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17.04.2022, Jamal Tuschick

„Mich gehen diese (römischen) Kaiser nichts an ... mich interessiert nur, dass sie zu Text von Tacitus geworden sind.“ Heiner Müller

Christoph Hein vor dem Berliner Ensemble © Jamal Tuschick

Auf Transitstrecken des melancholischen Eigensinns

Ständig zündete sich jemand eine Zigarette an. Müller rauchte Zigarre. Er inszenierte am Schauspiel und lud mich in den Frankfurter Hof ein.

„Allein gelassen schien er schmal wie ein Kind in der Fremde“, sagt Strittmatter über Brecht. Ich sah so Müller in Frankfurt. Er schenkte mir den „Fremden Freund“ („Drachenblut“). Er wäre enttäuscht gewesen, wenn ich das Buch nicht schon gekannt hätte. Die Konvergenztheorie versprach eine Annäherung der deutschen Staaten als einer Angelegenheit bürgerlichen Behagens. Sie ging von zwei sich zusammenraufenden Konsumgemeinschaften aus. Abstimmungen in der Warenwelt sollten die ideologische Differenz bis zur niedrigen Schwelle mindern. Christoph Heins „Fremder Freund“ zeigt die DDR als fortgeschrittene, zugleich lethargische Gesellschaft. Die Protagonist:innen sind ganz privat, der staatliche Einfluss ist ein Rinnsal. Hein weist seinen Held:innen Merkmale der Vereinsamung nach, er spielt mit Dekadenzmotiven. Die Trennung von Staat und Person ist vollzogen, das beschreibt ein Scheitern. Wollte die DDR doch die Aufhebung dieser Trennung, um auf der Ideallinie vom Engagement jedes einzelnen zu profitieren - in einer sozialistischen Volksgemeinschaft.

Man fotografiert Wolken, passiert in Nouvelle Vague-Landschaften gesetzte Ruinen auf Transitstrecken des melancholischen Eigensinns. Der Staat stört am Rande. Gegebenenfalls entscheidet man sich gegen das Kollektiv, das doch über dem „schädlichen“ Individualismus stehen sollte. Mit dem Abstand von Jahrzehnten ist das Erstaunliche an dem Roman die hermetische Manier, in der Hein Anfang der 1980er Jahre von dem Ungeheuer Entfremdung und der Ungeheuerlichkeit des kapitalistischen Einbruchs in ein sozialistisches Revier erzählt.

Hein stellt ein Desaster fest. Müller bestätigt Heins Feststellung. In einem Gespräch mit Sylvère Lotringer sagt er 1981: „Für junge Paare (in der DDR) kommt zuerst das Kind, danach das Auto. Die Leute müssen acht Jahre auf ein Auto warten. Das ist ihr Bild von der Zukunft.“

Lotringer: „Die sozialistische Utopie, verheiratet mit westlichem Konsum?“
Müller: „Das ist die gegenwärtige Aussicht - und eins meiner Schreibprobleme. Ich habe kein Interesse an dieser Art von Leben, und ich kann mich nicht dazu bringen, darüber zu schreiben.“

Auf den Skalen des Befremdens ist das eine Äußerung im roten Bereich. Die neue Gesellschaft - „der Kommunarden Traum vom Ich zum Wir“ - wird nicht gelingen. Das heißt in der Konsequenz: „Meine Hauptexistenz ist im Schreiben. Das andere geschieht mechanisch.“

Bei Botho Strauß liest sich das zur selben Stunde so: „Ich bin jetzt definitiv ins Heft umgezogen.“ Strauß ist der andere Theaterautor auf dem Weg nach ganz oben. Müller nennt ihn einen Fotografen.
Die Ideen verschwinden auf den Bühnen in Kunstfallen. Man findet bei Müller immer gründliche Begründungen für das Scheitern einer Inszenierung oder eines Staates. Erklärt er Erfolg, dann spürt man eine Tendenz zur Flüchtigkeit. Strauß „fotografiert“, Besson ist „plebejisch“. Die BRD macht es auch nicht mehr lange. Ohne kommunistische Utopie ist eh alles nichts. Das erkennt man schon an den falschen Zigarrenschneidern in westdeutschen Hotels. Besson ist außerdem manieriert, manieriert aus Feigheit.

*

Zwischen Sergio und mir hatte sich die Anziehungskraft längst erschöpft, als wir noch einmal zu meiner Küste fuhren, es war März, die Sonne, ein Kaltstrahler. In Kiel erinnerte ich mich an unseren Anfang so, als hätten wir alles gemeinsam erlebt, auf jeden Fall die Nächte miteinander verbracht. Das war überhaupt nicht der Fall gewesen. Im Marcel Arch trafen wir Friedrich. Ich konnte mir den Kummer der letzten Jahre nicht mehr erklären. Weshalb nochmal hatte ich Nächte vertan, ununterbrochen geraucht und Gedichte für und gegen Sergio geschrieben?  

In Friedrichs Wohnung standen Blumen im Weizenglas. Die Blumen musste eine Frau vorbeigebracht haben. Ich widerstand dem Wunsch, Friedrich ins Gebet zu nehmen und seine Aschenbecher zu zählen. Einen hatte ich in Jos Fritz´ Freiburger Buchhandlungscafé eingepackt. Manchmal waren wir einfach losgefahren. In der Fruchtschale, die ich Friedrich geschenkt hatte, gammelte eine Avocado. Mir gefielen Streifen, die Friedrich über die Wände gezogen hatte. Friedrich legte eine Platte auf. „Etwas Besseres hast du noch nie gehört“, sagte er, und ich wusste gleich, dass er Recht hatte.

Tagsüber waren Sergio und ich Freunde. Wir fuhren ans Meer und aßen am Strand. Nachts war unser Verhältnis einfacher und komplizierter. Wenn ich wieder so weit war, dass ich ohne Erklärungen nicht sein konnte, sagte ich mir vor: Wenn es das ist, was uns noch geblieben ist, dann soll es dabei ein gutes Bewenden haben. Besser als nichts, dachte ich, so wie man stolpert. Als wir mit Friedrich nach Hamburg fuhren, wurde mir klar, dass es nie mehr gewesen war.

„Ich werde nicht schlau aus euch“, sagte Friedrich auf Sankt Pauli. „Wie steht ihr zueinander?“

Was sollte ich sagen? Sergio sagte nichts. Er trug einen Mantel, den ich für ihn auf dem Sachsenhäuser Flohmarkt gefunden hatte. Es war für ihn immer schon ganz einfach gewesen, mich zu verletzen. Wir kamen kauend aus einem Döner- in einen Plattenladen. Friedrich wollte mir die beste Platte der Welt schenken. Angeblich war es in Moskau gerade wärmer als in Hamburg.

Sergio und ich fuhren nach Husum. Ich kannte wen in Schobüll. Der war nicht da. Sergio sagte: „Überleg dir was.“ Also fuhren wir nach Laboe. Ich fotografierte das U-Boot am Strand. Ich hob nicht eine Muschel auf. Wir setzten uns in ein Café zu lauter Brillenkettenträgerinnen.

*

Cees Nooteboom las in der Kieler Kunsthalle. Zwischen Friedrichs Wohnung und der Halle lag die ganze Stadt. Wir gingen trotzdem zu Fuß. Friedrich lahmte wie ein Greis. Er war immer noch in mich verliebt.

Wir sind noch nicht fertig miteinander, schrieb Müller. Er wurde immer offensichtlicher, dass er wegen mir in Frankfurt blieb. Meinem Studium gab er Auftrieb und Richtung. Historisch schlug die Stunde der ostdeutschen Dramatik. Einar Schleef kreuzte auf, keiner konnte mich nachdenklicher in Augenschein nehmen. Der Stotterer Schleef nahm das Publikum in Beugehaft. Er geißelte es mit seiner Not.