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09.04.2022, Jamal Tuschick

Beaumarchais´ „Figaro“ hatte seine Uraufführung 1783 als Privatveranstaltung mit dreihundert Gästen. Nach Sainte-Beuve „klatschten sie dem Beifall, was sie zugrunde richtete“. Wir, die wir auf der richtigen Seite der Geschichte stehen, erkennen darin das Schicksal des Kapitalismus.

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„Was der Kommunismus hinter sich hat, hat der Kapitalismus vor sich.“ Heiner Müller

© Jamal Tuschick

Auf der richtigen Seite der Geschichte

Guten Tag, mein Name ist Hase aka Indriði Mansfeld, ich bin Offizier im besonderen Einsatz. Wir schreiben das Jahr 1986. Eiskalt legt sich die Nacht auf unsere Dimitroffstraße. Die Straße zerschneidet lauter Parallelen, die dem Hauptstadtzentrum zulaufen. Ihre Leuchtfeuer sind die Säuferampeln. Ein Geschrei von Begehren und Verstimmung hallt in den Schluchten wider. 

Ein Destillat der Einfachheit steigt auf in der Schneiderküche. Inge und Klaus Schneider, zwei Hauptamtliche, getarnt als Gelehrte, wohnen hoch über der Dimitroff und empfangen Dichter.

Der Alkohol ist aus dem Westen. Inges Anziehungskraft hängt nicht von ihrem Interesse ab, sondern wirkt auch, wenn sie gleichgültig ist. Sie scheint dazu verdammt zu sein, angesehen und bewundert zu werden. Erotischer Magnetismus. Bei so einer Inge hakt man nicht nach. Man legt auf den Tisch, was man hat und erhofft gnädige Annahme. Ich stehe im Zenit ihrer Gunst.

Woher kommt der erste lyrische Impuls? fragt Inge. Aus dem inneren Ohr oder aus dem inneren Auge? Eine Antwort geht im trubelnden Einverständnis unter. Klaus versteht seine Wohnung als Werkstatt der Zukunft, das sagt er so, später soll noch ein Film gezeigt werden, gedreht von Studenten in Babelsberg.

„So was habt ihr noch nicht gesehen.“

Inge strahlt mich vehement an, die Vehemenz deutet in ein emotionales Dickicht, in dem wir uns angeblich beide verstrickt haben. Wie recht es ihr ist, dass meine Geliebte aus dem Musenmilieu nicht mitkommen konnte. 

Claire fehlt nur deshalb, weil ich das arrangiert habe. Klaus schwadroniert weiter über den Film, Inge sagt leise: „Ist doch in echt viel schöner, findest du nicht.“ Das ist keine Frage, deshalb gibt es auch kein Fragezeichen unter dem Vollmond über schlafenden Dächern. Für Christoph Meckel war einmal „jeder Schriftsteller möglich als Freund“, gern mit holzigem Mangelwirtschaftspapier auf der Walze seiner Schreibmaschine. Kurze Reminiszenz an Trümmerberlin, Meckel schaute bei Johannes Bobrowski vorbei. „Ich ging einfach hin“, ihn zu besuchen. Achtung auf beiden Seiten.

„Der Morgen von Tau und Asche kalt“. Meckel, 1935 geboren in Berlin, da nicht geblieben, fällt gewiss gerade keinem ein, während Heiner monologisiert. Das ist seine Stunde, fast alle Männer tragen Sachen, die an Mandelstam im Winter erinnern, nur Gastgeber Klaus trägt eine Geheimdienstlederweste und raucht die Pfeife von Phil Marlowe.

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Heiner spricht über die ersten Kirschen nach dem Krieg in Erfurt, Thüringen war noch amerikanisch. Ein Fest fand statt. 

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Inge zieht mich an das Fenster zur Knaackstraße, sie redet über Beaumarchais. Beaumarchais´ „Figaro“ hatte seine Uraufführung 1783 als Privatveranstaltung mit dreihundert Gästen. Nach Sainte-Beuve „klatschten sie dem Beifall, was sie zugrunde richtete“.

Inge und ich stehen auf der richtigen Seite der Geschichte.