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20.04.2022, Jamal Tuschick

Verlockende Irritationen

Eine Spielfigur von verlockender Widersprüchlichkeit ist der Autor als Geodät. Mehr als einmal erzeugt Arno Schmidt einen Wasserfall der Differenz, um eine Herabsetzung zu kontern. Dann erscheint er als Mathematiker und Astronom mit einer langen geodätischen Praxis. So trumpft er Hermann Hesse gegenüber auf. Der Debütant erklärt den Arrivierten zum naturwissenschaftlich unzulänglich gebildeten Apostel gefühlter Wahrheiten, während er selbst herausragend im Bild ist. 

Sven Hanuschek, „Arno Schmidt“, Biografie, Hanser, 45,-

Schmidt fühlt sich von einer oberflächlich-wohlwollend gehaltenen Rezension (der Publikation eines Namenlosen/ des literarisch namenlosen Schmidt) geschmäht, aber nicht so sehr, dass er nicht mit Hesses guten Namen für seine erste Einzelpublikation werben würde.

Das ist eine andere Geschichte. Mir geht es um den Aufriss zwischen fachmännischer Kompetenz und laienhaften Spekulationen. Es spricht wenig dafür, dass Schmidt als Mathematiker kein Autodidakt war. Der mathematische Autodidakt ist als Unikum noch gar nicht ins literarische Spiel gekommen. Er führt den unmöglichen Beweis am Küchentisch. In der konkreten Situation der allerunmittelbarsten Nachkriegszeit mit Aussicht auf ein paar Büchsen im Regal über dem Herd.

Im Ornat eines staatlich geprüften Mathematikers stapelt Schmidt auf bizarre Weise hoch. Indem er den durch die Fachwelt spukenden Laien, der er wohl ist, akademisch aufmöbelt, rückt er die haltlosen Tatsachen seiner Existenz in ein besonders grelles Licht.

Der Aufschein einer erweiterten Selbsterkenntnis: Schmidt weigert sich die Lesermeinung eines studierten Mathematikers auch nur zur Kenntnis zu nehmen. In den „Schwarzen Spiegeln“ beschäftigt sich der Erzähler bahnbrechend mit dem im 17. Jahrhundert formulierten, aber erst 1994 bewiesenen Großen Fermatschen Satz.

Schmidt behauptet seiner Frau gegenüber, er habe das mit Fermat assoziierte Problem gelöst, um die Feststellung zu relativieren. Danach glaubt er nicht an die Richtigkeit des Beweises und möchte von einem Professor wissen, wo der Fehler liegt. In Academia kursieren Laienbeweise als ein eigenes Genre. Schmidt verhält sich wie der sprichwörtliche Simpel, dem die Quadratur des Kreises im Schlaf eingefallen ist.

„Die Quadratur des Kreises gehört zu den populärsten Problemen der Mathematik. Jahrhundertelang suchten neben Mathematikern auch immer wieder Laien vergeblich nach einer Lösung. Der Begriff Quadratur des Kreises ist in vielen Sprachen zu einer Metapher für eine unlösbare Aufgabe geworden.“ Wikipedia

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Schon als Lehrling erscheint Schmidt wie ein Lehrherr. Man überträgt ihm Verantwortung, er bewährt sich. Als Vorgesetzter beweist er Strenge. Er charmiert die Damen im Betrieb. Seine Braut trifft er zuerst als Kollege.

Schmidt weiß zu gefallen. Er schillert in den Farben einen Provinzpfaus. Er funktioniert dann auch in der Wehrmacht. Wieder erfüllt er seine Aufgaben. Wieder erntet er Bewunderung. Wieder weiß er, wie es geht. Zur rechten Zeit macht er sich dünn, geht in die richtige Gefangenschaft und angelt sich da sofort einen Qualitätsjob. Schmidt wird Dolmetscher und bleibt das über seine Entlassung hinaus.

Die Zeitgenossen erleben Schmidt als einen Mann, der sich zu helfen weiß. Die Ära der Geschmeidigkeit endet gleich nach dem Krieg. Schmidt bleibt sozial konsequent hinter dem Tempo der aufblühenden Bundesrepublik zurück. Vom Feld abgeschlagen führt er sein Rübenwinterdasein fort über alle Fristen.  

Einer immer noch begabter als du

In den Jahren zwischen 1946 und 1950 strebt Schmidt nach einer genretypischen Beglaubigung seiner Berufung. Als hellsichtiger Förderer tritt Kurt Marek auf den Plan. Während Schmidt auf der Stelle tritt und mit den Hufen scharrt, zerreißt sich der erste Rowohlt-Lektor nach Fünfundvierzig zwischen Funkjobs, Printaufträgen und der ewigen Alster-Party.

Als Lektor nimmt Marek kurzerhand selbst die Schlüsselstellung für sein eigenes Wohl und Wehe als Autor ein, um sie dann auch zu halten. Hält er Schmidt hin? Tarnt er mit seiner Werbung für die Karstgestalt aus der Heide die eigenen Autoreninteressen?

Schmidts verstiegene Prosa als Kunstfeder an der Tarnkappe eines Smarten: so erscheint mir die Konstellation.

Schmidt streicht noch Flüchtlingsprisen im Brotmarkenstil ein, als der publizistische Tausendsassa seinen größten Coup vorbereitet. Niemand außer ihm kennt das Manuskript, aus dem der erste Rowohlt-Nachkriegsbestseller werden wird. Der Lektor Marek überzeugt Verlegervater und -sohn Rowohlt viel (geliehenes) Geld für den Autor Marek in die Hand zu nehmen.

Ist das nicht genial?

Und jetzt kommt die Knatterbüchse Schmidt um die Ecke und will, dass man ihm sechs Pfund dänisches Pferdegulasch aus einem Sonderangebot mitbringt.

Zur Umgebung

Schmidts Publikationsgeschichte eröffnet ein zähes Ringen um das Debüt. Sein wichtigster Ansprechpartner ist Kurt Marek, erster Lektor des neu gegründeten Rowohlt Verlags, Redakteur der WELT, Lizenzinhaber eines eigenen Periodikums namens „Benjamin“, NDR-Nachtprogrammbeitragslieferant und Rechercheur in eigener Sache. Weltberühmt wird er unter dem Pseudonym „C.W. Ceram“ mit dem Roman der Archäologie „Götter, Gräber und Gelehrte.  

„Einen außergewöhnlichen Erfolg erlangte 1949 C. W. Cerams … „Götter, Gräber und Gelehrte“ … Am 23. Februar 1950 gab der Rowohlt Verlag bekannt, innerhalb von fünf Wochen rund 12.000 Exemplare zum Preis von je zwölf DM verkauft zu haben.“ Wikipedia

Marek platziert sich selbst bei Rowohlt als Bestsellerautor. Er setzt sein eigenes Werk durch, während er mit Schmidts Kunst winkt.      

Aus der Ankündigung

Sven Hanuschek legt die erste grundlegende Biografie über Arno Schmidt vor – mit überraschenden Entdeckungen aus dem Nachlass des Schriftstellers

Er stilisierte sich zum Einzelgänger in der Heide, seine Leserschaft versteht sich bis heute als verschworene Gemeinschaft: Und doch hat es Arno Schmidt zum Klassiker der Moderne gebracht. Bis jetzt aber fehlte noch eine grundlegende Biografie, die auch dem umfangreichen Nachlass gerecht wird. Sven Hanuschek hat eine Fülle neuer Quellen ausfindig gemacht, die einen neuen, umfassenden Blick auf Schmidts Persönlichkeit eröffnen, auch wenn sie damit manch vertraute Mythen entzaubern. Und er hilft bei der Orientierung in einem riesenhaften Werk, das zu den Höhepunkten der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zählt. Nicht nur Arno Schmidts Gemeinde hat schon lange auf eine solche Biografie gewartet.

Zum Autor

Sven Hanuschek, geboren 1964, ist Publizist und Professor am Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien bei Hanser Elias Canetti (Biografie, 2005), bei Zsolnay Laurel und Hardy (Eine Revision, 2010), außerdem ist er einer der Herausgeber von Elias Canettis Briefen, die 2018 unter dem Titel "Ich erwarte von Ihnen viel" erschienen sind. Er lebt in München.