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12.04.2022, Jamal Tuschick

Ariane brachte mir eine CD zurück, die ich nicht vermisst hatte. „Blue Sugar“ von Zucchero. Sie trug das Haar wieder lang nach einer Bob-Phase. Sie hatte sich so zurechtgemacht, dass an ihren Absichten kein Zweifel bestehen konnte.

© Jamal Tuschick

Das Lächeln des Bösen

Täglich spielt Ariane auf dem Klavier meiner Verpflichtungen das Lied vom Tod der Firma. Einst versprach ich Ariane das Blau des Himmels. Ich lockte sie aus ihren Verhältnissen, zog sie zur Erfüllung meiner Sehnsüchte heran, setzte drei Kinder mit ihr in die Welt und fand sie schließlich doch ersetzbar. Ariane redete lange von Schicksal und Bestimmung. Heute gehorcht sie nur noch der Einsicht, dass sich eine geschlachtete Kuh nicht melken lässt.

Nach der Scheidung wurden mir die Instrumente gezeigt. Ein Notar brachte die Eisen zum Glühen. Der Experte verkündete, dass fortan von jedem Euro aus dem Kasten (meine Firma im Firmenjargon) fünfzig Cent Ariane gehörten. Seine brillant verschleppende Art erinnerte mich an Charles Laughton als Verteidiger Sir Wilfrid in Zeugin der Anklage. Der Film basiert auf einer für das Theater dramatisierten Kurzgeschichte von Agatha Christie und entwickelt seine Handlung stellenweise zermürbend langsam.

Das Recht auf Eigenarten muss man sich verdienen. Um in der Manier des Notars Todesurteile verlesen zu dürfen, braucht es ein langes Kerbholz. Ich fand mich schwach in der Verteidigung meiner Interessen. Ich war so vor den Kopf geschlagen, dass ich meine Büroleiterin anrief und sie bat, mich abzuholen. Vielleicht wäre ich sonst gegen einen Betonpfeiler gefahren. Auch Ariane rief nach Verstärkung, selbst im ausgebluteten Zustand war ich für sie noch der Lächler des Bösen.  

Ein Brückenpfeiler als Monument der Erlösung erschien mir gnädig. Meine Angestellte aß neben mir Eis auf einer verlassenen Sommerpromenade. Ich sehnte mich schmerzhaft nach meinen Kindern. Keinen Augenblick gelang es mir zu vergessen, dass ich die Frau bezahlte, eben auch für den Beistand. Sonja hatte den Chef noch nie so neben der Spur erlebt. Meine Schwäche verunsicherte sie zunächst, dann fing sie an aufzutrumpfen. Sie reagierte mit Stärke auf Schwäche.  

Tage später erschien Ariane, schön wie Rosenrot, im Kasten. Jahre zuvor hatte ich sie dahin verschleppt und keinen ihrer vorausschauenden Einwände gelten lassen. Ariane brachte mir eine CD zurück, die ich nicht vermisst hatte. „Blue Sugar“ von Zucchero. Sie trug das Haar wieder lang nach einer Bob-Phase. Sie hatte sich so zurechtgemacht, dass an ihren Absichten kein Zweifel bestehen konnte.

An einem anderen Nachmittag wäre ich mit Ariane ins Bett gegangen, um im Sumpf der Gewohnheiten zu versinken. Mich erwartete aber eine Neue. Daniela war kompliziert, ich hielt sie deshalb für besonders intelligent. Ich redete mir ein, an ihr wachsen zu können. Ich zog eine zu Depressionen neigende und zum Leben eher Unbegabte der körperlich und seelisch aus dem Vollen schöpfenden Mutter meiner Kinder vor. 

Adriane weiß, dass sie keine ersetzen kann. Ich habe von ihr etwas bekommen, dass sie anderen nicht mehr geben kann. Diesen Schatz verloren wir beide lange nie ganz aus den Augen. Da war immer etwas, was Stress und Streit brachte, aber auch Augenblicke des Einvernehmens. Ariane zog mit den Kindern nach M., das Fahrpensum nahm zu, die Entfremdung wuchs mit der Entfernung. Ariane blieb mir gegenüber aufgeschlossen. Manchmal zeigte sie sich einladend an der Haustür, wenn ich die Kinder zurückbrachte. Das ging so noch drei, vier Jahre.

Aus Zuneigung wurde Abneigung. Vertrautheit schlug in Verachtung um. Die Verachtung sprach sich in den Kindern heftiger aus als in Ariane.