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10.04.2022, Jamal Tuschick

„Manchmal glich Brecht dem Gott, den er geschaffen hatte.“ Erwin Strittmatter

© Jamal Tuschick

Eine Notiz zum Fatzer-Fragment

Auf einem internationalen Schriftstellerkongress begann Brecht seine Rede mit den Worten: „My english is bad but my german is better“

„The plot centers around soldiers who desert from the war and hide out in Mülheim, waiting for a revolution.”

Die Grundfrage lautet: „Wer frisst wen?“

Am Ende frisst die Mannschaft den Egoisten Johann Fatzer. Am Anfang ist Fatzer Mannschaftsführer: „von uns allen bin ich / durch gehirn und physis am fähigsten / durchzukommen als einzelner“. Den kriegsmüden Kameraden ruft er zu: „jetzt nehmt eure / schädel in die hände und paßt / auf, heute am mittwoch gehe ich / fatzer und ihr büsching, koch und kaumann von diesem krieg weg, / der uns nichts mehr angeht.“

Auch in Brechts „Trommeln in der Nacht“ kehrt einer heim, sein Trauma, der Maschinenkrieg, spielt keine Rolle in der maroden Herkunftswelt. Das muss für Soldaten Science-Fiction gewesen sein: die Materialschlachten und Gasmasken und neuen Geistesstörungen. Sie kamen aus einer Welt kaiserlicher Kavallerie und fußkranker Infanterie in ein technisches, wie von Ufo-Besatzungen angerichtetes Inferno, das in Zeitgenossenschaft gar nicht zu begreifen war. Die Wahnsinnigen hielt man für Simulanten und den Krieg für einen Hammer, der aus Gründen der Völkerhygiene gelegentlich aus dem Kabinett geholt werden musste. Was blieb einem übrig? Man wäre als Kaiser auch lieber mit dem Cousin aus dem englischen Königshaus zum Segeln gefahren, statt Kanonenboote versenken zu lassen.

Nun kehren genau vier so ungefähr heim, „ich scheiß auf die ordnung der welt“, brüllt Fatzer/Baal. Die Flüchtlinge verbergen sich in Kaumanns Mülheimer Bude, wie gesagt, drei Jahre musste seine Frau den Mann entbehren. Sie braucht Zuspruch in rauen Mengen. Frau Kaumann ist bedürftig, derb wird das mitgeteilt: „was eine frau ist / die braucht nicht nur schleimsuppe“. Sonst würde sie „immer an ihren leeren schoss denken“ müssen.

Das geht heute auch nicht mehr.

 „die elenden von heute sind morgen glücklich. lust baut gebäude aus nichts … ich bin gegen eure mechanische art / der mensch ist kein hebel.“