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13.04.2022, Jamal Tuschick

#Lob

Gestern schrieb Astrid Saller aus der Zsolnay-Presseabteilung:

Lieber Herr Tuschick,

können Sie zaubern? Das ging ja wahnsinnig schnell ... vielen Dank!

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Die Rede war von dieser Besprechung

Die Karl-May-Strategie

„Ein Mann ohne Leben. Was Biografie zu sein scheint, war die Idiotie der Geschichte, die ihn so lange herumprügelte, bis er in Bargfeld schließlich Ruhe fand.“ Rolf Vollmann über Arno Schmidt

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„Mein Herz gehört dem Kopf.“ Arno Schmidt

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„Ich protestiere lieber allein.“ AS

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„Und was heißt schon New York? Großstadt ist Großstadt; ich war oft genug in Hannover.“ AS

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Zum Dozieren geneigt seien Schmidt und er „schon als Säuglinge“ gewesen. Hans Wollschläger

Weltentstehung im Wohnzimmer

Arno Schmidts Protoheld ist der Großsprecher im Gehäuse des kleinen Mannes wie er im Buche steht

Eine weithin inferior erscheinende Figur, deren grandiose Selbstwahrnehmung die Verhältnisse am Küchentisch von den Füßen auf den Kopf stellt, begegnet jeder Macht mit den Methoden des tapferen Schneiderleins.

Emotionale Gedanken

Es flößt sich Stärke wie Lebertran ein. Es rühmt und applaudiert sich. Es zeigt sich springlebendig. Es zückt ein Streichholz und nennt es Excalibur. Es denkt seine „emotionalen Gedanken … in seinem eigenen Kopf“.

Vermutlich überleben viele mit diesem Programm. Die ausgrenzende Assoziation blank behaupteter Überlegenheit mit realen und literarischen Aufschneidern wie Karl May, Felix Krull, dem Soldaten Schwejk und dem Hauptmann von Köpenick verschleiert den allgemeinen Zwang zur Pfiffigkeit.

Sven Hanuschek, „Arno Schmidt“, Biografie, Hanser, 45,-

Weltentstehung im Wohnzimmer

Drei mehr oder weniger brotloser „Kleingaukler“ (ein Schmidtwort für Schmetterlinge) entblößen sich in „Schwänze“. Das Trio lebt ländlich; von Idylle keine Spur. In seinem Gespräch überlebt des Landsers Galgenbeat. Der Krieg geht in den Köpfen weiter, er lauert auf Gelegenheiten. Anflüge von Depression werden präpotent abgewehrt. Als eine Frau ins Spiel kommt, fängt der Ich-Erzähler breit an zu laufen.

„Schwänze“ ist eine Erzählung von Arno Schmidt aus dem Jahr 1961. Der Autor fand sich „als Intellektueller heiß/spitz wie ein Terrier“. Da war dann Frau Schmidt: „Stumme Anbetung, die auch Maschine schreiben kann“.

Schmidts Gegenwart zweifelte daran, dass Schmidt Kunst konnte: „Ist das Werk ein Kunstwerk? Wenn es das ist, mögen die zahllosen Kalauer, Bierwitze, Zoten, abnormen Sexualphantasien, Fäkalismen und der Gossenjargon hingehen. Den wahren Künstler hat man noch nie am guten Geschmack erkannt. Wenn Schmidts Buch kein Kunstwerk ist, hilft ihm auch seine gute Tendenz nichts.“

Die ins Spiel gekommene Frau will wissen, was Breitbein „gerade in der Feder hat“.

Er ist zwar bloß mit „mokanten Glossen“ auf den Markt, dreht aber trotzdem ein großes Rad.

Materiell geht nichts über Notdurft (in der Geschichte, die Schmidts Leben schrieb). Man hat seit zwanzig Jahren nicht mehr gefrühstückt. Aus der Kreisstadt lässt man sich Einlegesohlen mitbringen, während die Leberwurst aus der Nachbarschaft kommt. Mit diesem Programm beschrieb Schmidt auch die eigenen Verhältnisse nach dem Krieg. Sie steckten ihm noch in den Knochen, als Reemtsma in der Bargfelder Heide auftauchte und Schmidts Bedeutung der Republik einläutete.

Schmidt war mit seinen mathematischen Kenntnissen, dem polyhistorischem Wahnsinnswissen, den Zettelkästen, der rumpelnden Erotik und solipsistischen Einmann-Avantgarde in der norddeutschen Heide hängengeblieben. Da wäre er ohne Alfred Andersch und den hessischen Rundfunk verhungert.

„Mein Herz gehört dem Kopf“, sagt Schmidt. Seine poetischen Verfahren erzeugten Unmittelbarkeit mit einem triftigen, protestantisch-pedantischen Ton. Schmidt fragte, warum man andere „nicht direkt an das eigene Gehirn anschließen kann“.

Kommt noch, möchte man ihm nachrufen.   

Schmidt entlarvte die Stunde Null als Fiktion. Das machte ihn zum Visionär in seiner Laube. Der ewige Vorgärtner widmete sich der Erforschung des Hauses Hannover im Untergang. „Das Steinerne Herz“ spielt in beiden deutschen Staaten, als einer frühen Anerkennung dieser Realität. Ich glaube, sie brachte dem Autor eine Anzeige wegen Pornografie ein.

Schmidt schildert die kleinwütige Atmosphäre der fünfziger Jahre. Das war sein Jahrzehnt, Schmidt im Widerstand gegen das Wirtschaftswunder und den Speck des Vergessens

„Steige fein aus dem Wagen, und laß dir Haus und Garten aufschließen, vorgebend, du hättest den verstorbenen Eigentümer des anmutigen Landsitzes, den Hofrat Reutlinger, recht gut gekannt.“ E.T.A. Hoffmann, „Das steinerne Herz“

„Das Steinerne Herz. Ein historischer Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi“. Der Titel beansprucht Wilhelm Hauff und E.T.A. Hoffmann. Zum Geschehen. Auf der Suche nach einem Nachlass quartiert sich Walter Eggers bei Nachkommen des Statistikers Curt Heinrich Conrad Friedrich Jansen ein. In seiner Angelegenheit reist Eggers mit dem Lastwagenfahrer Karl weiter nach Ostberlin. Die Männer sammeln Karls Geliebte Line ein und schaffen sie aus der Zone.

Eggers ist ein kalter Sammler. Die DDR betrachtet er unvoreingenommen. Der Volkswagen fährt als „flottes Vehikel“ durch die Landschaft. Line bleibt „wie aus blassem Packpapier geschnitten“.

„Die Windhunde haben Konjunktur.“ Die Bundesrepublik steht kurz vor der Wiederbewaffnung, sie schreibt die deutsche Teilung fest. Am liebsten würde Eggers über den Staatsbüchern Hannovers vertrocknen. Angesichts der Mordlust im Menschen. Schmidts Skeptizismus konserviert die Vergangenheitsvergessenheit seiner Zeitgenossen. Die gewinnen den verlorenen Krieg doch noch an der Konsumfront. Sie haben nichts dazu gelernt, das können sie gar nicht. Das sieht die Gattung nicht vor. Eggers erscheint sich wie ein Alien.

Bei Schmidt golft der Blutstrom.  

Aus der Verlagsvorschau

5 Fragen an Sven Hanuschek

Lieber Sven Hanuschek, warum ist Arno Schmidt so wichtig für die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts?

Seine Sprache steht (fast) immer unter Strom, anhand seines Werks kann man immer wieder darüber staunen, was Literatur ist und kann. Und gegen seinen Ruf ist Schmidt ein Autor, der bei allem Innovationsanspruch für sein Publikum geschrieben hat, zwischen Komik und Apokalypse, Natur und Sexualität.

Wann haben Sie Arno Schmidt für sich entdeckt, welches Buch war da entscheidend?

Schwarze Spiegel, abgedruckt in einer Anthologie mit Weltuntergangsgeschichten. Dass jemand so denken und so schreiben konnte, fand ich als 17-Jähriger berückend, eine Welt, gegen die Welt zu stellen.

Und welches Buch empfehlen Sie für den Einstieg?

Brand’s Haide, als originelle Fortschreibung der Romantik. Oder die übermütig-rabenschwarze Gelehrtenrepublik.

Arno Schmidt ist 1979 gestorben. Warum erst jetzt eine große Biografie?

Das kann ich nur für mich beantworten; ein Spiel von Nähe und Distanz. Ich brauchte Abstand von der übergroßen Figur meiner Jugend, auch andere Lektüren, um Schmidts Werk immer neu lesen zu können. Die jüngste Wieder-Lektüre hat nun etliche Jahre gedauert und zu diesem Buch geführt.

Ihre Biografie ist fast 1000 Seiten stark. Muss man die alle lesen?

Als Hedonist würde ich doch sagen, dass ein langes Vergnügen schöner ist als ein kurzes.

Aus der Ankündigung

Sven Hanuschek legt die erste grundlegende Biografie über Arno Schmidt vor – mit überraschenden Entdeckungen aus dem Nachlass des Schriftstellers

Er stilisierte sich zum Einzelgänger in der Heide, seine Leserschaft versteht sich bis heute als verschworene Gemeinschaft: Und doch hat es Arno Schmidt zum Klassiker der Moderne gebracht. Bis jetzt aber fehlte noch eine grundlegende Biografie, die auch dem umfangreichen Nachlass gerecht wird. Sven Hanuschek hat eine Fülle neuer Quellen ausfindig gemacht, die einen neuen, umfassenden Blick auf Schmidts Persönlichkeit eröffnen, auch wenn sie damit manch vertraute Mythen entzaubern. Und er hilft bei der Orientierung in einem riesenhaften Werk, das zu den Höhepunkten der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zählt. Nicht nur Arno Schmidts Gemeinde hat schon lange auf eine solche Biografie gewartet.

Zum Autor

Sven Hanuschek, geboren 1964, ist Publizist und Professor am Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien bei Hanser Elias Canetti (Biografie, 2005), bei Zsolnay Laurel und Hardy (Eine Revision, 2010), außerdem ist er einer der Herausgeber von Elias Canettis Briefen, die 2018 unter dem Titel "Ich erwarte von Ihnen viel" erschienen sind. Er lebt in München.