MenuMENU

zurück zu Main Labor

16.04.2022, Jamal Tuschick

Gellende Stille

In den Geschirren liegengebliebener Fuhrwerke blähen sich die Zugtierkadaver. Die Emanationen der Verwesung triumphieren über die Erscheinungen des Lebens auf den Routen von Flucht und Vertreibung. Tiefflieger schießen auf die Treckenden wie bei einer futuristischen Hasenjagd.

Dann endet das und ein anderer Schrecken beginnt.

*

In einem Regime, von dessen Existenz nichts zu wissen, Erwachsene vorgeben, verliert ein Flüchtlingskind sein Leben. Gefällt von einem Stein, löst der Anblick des archaisch zur Strecke Gebrachten „gellende Stille“ in der - von dem Tyrannen Tschernik angeführten - Jagdgemeinschaft aus. Bei der Außenseiterhatz offenbart sich die „höllische Physiognomie“ (Arno Schmidt) einer segregierenden (ab- und aussondernden) Dorfgesellschaft. Während sie auf der Skatbrüderebene die Gewalt der Söhne verleugnet, lässt sie den Terror auf anderen Herkunftstennen eskalieren. Kein Rodelvergnügen ohne Revierkampf, Ausgrenzung, Hackordnung und Sadismus.

Im Erzählfall töten Nachkommen der Eingesessenen einen Jungen mit Herzinsuffizienz, der nicht nur fremd vor Ort war, sondern auch den Rollenerwartungen nicht entsprach. Der Mord geht als Herzversagen in die Annalen ein.

Volker Widmann, Die Molche, Roman, Dumont Verlag, 22,-

Im Weiteren geht alles seinen Gang. Auf dem Schulhof spielen die Mädchen Gummitwist, die Jungen Autoquartett. Der Aufsicht führende Lehrer paradiert mit Rohrstock. Max, der Bruder des Opfers, behauptet sich zunächst mehr schlecht als recht nach den Regeln der Revierordnung. Tschernik drangsaliert ihn konsequent.

Max Schwarz hasst Ameisen. Bei einer Schlittschuhpartie bricht das Eis unter ihm. Immer deutlicher zeigt ihm das Nachbarsmädchen Ellie ihr Interesse. Sie bleibt nicht die Einzige, die Max schöne Augen macht. Da ist noch Marga.

Der Überlebende erschließt sich den Raum der anderen. Er weicht aus, erweitert seinen Radius, entdeckt in der dörflichen Umgebung Flecken, auf denen er nicht sofort dem Druck einer Belagerung ausgesetzt ist.

Unter Kiefern gerät Max in den Sog einmaliger Sensationen, als er auf jede Menge Flaschenbruch stößt. 

„Der Sonnenschein brach sich in einer Ladung Glas.“

„Der Lastwagen hatte die ganze Produktion einer Glashütte, bei deren Herstellung etwas schiefgelaufen sein musste, die auf unvorstellbare Weise misslungen sein musste, hier abgekippt.“

Max gewinnt Statur. Seine Qualitäten ziehen Mitstreiter:innen an, die eine sonst wie begründete Opposition davon abhält, hinter Tschernik herzulaufen. Gemeinsam gründen sie einen Nachrichtendienst mit „Hauptquartier“. Fortan kann Tschernik keinen Schritt mehr tun, ohne dass die Gegenbande auf dem Laufenden ist.

„Tschernik fährt Honig aus. Mit dem Fahrrad. Zuerst im oberen Dorf, dann fährt er unten an der Brauerei vorbei, biegt nach Westen ab.“

Jetzt wird es spannend.

Aus der Ankündigung

Die fremde Welt der Erwachsenen

»Eine fast magische Erzählung über die erste Erfahrung mit dem Tod und das Aufblühen der allerersten Liebe. Die wunderbar kraftvolle, dunkle Naturpoesie hat mich sofort in das Buch gesogen und nicht mehr losgelassen.« Ewald Arenz

Ein bayerisches Dorf im Nachkriegsdeutschland: Als Zugezogener hat der 11-jährige Max es schwer, Freunde zu finden. Daher sind er und sein verträumter Bruder die idealen Opfer für eine Bande derber Dorfjungen. Und so schauen alle zu, wie Max’ Bruder eines Tages in die Enge getrieben wird, der Erste einen Stein wirft, dann ein Stein nach dem anderen fliegt. Der Junge stirbt. Auch Max hat zugesehen und aus Angst nicht geholfen. Von den Erwachsenen wird die Tat schnell als Unfall abgetan Wieder ist Max, der mit niemandem über seine Einsamkeit und die Quälereien sprechen kann, mit seinen Gefühlen allein. Wie die anderen Kinder versteht auch Max die Erwachsenen nicht: die tüchtigen Mütter, die unnahbaren Väter, ihre unberechenbare Härte gegenüber den Kindern, ihr Schweigen, wenn es um die Vergangenheit geht, ihr Wegschauen bei Konflikten. Geplagt von seiner Schuld und dem Schmerz über den Verlust seines Bruders, flüchtet er sich in seine Streifzüge in die Umgebung des Dorfes, in seine Beobachtungen der Natur, deren Schönheit ihm Trost spendet. So wie die Molche. Seine Entdeckungen lenken Max ab, bis er schließlich doch zwei Freunde findet – und Marga. Gemeinsam beschließen sie, gegen die Bande vorzugehen.

Atmosphärisch dicht erzählt ›Die Molche‹ von der Befreiung eines Jungen von Duckmäuserei und Verdrängung.

Volker Widmann wurde 1952 geboren. Er ist Schriftsteller, Berater von sozialen Unternehmen und Veranstalter von Konzerten mit zeitgenössischer improvisierter Musik. Er lebt in Hebertshausen im Dachauer Hinterland.