zunehmend, was Familie ist, wie Verantwortung und Vererbung, Glück und Identität zueinander stehen. Bis eintritt, womit niemand gerechnet hat, und ein Teil des Dreiecks die Seiten wechselt.

Marie-Alice Schultz, geboren 1980 in Hamburg, studierte Theaterwissenschaften und Germanistik in Berlin sowie Bildende Kunst in Wien. 2016 war sie Stipendiatin der Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung und Teilnehmerin des 20. Klagenfurter Literaturkurses. Für ihren Debütroman „Mikadowälder“ (2019) wurde sie mit dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet. Die Autorin lebt in Hamburg.