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07.04.2022, Jamal Tuschick

Minimalgruppen-Paradigma

Henri Tajfels Forschung …. zeigt, „dass die Neigung, Gruppen zu bilden und Außenseiter zu diskriminieren, in uns allen schlummert“.

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Alle Ursprungs- Herkunfts- und Abstammungsmythen gehen primordial von den Annahmen Natürlichkeit und Ursprünglichkeit aus. So entsteht ein exklusiver Rahmen, der den Inklusiven günstige Abgrenzungsnarrative anbietet. Das klärt Yascha Mounk auf einem Vorfeld seiner Analyse, die in einem überzeugenden Begriff von ... als gesellschaftlicher Leitplanke kulminiert.

Gesellschaftliche Leitplanke

In der historischen Betrachtung ist Diversität eher ein Merkmal von Monarchien als von Demokratien, die seit der Antike oft homogen waren und ihre Präferenzen auch deshalb weich durchsetzen konnten, weil Minderheiten in blutigen Aushandlungsprozessen aus dem Bezugsrahmen gedrängt worden waren. Sie erschienen egalitär, ohne es zu sein. Das erklärt Yascha Mounk in seiner faszinierenden Abhandlung.

„Die gewalttätigsten Konflikte haben (folgende) Unterscheidungsmerkmale: Klasse, Ethnizität, Religion, Nation (und) Geschlecht.“

Weiche Dominanzmodelle der Mehrheitsgesellschaft (es gibt auch herrschende Minderheiten, siehe Syrien) organisieren Profite aus den Schatzkammern der Minoritäten. Einst nannte man Herrscher, die diesen Effekt zu nutzen wussten, weise. Mounk nennt Beispiele.

„Im Bagdad des 9. Jahrhunderts, im Istanbul des 17. Jahrhunderts und im Wien des 19. Jahrhunderts“ profitierten Staat und Gesellschaft von einer Privilegierung der Subkulturen. „Ein ungewöhnliches Ausmaß an Wohlstand“ ergab sich in der Folge. Aus allen Rohren schoss der Fortschritt.

Yascha Mounk, „Wie Diversität die Demokratie bedroht und bereichert“, Droemer, 347 Seiten, 22,-

In multiethnischen Reichen existierte Diversität und Ungleichheit selbstverständlich nebeneinander. Im Zuge der Industrialisierung änderten sich gesellschaftliche Grundbegriffe. Größere Einheiten strebten nach einer nationalistischen Identifikation mit ihren Regierungen.  

Mounk erwähnt den vielbesungenen, von Lord Byron gekrönten Freiheitsdrang der Griechen. Der Osmanische Reichskahn krängt längst dem sprichwörtlichen Invaliden am Bosporus entgegen, als der Volksaufstand ohne Nationalbewusstsein losgeht. Das Gros der Aufständischen weiß nichts von Griechenland. Folglich fehlt den im Herrschaftsverständnis marodierenden Land- und Seeleuten der patriotische Impuls. Die Symbolpolitik im Rahmen der griechischen Fahnenweihe am 25. März 1821 im Kloster Agia Lavra ist ein elitäres Schwelgen im kleinen Kreis um den Metropoliten Germanos von Patras. 

Richard Schuberth führt in seinem den Hellenen-Riot erhellenden Abriss („Lord Byrons letzte Fahrt. Eine Geschichte des Griechischen Unabhängigkeitskrieges“, Wallstein Verlag, 29,90 Euro) aus: Die Empörten widersetzen sich nicht der „Despotie einer Zentralmacht“. Sie leiden unter „der Anarchie eines erodierenden Großreiches“. 

„Die Griechische Revolution (1821–1829), auch Griechischer Aufstand oder Griechischer Unabhängigkeitskrieg genannt, bezeichnet den Kampf der Griechen gegen die Herrschaft der Osmanen und für eine unabhängige griechische Republik. Das Bestreben nach Unabhängigkeit wurde zunächst vor allem aus taktischen Gründen von den Großmächten Frankreich, Großbritannien und Russland unterstützt. Der 25. März 1821 markiert den Beginn der griechischen Revolution und ist Nationalfeiertag in Griechenland.“ Wikipedia

Byzantinischer Kulturpool

Schuberth erklärt überzeugend, wie es dazu kam, dass ein Gebiet im ehedem oströmischen Reich, das Jahrhunderte osmanisch gestempelt war, zum Sehnsuchtsort eben auch der Deutschen wurde. Die Hellenisierung des neuzeitlichen Griechenlands (als einer geografisch höchst ungefähren Größe) ergab sich auch im Zug einer „antifeudalen Transformation“. Im Verein mit allen möglichen Idealisierungen führte man die antike Agora-Demokratie in den bürgerlichen Begriffskranz ein.   

Man ver-dichtete verschiedene ethnische Gruppen zu einem Volk (dem mythisch überhöhten Volk der Griechen). Es regierte die Fremdzuschreibung in einer Kombination mit neuen, nämlich nationalstaatlichen Ideen. Die Ideen tauchten in irregulären Blutbädern, bis sie in der bürgerlichen DNA des 19. Jahrhunderts soweit verankert waren, das sie staatstragend wirkten und reguläre Truppen mental mobilisierten. 

Bis dahin begegneten sich Konfessionsgemeinschaften und (einer Herrschaft gemeinsam) Unterworfene nicht unbedingt mit der Vorstellung, in einem ethnischen Definitionsrahmen zum Schulterschluss aufgerufen zu sein. 

Wie entstanden aus Sprachgemeinschaften Schicksalsverbände?

Dieser Frage geht Schuberth nach. In seiner Auslegung gab es keine ethnische Kontinuität und Geschlossenheit in den Innovationsprozessen auf jenem Territorium, das westliche Beobachter:innen als die Wiege der abendländischen Kultur feierten. Aufsteiger:innen und Spitzenreiter:innen wechselten sich ab, ohne je aus dem byzantinischen Kulturpool zu schöpfen. Echte Griech:innen fand man allenfalls noch als migrantisch Versprengte auf Sizilien.   

„Sie stellten unmittelbare Nachkommen der altgriechischen (Siedler:innen) beziehungsweise hellenisierter Menschen und byzantinischer Griechen dar ... Pontosgriechen hatten mit ihren lazischen (also Georgisch sprechenden) und türkischen (Nachbar:innen) mehr gemeinsam als mit den europäischen (Griech:innen).“ 

Aus der Ankündigung

Kann Demokratie in einer diversen Gesellschaft funktionieren? Politikwissenschaftler Yascha Mounk zeigt, wie dieses Experiment gelingt. Er liefert die Gebrauchsanweisung für unsere plurale Gesellschaft.

Globalisierung, Migration und Identitätspolitik prägen Deutschland und stellen das politische Systems vor ungeahnte Herausforderungen. Wie kann eine demokratische Verfassung die sozialen und politischen Zentrifugalkräfte einer multiethnischen Gesellschaft einhegen, ohne dabei die liberale Idee zu verraten? Der renommierte Politologe Yascha Mounk zeigt in seinem neuen Sachbuch nicht nur die Hindernisse, auf die das Experiment einer diversen Gesellschaft trifft. Er liefert auch die Anleitung für eine intakte multiethnischen Demokratie. Klarsichtig und mit analytischer Schärfe widmet er sich den Argumenten, die von rechts und links kommen: eine wegweisende Verteidigung pluralistischer Prinzipien. Denn nie war es wichtiger als heute, über die Balance von Gleichheit und individueller Freiheit nachzudenken.

  • Yascha Mounk untersucht zunächst, woran multiethnische Gesellschaften scheitern und warum ein "Weiter so!" nicht reicht.
  • In einem zweiten Schritt legt er dar, was die Grundpfeiler einer diversen Demokratie sind und lotet das Verhältnis von Individualismus und Gemeinschaft aus.
  • Schließlich schildert Mounk, warum es sich lohnt, das große Experiment zu wagen und warum die Antwort auf die Herausforderung Diversität nur die liberale Demokratie sein kann. Denn bei allen Unterschieden kommt es am Ende auch in einer vielfältigen Demokratie auf die Gemeinsamkeiten an.

Yascha Mounk, 1982 in München geboren, ist Politikwissenschaftler und Associate Professor an der Johns-Hopkins-Universität. Darüber hinaus hat er die einflussreiche Zeitschrift Persuasion gegründet und schreibt u.a. für die New York Times, den Atlantic und die ZEIT. Bei Droemer erschien 2018 Der Zerfall der Demokratie.

Zum Autor

Yascha Mounk, 1982 in München geboren, ist Politikwissenschaftler und Associate Professor an der Johns-Hopkins-Universität. Darüber hinaus hat er die einflussreiche Zeitschrift Persuasion gegründet und schreibt u.a. für die New York Times, den Atlantic und die ZEIT. Bei Droemer erschien von ihm 2018 Der Zerfall der Demokratie.