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09.04.2022, Jamal Tuschick

„Ineses Gesicht glich im Widerschein des Feuers einer roten Maske.

‚Mach die Augen noch einmal zu. Was siehst du?‘

‚Ich sehe die rotgelbe Flamme noch immer, wenn auch schwächer.‘

‚Das nennt man Nachleuchten. Auch die Vergangenheit kann nachleuchten.‘“ 

Nachleuchtende Vergangenheit

Zusammengeschweißt in einer von den Altvorderen zu Unrecht beklagten Liebe, wandern die Sylter Brar und Inken im späten 19. Jahrhundert nach Amerika aus. Sie schlagen sich in den Mittleren Westen durch und erschließen einen Flecken in der Gegend von Vincennes im Bundesstaat Indiana, zwanzig Meilen östlich vom Wabash, dem Grenzfluss zu Illinois. Ihre Farm nennen sie Neu-Sylt. Da kommen Fred und Annie zur Welt. Nach dem frühen Tod der Eltern vertreiben böse Nachbarn die Waisen von ihrem Grund. Annie landet in Burgstaaken auf Fehmarn, ein Häkchen in der lange so fremden wie fernen Verwandtschaft ihrer Mutter. Sie heiratet den Kapitän eines Bergungskutters. Annie folgt Ferdinand Hein (!) zur Meerenge von Gibraltar, wo der Atlantik ins Mittelmeer drängt und Havarien an der Tagesordnung sind; wie zur Erinnerung an jenen kataklystischen Durchbruch vor fünf Millionen Jahren, der sich in einer kolossalen Salzwanne (die Kruste eines verdunsteten Ozeans) ergoss. 

Christa Hein, „Die Frau am Strand“, Roman, FVA, 25,-

Annie schöpft aus dem Vollen. Ihre Grenzen sind weit gesteckt. Geformt von der neuen und der alten Welt, tobt sich in Annie die Zukunft aus. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zwingt sie und Ferdinand zur Flucht von dem britischen Felsen. Auf dem Spezialschiff schleichen sie sich in einen portugiesischen Hafen.  

So laufen Lebenslinien auf einen vorläufigen Endpunkt in der Gegenwart hinaus. Zum Andenken bestellt ist Liz, die ihrer Nichte Inese eine kaum fassbar vielfältige Ahnengalerie vor Augen führt.  

In Rückblenden erzählt Christa Hein die Geschichte einer weltläufigen Familie. Annie und Ferdinand verlieren vorübergehend alles und kriechen in Ferdinands Elternhaus unter, wo Annie Missachtung zumal von ihrer Schwiegermutter erfährt.

Der Fokus wechselt zu Ferdinands jüngstem Bruder, dem Holzkaufmann Christian, der in Finnland sein Glück findet. Der tüchtige Ferdinand kommt wieder auf die Beine als Kapitän des Bergungsschleppers „Seemöwe“. Sein Heimathafen ist Geestemünde.

Die Baronesse von Loudon

Eine ausholende Bewegung reißt den Erzählhorizont auf bis zur Verfolgung der Hugenotten im 18. Jahrhundert.  

„Die Loudons waren Hugenotten aus der Region von La Rochelle.“

Die Flucht der Aristokraten endete unter baltischem Himmel auf einem Gut zwischen Riga und Sankt Petersburg. Als aus der Nachkommenriege die Baronesse Marija von Loudon das Stadium der Debütantinnen erreichte, ließ ihr Vater für sie einen Armreif mit der Symbolkette Kreuz, Herz und Anker schmieden.

Ödön von Horváths Dramentitel „Glaube Liebe Hoffnung“ zitiert das Herzstück aus Paulus‘ ersten Brief an die Korinther (1 Kor 13,13). Kreuz, Herz und Anker addieren sich seit Jahrhunderten zu einer Motiv-Troika sowohl in seemännisch-volkstümlichen als auch in noblen Verschlingungen.  

Marijas Brautschmuck avanciert zum matrilinearen Erbstück mit Flaggschiffcharakter. Wundersamerweise verliert er seine initiierende Rolle durch die Jahrhunderte nicht an jüngere Preziosen.   

*

Annies Tochter Charlotte aka Carlotta wirkt wie ein Richtungspfeil in Heins narrativem Kreuzstichmuster. Die Jahre des Zweiten Weltkriegs verbringt sie auf der Farm ihres Onkels Fred in Kansas.

Aus der Ankündigung

Als Liz von ihrer Nichte nach der Familiengeschichte ausgefragt wird, löst das eine wahre Kettenreaktion aus. Mit Hilfe von Dokumenten, Bildern, Briefen, Erbstücken und Erinnerungen macht sich Liz erstmals an die schriftliche Rekonstruktion vergangener Schicksale, Ende des 19. Jahrhunderts beginnend, und gerät dabei immer tiefer in ebenso ungeahnte wie abenteuerliche Lebensläufe. Große und kleine Katastrophen, zwei Welt- kriege, Scheidungen, Insolvenzen, Auswanderung und Tod führen die Figuren ihres Romans an Orte wie Gibraltar, Lissabon, Sylt, Spanien, Kalifornien, Riga, Palau, an den Monte Cassino und bis nach Finnland. Da ist ihre Großmutter Annie und deren Kindheit in den USA, geprägt durch den frühen Verlust der Eltern und die schmerzhafte Trennung vom geliebten Bruder, ihre Versuche als Malerin, die Bekanntschaft mit Ernst Ludwig Kirchner auf Fehmarn und mit dem spanischen Maler Sorolla, der ihr sein Gemälde »Die Frau am Strand« schenkt, ein Sinnbild ihres Lebens; und da ist Lena aus Riga, die ihre Ambitionen als Pianistin in einer norddeutschen Kleinstadt und einer schwierigen Ehe begraben muss. Und immer spielt dabei die Nähe des Meeres eine alles verbindende Rolle, und das Scheitern von Lebensentwürfen wird zum Auslöser neuer Perspektiven.

Zur Autorin

Christa Hein, geboren 1955 in Cuxhaven, veröffentlicht in deutscher und englischer Sprache. Sie lebt heute als freie Schriftstellerin und Dozentin in Berlin. Auf ihr erfolgreiches Debüt Der Blick durch den Spiegel folgten die Romane Scirocco (FVA 2000), Vom Rand der Welt (FVA 2003) und zuletzt der Roman Der Glasgarten (FVA 2015). Die Autorin lebt in Berlin und in Cuxhaven.