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11.04.2022, Jamal Tuschick

Terrestrisches Beispiellebewesen

Fjodor M. Dostojewskij im Umkehrschub: „Ohne Mensch ist Gott allein.“

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„Interessant ist, was schmerzt und was verschwindet.“ Heiner Müller

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„Ein Mann ohne Leben. Was Biografie zu sein scheint, war die Idiotie der Geschichte, die ihn so lange herumprügelte, bis er in Bargfeld schließlich Ruhe fand.“ Rolf Vollmann über Arno Schmidt

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Ich erkannte mich als Ziffernfolge in einer Zahlenkolonne wieder. Ines Geipel, dem Sinn nach

Die Autorin und ehemalige Spitzensportlerin sichtete geheime Dissertationen von DDR-Militärwissenschaftler:innen, um zu entdecken, dass sie als Probandin in Versuchsreihen ausgelesen worden war. Optimierer:innen des militärisch-industriellen-Ostblockkomplexes degradierten die Weltklasseathletin zu einem Wesen im Rang des „Bodenaffens“ aka „terrestrischen Beispiellebewesen“ Tevton. Tevton diente im Dezember 1983 als Synchrontier in einem Analogieverfahren, während die zu Kosmonauten aufgestiegenen Leidensgenossen Abrek und Bion in einem „Biosputnik“ gezwungenermaßen die Überlebenschancen irdischer Lebewesen im All ausloteten. Geipel schreibt: „Kapseltier Tevton, ein Bodenaffe unter brutalem Stress, mit gelöschtem Willen, der seine Mittel bekommt und daraufhin sein Programm abspult.“ 

© Jamal Tuschick

Politische Trauer

Was zuvor geschah

Als Offizier im besonderen Einsatz durchkämmte Indriði Mansfeld bis 1989 die Betten der Berliner Boheme. Wie ein Hai glitt der DDR-007 durch das abgesoffene Pankower Endmoränental.

“The ground is my ocean, I’m the shark, and most people don’t even know how to swim.” Carlos Machado

So lässig wie ein - rauchend zum Mount Everestgipfel aufsteigender - Sherpa bestieg er das Dach der Welt des Prenzlauer Bergs. Fast zwanzig Jahre später irrt er frührentnerisch durch die Gebiete seiner großen Zeit. Er ist einer dieser alleinstehenden Nußknacker, die ihre Tage morgens um vier mit Handstand, Liegestütz und Klimmzug beginnen und gegen ihre soziale Bedeutungslosigkeit mit einem intransigenten Genußbegriff opponieren. Jedes Hörnchen muss sich von dem alten HVA-Agenten einen zelebrierenden Verzehr gefallen lassen. 

Doch hört nur, der Greis murmelt sich sein Leben in den Bart:

Eingeschneit erscheint das französische Viertel in Prenzlauer Berg wie ein begehbares Bild. Es ist Sonntag, und ich bin froh, den Abend nicht vor dem Fernseher beschließen zu müssen. Mich erwarten Erinnerungen an eine Revolution auf der Studiobühne der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Die bat-Bühne liegt an einer Bucht der Belforter Straße. Wenn man allein ist, malt sich die Welt an. Dann vernimmt man der Klingelschilder Zuspruch. Alles geht ins Mürbe und gleitet ab. Ich ziehe den Mantel zu, „der Geruch der Revolution ist ein Parfüm aus Stallmist“; ätzend & güllig: so steht es geschrieben in Heiner Müllers „Auftrag“. Der Titel spielt mit dem Vers „Erinnerungen an eine Revolution“ in der Unterzeile. Für Gläubige war HM ein Kommunist zum Fürchten. Nach einer französischen Vorstellung des „Auftrags“ in den 1980er Jahren beging der kommunistische Kritiker von Lyon sofort Selbstmord. Ein Vierteljahrhundert nach der Uraufführung 1980 kursierte bei der Gelegenheit einer von Ulrich Mühe an der Volksbühne inszenierten Jubiläumsausgabe im Berliner Handel kein Exemplar mehr jenes Werkausgabe-Bandes, der den „Auftrag“ versammelt. So gründlich hatte sich das Publikum präpariert. So erheblich schien die Frage der Gültigkeit knapp zehn Jahre nach Müllers Tod.

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Wenn wir uns in den Neunzigern unterhielten, dann lag ein Himmelreich des Selbstbetrugs zwischen Inges Angaben und meinen Erinnerungen.

Anmerkung der Redaktion

Inge und Klaus Schneider unterhielten im Auftrag der Staatssicherheit einen literarischen Salon im Bezirk Prenzlauer Berg. Inge umgarnte Intellektuelle und Künstler mit entgegenkommendem Betragen, obwohl sie in ihrem Herzen einen gewaltigen Groll gegen Häretiker hegte. Jede Abweichung von der reinen Lehre war für sie Verrat. Klaus agierte mit einem größeren Vorrat an Skepsis. Er wollte das kritische Potential der Wolfs, Hacks und Müllers einer gesellschaftlichen Nutzung zuführen. Insofern interpretierte Klaus seine Rolle beinah pädagogisch. Er litt schwer unter dem polyamorösen Drive seiner Frau, deren erotischer Anker der Bond unter den Besten im Kampf gegen den Westen war. Mansfeld lebte mit einer großen Bugwelle, bis sein Staat in die Binsen ging, und politische Trauer in sein Leben einkehrte.  

Inge beschrieb Auseinandersetzungen, die sie hilflos und ihren Mann Klaus in einer Ambivalenz zwischen Aggression und Verzweiflung zeigten. Sie sprach von hässlichen Szenen, die ihr gemacht worden waren, und unterschlug dabei ihre eigenen Provokationen. Klaus drohte und zeterte wie Männer, die erst zur Dominanz bestellt und dann wieder abgemeldet werden. Ich war der Nachfolger vor weiteren Kandidaten.

Klaus stellte Inge Gefängnis in Aussicht. Seinen Nachstellungen versprach Inge Nachspiele.

Zur Inszenierung

Für die Studierenden in der Gegenwart eines neuen Jahrtausends dürften Müllers produktive Missverständnisse in der abtauenden Eiszeit des Kalten Kriegs jederzeit so naheliegend wie Mondstein sein. Das sind erkaltete Risse, Krusten der Geschichte. Was im „Auftrag“ steht, stand umgehend im Zweifel der Zeugen/Zeit. Im „Auftrag“ handeln drei temporär republikanische Brandstifter, ihren Namen nach heißen sie Debuisson, Galloudec und Sasportas.

Debuisson, Galloudec und Sasportas sollen in revolutionärer Absicht einen Aufstand der unter Zwang eingeführten Bevölkerung von Britisch-Jamaika lostreten. Die Delegierten des französischen Konvents erfahren dann, dass die Revolution von Napoleon für beendet erklärt wurde. Nach dem 18. Brumaire 1799 steht fest: „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Sie ist bankrott“.

„Die Freiheit trägt jetzt Uniform“ und Debuisson, Galloudec und Sasportas haben keinen Auftrag mehr. Das führt zu interessanten Gesprächen über das „Joch der Freiheit“ und ein „Heimweh nach dem Gefängnis“.

Sie wissen: „Die Freiheit ist auch nur eine (Sexarbeiterin).“ Trotzdem treiben Sasportas und Galloudec der Sklaven Erhebung weiter voran. X spielt Sasportas‘ geschundene Haut als mimisch Haken schlagenden Hasen; immer auf der Flucht und in der Deckung seiner Verkleidungen. Die Niedrigkeit bleibt einfach bei Jean Sasportas. Damit müsste man sich als Debuisson gar nicht abgeben. Zumal jetzt nicht mehr, im Jetzt von 1800, da die Gleichheit aus der Mode gebracht von Bonaparte. Da kann man - als geborener Sklavenhalter - seinen Standesdünkel und andere Weisheiten … „Die Sklaverei ist ein Naturgesetz“ … wieder aus dem Tropenhelm zaubern.

Ist man denn ein Debuisson, scheint einem fern „Das Licht auf dem Galgen“. Auf diese A. Seghers-Erzählung bezieht sich HM im „Auftrag“.